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Camp 14: Was stimmt?

Länder: Nordkorea

Tags: Camp 14, Nordkorea, Menschenrechte, Shin Dong Hyuk

Shin Dong Hyuks bewegende Lebensgeschichte wurde erstmals 2008 in der Washington Post veröffentlicht: Der Sohn zweier politischer Gefangener sei in dem Hochsicherheitslager "Camp 14" in Nordkorea geboren und aufgewachsen. Dort sei er mit Feuer gefoltert und gezwungen worden, der Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruders beizuwohnen, bevor ihm 2005 die Flucht gelang. Blaine Harden, der Journalist der Post, dem er die Geschichte zuerst erzählte, veröffentlichte diese 2012 in dem Buch "Escape from Camp 14", das in 27 Sprachen übersetzt wurde. Ende 2012 kam auch der Film "Camp 14 - Total control zone" von Regisseur Marc Wiese in die Kinos, der 2014 erstmalig auf ARTE im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Doch im Januar 2015 eröffnete Shin plötzlich, nicht alles, was er erzählt habe, habe sich auch tatsächlich so ereignet. 

Folgende Punkte hat Shin Dong Hyuk inzwischen revidiert: 

 

Seine Inhaftierung

Bisher hatte Shin Dong Hyuk stets angegeben, ausschließlich in Camp 14 inhaftiert gewesen zu sein.

Nun sagt er: Als er sechs war, wurde er mit seiner Mutter und seinem Bruder in das weniger strenge Camp 18 verlegt. Von dort planten seine Mutter und sein Bruder ihre Flucht. Als er davon erfuhr, verriet er sie an die Wärter. Beide wurden daraufhin in Camp 18 hingerichtet und nicht wie bisher angenommen in Camp 14.

Was ist der Unterschied zwischen Camp 14 und Camp 18?  
Bei Camp 14 handelt sich um ein Hochsicherheitslager für politische Gefangene in Nordkorea. Wer dort einsitzt, wird nie wieder entlassen. Die Insassen müssen laut Zeugenberichten täglich von 5 Uhr morgens bis um Mitternacht arbeiten. Ungehorsam gegen die Lagerregeln wird mit Folter bestraft, schwerere Vergehen wie Fluchtversuche sogar mit dem Tod. Andere Arbeitslager wie das Camp 18 sind weniger drakonisch aufgebaut und dort sitzen auch Häftlinge ein, die nach einer bestimmten Zeit wieder entlassen werden.

 

Seine Fluchtversuche

Bisher hatte Shin Dong Hyuk lediglich angegeben, 2005 aus dem Hochsicherheitslager Camp 14 geflohen zu sein.

Nun ergänzt er: Er habe zunächst zweimal versucht, aus Camp 18 zu fliehen. Beim zweiten Mal sei er bis nach China gekommen, wurde aber nach einem Monat wieder an die nordkoreanischen Behörden ausgeliefert. Daraufhin wurde er erneut ins Hochsicherheitslager Camp 14 verlegt. Dass ihm von dort 2005 die Flucht gelang, vertritt er auch weiterhin.

 

Die Folter

Bislang hatte Shin Dong Hyuk behauptet, er sei bereits im Alter von 13 Jahren mit Feuer gefoltert worden.

Jetzt korrigiert er sich: Er sei bereits 20 Jahre alt gewesen, als man ihn einer Feuerfolter unterzog und zwar nicht, weil er verdächtigt wurde, fliehen zu wollen, sondern um ihn für seinen Fluchtversuch aus Camp 18 zu bestrafen. 

 

"Jeder von uns trägt Geschichten oder Dinge mit sich, die er lieber verheimlichen möchte. Wir alle haben Geheimnisse in unserer Vergangenheit, die wir nicht ans Licht bringen wollen. Auch ich wollte einen Teil meiner Vergangenheit verbergen. Wir sagen uns selbst, dass es in Ordnung ist, nicht jedes kleine Detail preiszugeben und dass es nicht schlimm ist, wenn einige Dinge nicht klar dargestellt sind. Nichtdestotrotz kann ich diese bestimmten Teile meiner Vergangenheit nicht länger verheimlichen und möchte es auch nicht", entschuldigt sich Shin Dong Hyuk auf seiner Facebookseite für sein Verhalten. 

 

Weshalb der Sinneswandel?

Die Vereinten Nationen richteten eine Untersuchungskommission ein, die die Einhaltung der Menschenrechte in Nordkorea untersuchen sollte. Shin Dong Hyuk wurde von der Untersuchungskommission in den Zeugenstand gerufen. Auszüge seiner Aussage und der anderer im Exil lebender Nordkoreaner sind über das Web TV der Vereinten Nationen abrufbar. 

 

Die Kommission beruft sich auf die Berichte von 80 Zeugen. Die Änderungen an Shins Aussage würden an den Ergebnissen des im Januar 2014 vorgelegten Berichtes nichts ändern, zitiert die Washington Post Greg Scaratoiu, den geschäftsführenden Direktor des Washingtoner Komitees für Menschenrechte in Nordkorea

Doch auch Nordkorea reagierte auf die Zeugenaussagen, die von der Untersuchungskommission zusammengestellt wurden. Ihr Ziel: beweisen, dass Shin ein Scharlatan ist, seine Geschichte frei erfunden. Dazu veröffentlichte Nordkorea ein Video mit dem Titel "Lie and Truth", in dem unter anderem Shins Vater zu sehen sein soll, der behauptet, seine Familie sei nie in einem der Sicherheitslager gefangen gehalten worden.

Eine andere Zeugin aus der Untersuchungskommission erklärte daraufhin, sie habe den Vater von Shin wiedererkannt: er sei ein ehemaliger Mithäftling aus dem Camp 18. Sie und andere nordkoreanische Flüchtlinge schlossen daraus, dass Shin womöglich nie im Camp 14 inhaftiert gewesen sei und wandten sich damit an südkoreanische Reporter. Shin geriet zunehmend unter Druck, seine Angaben zu verteidigen.

 

Die ganze Wahrheit?

Shin korrigierte also seine Aussage. Da Nordkorea den Zugang zu den Arbeitslagern systematisch verweigert, können die Aussagen der nordkoreanischen Flüchtlinge nur indirekt nachgeprüft werden, gesteht auch Marc Wiese, Regisseur des Films.

Ein anderer nordkoreanischer Flüchtling zweifelt auch an der neuen Version, wie die New York Times berichtet: "Er lügt immer noch. Du kannst nicht zweimal aus einem nordkoreanischen Gefangenenlager fliehen und überleben, so wie er behauptet, und sogar noch ein drittes Mal entkommen und dann auch noch aus einem Hochsicherheitslager."
Doch Shin hat weiterhin die Unterstützung von Buchautor Blaine Harden: "Ich bin überzeugt, dass er gefoltert wurde, wegen seiner Narben im Rücken. Und ich bin überzeugt, dass er aus Camp 14 floh, wegen seiner Narben an den Beinen. Er wurde von Ärzten untersucht, die bestätigten, dass die Narben von starken elektrischen Verbrennungen herrühren", sagte dieser gegenüber der Washington Post.

Auch für Marc Wiese ist klar, Shin hat zwar einige Zeit- und Ortangaben abgeändert, aber im Kern bleibt seine Aussage die gleiche und die Aussage des Films bleibt bestehen.

Der Dokumentarfilm gewann Anfang 2015 den Grimme Preis in der Kategorie Information und Kultur

Zuletzt geändert am 22. Januar 2018