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Das Darknet: Hort der Kriminalität oder Bastion der Meinungsfreiheit?

Länder: Deutschland

Tags: Darknet, Internetkriminalität, Leipzig

In Leipzig läuft momentan der Prozess gegen einen 20-jährige Mann, der laut Vorwürfen über das "Darknet", ein durch anonymen Zugang abgeschotteten Raum im Internet, mit bis zu 914 Kilogramm Drogen gehandelt haben soll. Gleichzeitig sind solche anonymen Netzwerke oft auch für Kritiker, Whistleblower und Regimegegner überlebensnotwendig. 

 

Anonymity Newsletter

Illustration: Newsletter für Informationen zum Darknet auf der Seite Silkroad 3.0

Seit 2011 geht die Seidenstraße nicht mehr nur von China aus, sondern auch und vor allem vom Internet. Genauer gesagt, vom "Darknet". Zwei Jahre lang wurde dort die Webseite "Silk Road" betrieben, die von den – natürlich anonymen – Hintermännern offen als "Amazon für Drogen" beworben wurde. Den Behörden gelang es 2013 die Seite zunächst kurzzeitig und 2014 dann endgültig zu schließen. Seitdem aber boomen die Darknet-Märkte, nun unter Namen wie "Agora" oder "Evolution", und die Fahnder und staatlichen IT-Experten liefern sich einen technologischen Wettlauf mit den Betreibern der Seiten.

Der nun in Leipzig vor Gericht stehende 20-jährige Mann hatte mit seiner Seite "Shiny Flakes" Substanzen wie Kokain, LSD, Ecstasy und Haschisch gehandelt – laut Staatsanwaltschaft "alles außer Heroin" – und damit Millionen Euro umgesetzt. Was aber ist dieses "Darknet", das solche illegalen Aktivitäten ermöglicht, dessen sich aber auch Whistleblower wie Edward Snowden, die Enthüllungswebseite Wikileaks oder das Hacker-Netzwerk Anonymous bedienen?

 

Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 96 Prozent der Online-Inhalte durch normale Suchmaschinen nicht zu finden sind – das sind teilweise einfach private Cloud-Inhalte, Firmendaten, Online-Journale und wissenschaftliche Datenbanken. Diese nur beschränkt zugänglichen Bereiche werden "Deep Web" genannt. Das Darknet bildet einen Teil des "Deep Webs", geht aber in punkto Anonymität und Möglichkeiten einen großen Schritt weiter. Es handelt sich hierbei um anonyme Parallelnetzwerke, oft auch Tor-Netzwerke genannt, die weder durch Suchmaschinen zu finden sind noch durch Außenstehende wie Polizei und Geheimdienste verfolgbar oder auch nur wahrnehmbar sind. 

 

ARTE Info hat mit Diplom-Ingenieur Markus Kammerstetter von der TU Wien über das Phänomen gesprochen. Mehr Informationen zum "Darknet" finden sich in unserer Infografik. 

 

Dipl.-Ing. Markus Kammerstetter, TU Wien

Dipl.-Ing. Markus Kammerstetter, TU Wien

 

ARTE Info: Wie leicht ist es mithilfe des "Darknets", Seiten wie "Shiny Flakes" zu betreiben?

 

Markus Kammerstetter: Wird vom "Darknet" gesprochen, so handelt es sich hier üblicherweise um das Tor-Anonymisierungs-Netzwerk, also ein Netzwerk, das durch normale Suchmaschinen nicht auffindbar ist. Installiert man sich die Tor-Software, so kann man nicht nur über das Tor-Netzwerk anonymisiert surfen, sondern auch sogenannte "hidden services" betreiben. Der technische Aufwand ist vergleichbar mit dem Betreiben einer normalen Webseite im "Clearweb" und durch eine technisch versierte Person leicht umsetzbar.

 

Das Akronym TOR stand ursprünglich für "The Onion Routing" (etwa Datenlenkung nach Zwiebel-Methode) und beschreibt eine Anonymisierungstechnik im Internet. Durch Verwendung ständig wechselnder Server und Router wird die Anonymität des Nutzers gewahrt.

 

Kann man als einfacher User auf das "Darknet" zugreifen und Sachen erstehen oder braucht es dafür eine gewisse technische Expertise?

