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Dany's Abschied

Länder: Frankreich, Deutschland

Tags: daniel cohn-bendit, Die Grünen, Europaparlament

Jahrzehnte war er DIE Gallionsfigur der Grünen in Deutschland und Frankreich: Daniel Cohn-Bendit. Am Mittwoch verabschiedete sich der 69-jährige aus dem Europaparlement und damit aus der aktiven Politik. Die Medien, also auch uns Journalisten, hat er weniger geliebt, dafür mehr gehasst. Grund für uns vom ARTE Journal "Dany", wie er von seinen Freunden genant zu wurde, in einem sehr persönlichen, offenen Brief von Gerald Pinkenburg zu würdigen.


Lieber Dany,
ich nenne dich hier mal so, auch wenn ich weiß, dass du das wahrschienlich gar nicht gut findest. Aber ich denke, es ist an der Zeit, dass wir uns versöhnen. Schließlich sind wir nun beide in einem Alter, in dem das "Kindergartengehabe" ein Ende haben muss - oder zumindest sollte. Du wirst dich sicher nicht mehr daran erinnern: Es war irgendwann in den 90er Jahren, als meine damalige Politik-Redaktion beim Westdeutschen Rundfunk in Köln auf die Idee kam, dich zu interviewen. Ich glaube, sie fand dich ganz toll! Ausgerechnet ich sollte das machen. Deinen Namen hatte ich zwar schon mal gehört, aber ich hatte keine Ahnung, was du genau machst. "Du musst dich da einlesen!", sagte mir die Redakteurin und gab mir einen Riesenstapel in einer Lose-Blatt-Sammlung. O.K., das Telefon-Interview sollte am nächsten Morgen in der Frühsendung des Radiosenders stattfinden, ich war ziemlich müde von vorherigen Moderationstagen und hatte keine große Lust aufs Einlesen. Also ließ ich es - weitestgehend. Nur die dringendsten "Facts" las ich quer. Reicht ja - wie bei den meisten Interviews (dachte ich...). Ach so, es sollte noch einen "Einspieler" geben. Auch das hatte sich meine Redakteurin, deren Namen ich hier lieber verschweige, so ausgedacht. Es war aus einer Rede auf einer Demo (oder so), die du einmal in Paris gehalten hast. Natürlich auf Französisch. Was du sagtest (ich konnte damals kaum ein Wort Französisch), konnte ich nicht verstehen - es war aber auch egal. Mir zumindest. Es ging um die Stimmung und die war offenbar aufgeheizt. Das Ganze war aber auch Jahre her und nun warst du Dezernent für multi-kulturelle Angelegenheiten in Frankfurt am Main.

Das Radio-Interview

Nun war es also 7.15 Uhr oder so und das Interview sollte losgehen. Ich weiß nicht mehr, ob wir vorher noch miteinander sprachen. Egal. Die Musik war zu Ende, der Techniker spielte den kurzen Redeausschnitt ein. An die Worte meiner Moderation erinnere ich mich noch, als wäre es gestern gewesen: "Daniel Cohn Bendit, damals in Paris klangen sie fast wie ein Anarchichst und heute sind sie bei der Stadt Frankfurt angestellt, haben wahrscheinlich einen Dienstwagen. Sind sie nun "gesattelt"?" Es folgte eine kurze Pause. Mir kam sie ewig vor... Dann brach der Sturm los! In einer Lautstärke, die den Pegel komplett in den roten Bereich katapultierte, polterteste du los: "Diese elenden Journalisten! Fällt euch nichts Besseres ein, als so ein Scheiß?" Den Rest weiß ich nicht mehr. Warscheinlich ist es auch besser so. Immerhin hast du nicht den Hörer aufgeknallt. Aber das Interview war dann ziemlich gelaufen. Meine Redakteurin kam nach der Sendung zu mir, hatte die Hände fassungslos vor's Gesicht geschlagen. "Was hast du da angerichtet? Bist du noch zu retten?" Ich sagte irgendsowas wie: "Damit muss er leben..." Meine Redakteurin verstand das Ganze nicht. Ich glaube, sie war in dich verliebt...

In den Jahren danach habe ich dich zwar nie persönlich kennengelernt, aber ich habe mich dann doch einmal damit beschäftigt, was du angestoßen und geleistet hast. Mich hat das sehr beeindruckt und heute finde ich es sehr schade, dass du dich aus der aktiven Politik zurückziehst. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir trotzdem noch einiges von dir hören und sehen werden. Dany, du bist einfach nicht der Typ, der so ganz geht. Ich hoffe es zumindest!

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016