China: Männer in Not

ARTE Reportage - Samstag, 16. Juli 2016 - 17:05

Länder: China

Tags: China, alleinstehende Männer

Chinas Männer finden keine Frauen mehr – eine Folge der Ein-Kind-Politik und der systematischen Abtreibung weiblicher Embryos über Jahrzehnte…

 

Chine : Le Peril Des Hommes

In China leben heute 30 bis 40 Millionen mehr Männer aus Frauen, in den nächsten fünf Jahren wird deshalb einer von fünf Männern schon aus rein mathematischen Gründen keine Frau zum Heiraten finden. Vor allem in manchen ländlichen Regionen finden sich ganze Dörfer, in denen vor allem Junggesellen mit ihren Eltern leben. Die wenigen jungen Frauen dort flohen in die Städte, um dort einen „reichen Mann“ zu heiraten. Manche Herren aus den Junggesellen-Dörfern reisen auf der Suche nach der Dame ihres Herzens weit in andere Regionen Chinas. Einige fahren sogar ins Ausland, nach Myanmar, Vietnam oder Indonesien, um sich dort eine Frau zu kaufen. Sogar in den Industriegebieten wie dem Perlfluss-Delta, einem der größten Wirtschaftsräume Chinas, sind Frauen Mangelware und heiß umworben von den jungen Arbeitern dort. Die Not der Männer ohne Frauen ist so groß, dass kriminelle Banden sich darauf spezialisiert haben, Frauen zu entführen und sie weit von ihren Heimatregionen entfernt an heiratswütige Männer zu verkaufen.

Offiziell hat China jetzt nach immerhin 35 Jahren die Ein-Kind-Politik beerdigt, aber das ganze Land trägt schwer an ihrem Erbe, dem massiven Ungleichgewicht der Geschlechter und der daraus resultierenden tiefen Verzweiflung der Männer ohne Frauen: Man nennt diese Unglücklichen auch „Guang Gun – Tote Äste“, weil sie niemals Früchte tragen werden.    

Von Marjolaine Grappe und Christophe Barreyre – ARTE GEIE / OrientXpress – Frankreich 2016

 

Interview

 

Frauen in Gefahr

 

In Asien sinkt der Anteil der Frauen an der Gesamtbevölkerung dramatisch, vor allem in Indien und China: Dort fehlen heute schon 170 Millionen Frauen, bis 2025 werden es 225 Millionen sein. Schuld ist die Privilegierung männlichen Nachwuchses, in Indien aufgrund der Tradition und in China wegen der Ein-Kind-Politik. Noch immer treiben dort Mütter ihre weibliche Föten ab. Die Frauen sind die ersten Opfer – doch nun trifft es auch die Männer: Viele finden keine Frauen mehr, um eine Familie zu gründen. 

Noch immer gilt die Geburt eines Mädchens vor allem in den ländlichen Regionen Indiens als ein Risikofaktor für die Familie: Mädchen werden heiraten, der Bräutigam verlangt dafür eine Mitgift und sie wird sich um die Schwiegereltern im Alter kümmern, nicht um die eigenen Eltern. Ein Sohn aber holt nicht nur eine Schwiegertochter mit Mitgift ins Haus, sondern bleibt auch den Eltern treu und gibt ihnen Sicherheit im Alter. So sieht man das auch in China - dort hat die 1979 verordnete Ein-Kind-Politik die Lage für die Mädchen noch einmal verschärft. Die Einführung der Ultraschall-Diagnose hat in Indien und China dazu geführt, das Schwangere seit vielen Jahren vor allem wissen wollen, welches Geschlecht das Neugeborene haben wird – wenn es kein Junge ist, dann treiben sie das Kind ab.

Indien und China haben das Problem erkannt und in beiden Ländern versuchen sie, gegen die gezielte Abtreibung von Mädchen vorzugehen, vor allem durch Aufklärungskampagnen – in den Großstädten verändern sich die Verhältnisse allmählich, aber auf dem Land wird es wohl noch dauern, bis die Menschen lernen umzudenken. China hat ab November 2015 das Ende der Ein-Kind-Politik verkündet, Paare dürfen jetzt zwei Kinder bekommen. Doch es wird wohl noch mindestens eine Generation dauern, bis das über 35 Jahre produzierte Ungleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Neugeborenen ausgeglichen sein wird.

Süd Korea hat 1995 Gesetze erlassen, die sich gegen die gezielte Abtreibung aufgrund des Geschlechts richten – auch dort privilegierten sie bis dahin den männlichen Nachwuchs. 

In Vietnam verordneten die Behörden über Jahrzehnte eine Zwei-Kind-Politik, um die rapide Zunahme der Bevölkerung nach dem Ende des Vietnamkriegs ab 1975 zu begrenzen. Seitdem sind auch hier die Männer in der Überzahl: Auf 112 neugeborene Jungen kommen nur 100 Mädchen. 2011 lockerte die Regierung die Richtlinie zur Familienplanung, seitdem dürfen Eltern unter bestimmten Voraussetzungen auch ein drittes Kind bekommen.

In einem Land der Welt aber gibt es viel mehr Frauen als Männer: In Russland. Das liegt am weit verbreiteten Alkoholismus der Männer dort – der lichtet ihre Reihen dramatisch. Russische Frauen suchen sich aus diesem Grund seit gut zehn Jahren vermehrt Ehepartner im Ausland, vor allem im Westen.  

 

Christophe Huber und Uwe Lothar Müller

 

 

Archiv

China: Geboren ohne Recht auf Leben

Welche Folgen die Ein-Kind-Politik für die Zweitgeborenen Chinas hatte, zeigte im April 2015 die einfühlsame Reportage von Marjolaine Grappe.

Die Reportage (wieder)sehen

Zuletzt geändert am 15. Juli 2016