Es ist in der Tat sehr einfach, auf das Tor-Netzwerk, sprich das Darknet, zu verwenden.

Markus Kammerstetter - 26/08/2015

Markus Kammerstetter: Es ist in der Tat sehr einfach, das Tor-Netzwerk, sprich das "Darknet", zu verwenden. Das Tor-Netzwerk stellt etwa einen fertigen "Tor-Browser" zum Download zur Verfügung. In dem Paket ist nicht nur ein Tor-Client, sondern auch ein vorkonfigurierter Browser enthalten. Einmal installiert kann es dann sofort losgehen und man kann nicht nur im Tor-Netzwerk auf "hidden services" zugreifen, sondern auch im normalen Web anonym surfen. Will man Dinge erstehen, so kommen hier üblicherweise digitale Währungen, wie Bitcoins zum Einsatz, die man zuvor auf möglichst sichere und anonyme Weise über andere Zahlungsmittel eintauschen kann.

 

Wie groß schätzen Sie das Ausmaß illegaler Aktivitäten im Darknet und gibt es Ideen für Gegenstrategien?

Markus Kammerstetter: Im Tor Netzwerk gibt es eigene Suchmaschinen und Verzeichnisse für "hidden services". Hier kann man sich leicht selbst ein Bild von der Sache machen. Illegale Aktivitäten reichen hier von Drogen- und Waffenhandel bis hin zum Beauftragen von Auftragskillern. Da die Services jedoch anonym sind, muss sich auch immer die Frage gestellt werden, ob es reale Dienstleistungen sind, oder hier lediglich Leute anonym abgezockt werden sollen.

Die Gegenstrategien für die Strafverfolgung basieren typischerweise darauf, dass die Betreiber zu irgendeinem Zeitpunkt zu viele Informationen preisgeben und sich dadurch aufspüren lassen. Zudem sind für derartige Dienstleistungen auch Zahlungstransaktionen (etwa über Bitcoin), sowie reale Lieferungen notwendig die sich gegebenenfalls zum Aufspüren der Personen eignen.

Illegale Aktivitäten im Darknet sind letztendlich ein gesellschaftliches Problem.

Markus Kammerstetter - 26/08/2015

Grundsätzlich muss ich jedoch sagen, dass es letztendlich ein gesellschaftliches Problem ist. Das Tor-Netzwerk ist ein wertvolles Kommunikationsmedium mit dem in Zeiten der Datensammelwut, Big Data und der NSA dennoch Anonymität ermöglicht werden kann. Wie jedes andere Medium wird auch das Netzwerk sowohl für legale wie auch für illegale Aktivitäten genutzt, wo bei durch die Anonymisierung die Wahrscheinlichkeit aufgespürt zu werden, geringer ist.

 

Wie wichtig ist die Möglichkeit der Anonymität die das "Darknet" bietet für den Kampf um Meinungsfreiheit und Pressefreiheit?

In der heutigen stark überwachten Datenwelt ist es sehr wichtig, noch ein geeignetes anonymes Kommunikationsmedium zu haben. 

Markus Kammerstetter - 26/08/2015

Markus Kammerstetter: Wie in der obigen Antwort schon angemerkt, ist es aus meiner Sicht besonders in der heutigen stark überwachten Datenwelt sehr wichtig, noch ein geeignetes anonymes Kommunikationsmedium zu haben. Auch Zensur kann damit umgangen werden. Für Kritiker, Whistleblower und Regimegegner ist die Anonymität wichtig, um nicht sofort den zu erwartenden Repressalien ausgesetzt zu werden. Aus selbigem Grund kann auch ein höheres Maß an Presse- und Meinungsfreiheit gewährleistet werden.

Wenn international (und damit auch bei uns in der EU) unter dem Deckmantel der Sicherheit Milliarden ausgegeben werden, um die Bürger mit Smartphone, Internet, Kreditkarten, Überwachungskameras und automatisierter Gesichts- und Kennzeichenerkennung auf Schritt und Tritt zu überwachen, dann muss es auch ganz im Sinne von "Freiheit statt Angst" eine Möglichkeit geben, der ständigen Überwachung zumindest zeitweise entrinnen zu können.

 

Mehr Informationen zum "Darknet" in unserer Infografik.

 

Was ist Darknet?