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Das Buch stirbt nicht aus, ganz im Gegenteil

Länder: Frankreich

Tags: Literatur, Buch

Zum Lesen, so heißt es immer wieder, benutzen unsere Zeitgenossen nur noch Smartphones oder E-Books. Das stimmt aber keineswegs. Denn im vergangenen Jahr hat der Buchmarkt in Europa, trotz der elektronischen Konkurrenz, Zuwachs verzeichnet. Das gilt gerade auch für Frankreich. Aus Paris berichtet Hérade Feist.

Marché du livre : je lis, tu lis, nous lisons

Interview

Das Buch lebt, es lebt wieder auf

Dem Buchhandel geht es besser. In den Niederlanden sind 2015 die Verkäufe um 4,8 Prozent gestiegen. In Spanien um 2 Prozent. Auch in Frankreich lässt sich anhand der Zahlen des 'Syndicat national de l’édition' nunmehr eine Steigerung der Verkäufe um 1,7 Prozent für das Jahr 2015 feststellen und das nach fünf Jahren rückläufiger Tendenz. Wie kommt es zu diesem Aufschwung? Die auf Leseverhalten spezialisierte Anthropologin Michèle Petit hat herausgefunden, in unruhigen Zeiten gibt das Buch Halt und hilft, einen Sinn zu finden. 

 

Es ist deutlich spürbar, dass die Menschen nach Sinn suchen, um Oasen der Klarheit zu finden, um ihre Trauer in Schönheit zu verwandeln.

Michèle Petit

ARTE Info: Wie erklären Sie sich den Anstieg der Buchverkäufe? Sehen Sie eine Verbindung zu den Attentaten und somit zu den unruhigen Zeiten, die wir gerade durchleben?

Michèle Petit: Tatsächlich erinnert das zum Beispiel daran, was in New York nach dem 11. September eingetreten ist, als alle Geschäfte schlechte Absatzzahlen hatten, außer die Buchhandlungen. Die Menschen drängten in die Buchhandlungen. Und es gab damals selbst in Frankreich eine spürbare Veränderung. Das gleiche geschah nach der Finanzkrise 2008, viele Menschen zog es damals in die Buchhandlungen. Auch in Spanien zur Zeit der großen Krise vor einigen Jahren erlebten die Buchhandlungen einen Aufschwung. Das lässt sich tatsächlich schon seit längerem feststellen, aber in den letzten Jahren hat es sich verfestigt, trotz des vermeintlich deutlichen Rückgangs der Leserzahlen. Es ist deutlich spürbar, dass die Menschen nach Sinn suchen, um Oasen der Klarheit zu finden, um ihre Trauer in Schönheit zu verwandeln, um Halt zu finden, Sinn zu finden, um das, was geschieht zu versinnbildlichen.

Außerdem gibt es in Europa, neben der Atmosphäre erschütternder Brutalität und der allgegenwärtigen Angst, auch etwas, was mit Europa selbst geschieht. Man hat den Eindruck, dass es sich auf dem Weg zur Zersplitterung befindet. Auch wenn das teilweise eine Sinnestäuschung sein mag, gibt es Spannungen, die in diese Richtung gehen. Und an der Stelle ist das Buch vielleicht eine Welt, die Beziehungen erleichtert, die die Dinge in Zusammenhang setzt. 

 

Die Menschen befinden sich in einer komplizierten politischen Situation und sie wenden sich Büchern aus dem Bereich der Humanwissenschaft zu, weil sie dadurch direkt Kenntnisse erlangen, die ihnen helfen zu verstehen, was gerade passiert.

Michèle Petit

Bücher aus dem Bereich der Humanwissenschaften verkaufen sich immer besser, kann auch die Fiktion als Zuflucht dienen?

Michèle Petit: Vor einigen Jahren habe ich mich bei einer Recherche mit dem Beitrag, den das Lesen in schwierigen Situationen zur Rekonstruktion des Selbst leistet, beschäftigt und wenn man sich ansieht, welche Bücher es sind, die zu oben genannten Oasen der Klarheit beitragen, ist es absolut beeindruckend, die enorme Vielfalt an Unterstützung zu sehen, die die Menschen dadurch erhalten und wie sehr oft das Unerwartete funktioniert. Klar, die Menschen befinden sich in einer komplizierten politischen Situation und sie wenden sich Büchern aus dem Bereich der Humanwissenschaft zu, weil sie dadurch direkt Kenntnisse erlangen, die ihnen helfen zu verstehen, was gerade passiert, aber es sind natürlich in solchen Situationen, selbst für Erwachsene manchmal, auch die Dichtungen, die Märchen, die Bildbände für Kinder, es ist natürlich die Fiktion, die diesen Raum für uns öffnen kann und in der man alle Arten von Bildern, Worten und Erzählungen finden kann, die unsere innere Welt wiederspiegeln und auch die äußere Welt etwas klarer und deutlicher werden lassen, wenn alles chaotisch erscheint. 

 

Die Kinder und Jugendlichen interessieren sich nicht für Bücher, weil sie dadurch bessere schulische Leistungen erreichen, sie interessieren sich dafür, weil sie spannend sind, poetisch und fesselnd. 

Michèle Petit

Das Lesen zu lieben, kann man das lernen?

Michèle Petit: Ich sage oft, dass wir nicht vergessen dürfen, dass wir poetische Tiere und narrative Tiere sind. Denn man hat sehr lange über das Lesen gesprochen, indem man schuldzuweisende und sehr langweilige Debatten über den schulischen Nutzen, der sich daraus ziehen lässt, geführt hat. Ich war mir nicht sicher, ob das dazu führen kann, die Kinder und Jugendlichen dazu zu bringen, sich dem Lesen zu widmen.

Die Kinder und Jugendlichen interessieren sich nicht für Bücher, weil sie dadurch bessere schulische Leistungen erreichen, sie interessieren sich dafür, weil sie spannend sind, poetisch und fesselnd. Und weil sie eben diese Dimension besitzen, sie sind poetische Tiere, narrative Tiere, die nach einer Antwort suchen auf das, was sie auf unbeschreibliche Weise in ihrem Inneren empfinden. Man darf also nicht vergessen, was an erster Stelle steht und wichtiger als diese zweckorientierte Dimension ist, die dem schulischen Nutzen dient. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016