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Calais: Schlagen Hilfsorganisationen aus der Flüchtlingskrise Profit?

Länder: Europäische Union

Tags: Calais, Flüchtlingskrise, Hilfsorganisation

„Wir haben lange genug Aktivisten unterstützt, die nicht gekommen sind, um ein Problem zu regeln, sondern, um neue Probleme zu schaffen.“ Bei ihrer Presseansprache am 16. Oktober 2017 ging die Bürgermeisterin von Calais Natacha Bouchart die Flüchtlingshelfer vor Ort hart an. Das illegale Flüchtlingslager von Calais - der Dschungel - wurde zwar vor einem Jahr aufgelöst, mittlerweile sind allerdings rund 1000 Menschen zurückgekehrt.

„Ich bin auf die Verbände böse, die mit sehr großen finanziellen Mittel ausgestattet und wahrscheinlich nur gekommen sind, um weiterhin in den Medien zu existieren“, so Bouchart über die Organisationen, die die Migranten unterstützen. Sie warf ihnen vor, "sich nur durch die Migrantenproblematik am Leben zu erhalten.“ An derartig bissige Beschreibungen sind die Männer und Frauen, die sich in Calais für Migranten engagieren, gewöhnt. Hinter dem wenig schmeichelhaften Bild als Agitatoren ersten Ranges zeichnet sich die Anschuldigung ab, dass die Verbände sich durch die Situation der Migranten bereichern. Ist das der Fall? Werfen wir einen Blick auf zwei wichtige Hilfsverbände vor Ort, l’Auberge des Migrants und Utopia 56.

Ein “Profit“, von dem nicht viele Leute leben

944.160 Euro. Auf diese Summe belief sich das Budget des Verbands l‘Auberge des Migrants im Jahr 2016. Eine „enorme“ Summe, das gibt der Vorsitzende Christian Salomé zu. Die man allerdings relativieren solle, wenn man bedenke, dass die NGO „zur Zeit anstelle des Staats den Bedarf von etwa 1000 Leuten deckt, und von etwa 10.000 vor der Auflösung des Dschungels.“

 Wir erzielen keinen Gewinn, langfristig geht unsere wirtschaftliche Sichtweite selten über den kommenden Monat hinaus.

Alexandra Limousin - Buchhalterin von Auberge des Migrants

„Wir erzielen keinen Gewinn, langfristig geht unsere wirtschaftliche Sichtweite selten über den kommenden Monat hinaus“, betont die Buchhalterin der Hilfsorganisation Alexandra Limousin. Wie bei allen Verbänden, die jährlich mehr als 153.000 Euro Spenden einnehmen, werden die Konten von einem vom Justizministerium bestellten Kommissar überprüft. Dessen Bescheid zur NGO fiel letztes Jahr günstig aus, der diesjährige Bescheid liegt noch nicht vor.

Das Geld stammt zu 95% aus Privatspenden, vor allem „von Kleinspendern, die 10 bis 50 Euro überweisen“, erklärt Christian Salomé. „Die letzte Förderung, die wir von der Stadtverwaltung von Calais erhalten haben, belief sich auf 1000 Euro; das war im Jahr 2016.“ Dieses Budget diente vor allem der Errichtung von Unterkünften und Finanzierung von Mahlzeiten für die Migranten sowie zum Unterhalt von den Fahrzeugen und der Lagerhalle, über die der Verband verfügt, so die Buchhalterin.

Der Verband beschäftigt ebenfalls drei bezahlte Angestellte, einer Vollzeit und zwei Teilzeit. Gelegentlich nimmt er auch junge Zivildienstleistende auf. Laut ihrem Vorsitzenden Hervé le Bloa beschäftigt die Hilfsorganisation Utopia 56 nur einen Angestellten in Calais, dessen Beschäftigung subventioniert wird. Sonst stützen sich beide Verbände auf Freiwilligenarbeit. Sollten die Hilfsorganisationen Profit machen, leben nicht viele Menschen davon. „Diejenigen, die unserem Verband beitreten, tun das aus Überzeugung, weil sie sich über die Lage der Migranten empören“, erklärt Christian Salomé. Sie sind nicht die Einzigen: Der staatliche Ombudsman (défenseur des droits) Jacques Toubon mahnte die öffentlichen Behörden noch letzten Sommer, sich „nicht auf eine Haltung zu versteifen, die einer Leugnung der Existenz der Exilanten [in Calais] gleichkommt.“ Christian Salomé verweist darauf, dass die Auberge des Migrants 2008 auf Wunsch der Stadtverwaltung geschaffen wurde. Mittlerweile habe sich die öffentliche Meinung aber gewandelt - „Hilfe für Migranten lohnt sich politisch nicht mehr.“

 

Durch Strafzettel von „Solidarität abschrecken“

Wer sich für die Migranten von Calais einsetzen will, sollte also nicht erwarten, damit das große Los zu ziehen. Es kann sogar das komplette Gegenteil passieren…wegen anfälliger Strafgebühren. Christian Salomé zufolge wird seiner Hilfsorganisation „ein Strafzettel pro Woche“ aus unterschiedlichen Gründen ausgestellt - sie reichen vom hinderlichen Parken über den „Verkehr von motorisierten Fahrzeugen ohne Reifen“ bis zur „mangelnden Scheibenwischerflüssigkeit“. Der Verein Gisti (Groupe d’information et de soutien des immigrés, Information und Unterstützung der Immigrierten) hat bereits letztes Jahr die Anhäufung von Strafzetteln angeprangert, deren Ziel die „Abschreckung der solidarischen Bemühungen im Dschungel von Calais“ sei -  kurz bevor der Räumung des Dschungels. Offensichtlich zeigen die Behörden auch heute noch die gleiche Strenge gegenüber den Personen, die sich vor Ort für die Migranten engagieren.

Margot, die letzen Mai im Rahmen ihres Zivildienstes für die Auberge tätig war, musste zwei Mal in eigener Person Strafe wegen „Unrats auf öffentlichen Verkehrswegen“ zahlen. Dabei handelte es sich ihr zufolge um Müll, der von Migranten liegen gelassen wurde, weil die Stätte trotz mehrfach wiederholten Anfragen des Verbands nicht mit einem Müllcontainer ausgestattet worden ist. Camille Six, Juristin bei der PSM (Plateforme de services aux migrants, Plattform für Dienstleistungen für Migranten), spricht empört von einer wahren „formaljuristischen Kreativität der Calaiser Polizei. Die Freiwilligen sind oft junge Studenten, Arbeitssuchende oder Rentner, die meistens alles andere als gut situiert sind, da wirken solche Strafen durchaus abschreckend.“

Wie alle anderen Menschen sind Migranten ein potentieller Wirtschaftsmarkt. Aber haben die Verbände, die sich regelmäßig an die Behörden wenden, um auf ihre katastrophalen Lebensbedingungen hinzuweisen, wirklich das große Los gezogen? 

Die Verbände im Clinch mit der Stadtverwaltung

Nachdem  Verbände wie Utopia 56 und l’Auberge des Migrants sich an das Verwaltungsgericht von Lille gewandt hatten, wurden der Staat und die Stadt Calais Ende Juli vom Conseil d'État genötigt, den Migranten Toiletten und Duschen zur Verfügung zu stellen. Im September hat der Staat begonnen, den Gerichtsbeschluss am Stadtrand umzusetzen, Natacha Bouchart jedoch weigert sich beharrlich und symbolisch, ihm Folge zu leisten.

Zuletzt geändert am 24. Oktober 2017