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Calais: Die Schande einer humanitären Krise

Länder: Frankreich

Tags: Calais, Flüchtlinge

In Frankreich wie in Großbritannien häufen sich die Stimmen von Politikern, die dazu aufrufen, den Hafen von Calais und den Eingang des Ärmelkanal-Tunnels stärker abzusichern. Mehr als 3.000 Menschen versuchen von dort aus, nach England zu gelangen. Aber auch die Stimmen, die die humanitäre Situation vor Ort aufs Schärfste verurteilen, werden lauter und zahlreicher. Die Flüchtlinge leben in veritablen Slums, unter unmenschlichen Bedingungen. Deshalb machen sich nun Vereine dafür stark, dem Nicht-Handeln der französischen Behörden entgegenzuwirken.

 

Wir haben schon Hitler am Einzug gehindert.

Daily Mail - 30/07/2015

"Setzt die Armee ein", titelt der britische Boulevard

"Es ist an der Zeit, diesen Migrationswahnsinn zu stoppen". So titelt die Daily Mail in ihrer Ausgabe vom 30. Juli. Das Boulevardblatt beschreibt darin eine besetzte Stadt, die ins Chaos gestürzt wurde. Wir befinden uns nicht in einem Kriegsgebiet, sondern in Calais, im Norden Frankreichs, wo 72.500 Menschen leben. Und einige andere. Die "Anderen", das sind die Flüchtlinge: circa 3.000 Menschen. Männer, Frauen und Kinder, die vor dem Bürgerkrieg im Irak und in Syrien geflohen oder der politischen Repression im Sudan und in Eritrea entkommen sind. Ihr Ziel: Großbritannien erreichen, wo es leichter zu sein scheint, ohne Personalausweis eine Arbeit zu finden. Doch das vermeintliche britische Eldorado scheint nicht gerade bereitwilig seine Grenzen öffnen zu wollen, um "tausende, erschöpfte Flüchtlinge" willkommen zu heißen. Schließlich, so steht es in der Mail, "haben wir schon Hitler am Einzug gehindert". Da bleibt nur eine Lösung: "die Armee nach Calais schicken, um die Flüchtlingsinvasion zu verhindern", wie der Daily Express vorschlägt, eine andere britische Boulevardzeitung, auch wenn niemand diese "Invasion" genau beziffern kann. Eine Idee, die mittlerweile von Nigel Farage aufgegriffen wurde, Chef der UKIP, einer anti-europäischen und rassistischen Partei. Auch Don Armour, Chef der britischen Frachtgut-Vereinigung, ist für einen Armee-Einsatz. Ihn ärgert, dass sowohl britische Urlauber als auch Verkehrsteilnehmer am Eingang des Ärmelkanaltunnels blockiert werden. Dabei scheinen viele zu vergessen, dass die Situation in Calais zum großen Teil aus einer Reihe von Vereinbarungen resultiert, die zwischen Frankreich und Großbritannien geschlossen wurden.

 

Mehr zu dem Thema:

In unserem Dossier "Flucht nach Europa" halten wir Sie zum Thema Flüchtlingspolitik auf dem Laufenden.

Zehn Millionen für mehr Sicherheit

Wenn 3.000 Menschen ihr Leben im Ärmelkanal-Tunnel aufs Spiel setzen, dann bedeutet dies, dass sie keinen anderen Ausweg sehen. Frankreich ist nur ein Transitstaat, genauso wie Griechenland oder Italien. Nur dass, trotz allem, eine vier Meter hohe Barriere mit Stacheldrahtzaun den Hafen von Calais umgibt, der bislang der bevorzugte Zugang für Migranten war. Kostenpunkt: 13 Millionen Euro, finanziert vom Vereinigten Königreich. London kündigte jüngst an, erneut das Scheckbuch zu zücken. Für die Erhöhung der Sicherheit unmittelbar am Tunnel durch die Errichtung eines zwei Kilometer langen Zaunes wollen die Briten weitere zehn Millionen Euro lockermachen. Auch für Kameras, Bewegungsmelder und Spürhunde. Auf französischer Seite hat Innenminister Bernard Cazeneuve entschieden, 120 weitere Polizisten nach Calais zu schicken, zusätzlich zu den circa eintausend Beamten, die bereits vor Ort sind. Sie sollen Schleusernetzwerke ausheben sowie die Befragung der Flüchtlinge vornehmen (37.000 seit Jahresbeginn), auf die nur selten eine Verurteilung bzw. Abschiebung folgt, denn die meisten unter ihnen erfüllen die europäischen Bedingungen, um Asyl zu erhalten. 

 

Ein veritabler Slum genehmigt vom französischen Staat.

Dr. Jean-François Corty, Kampagnenleiter von Ärzte der Welt

Beispiellose humanitäre Operation

In Hinsicht auf die verstärkten staatlichen Sicherheitsanstrengungen geraten die Flüchtlinge immer mehr in eine Sackgasse. Sie sitzen fest, auf einem 18 Hektar großen Gelände rund vier Kilometer vom Stadtzentrum von Calais entfernt. Dort haben etwa 3.000 Flüchtlinge provisorische Hütten errichtet. In manchen dieser windschiefen Bauwerke sind sogar Kirchen und Schulen untergebracht. Ein veritabler "Slum, genehmigt vom französischen Staat", erläutert Dr. Jean-François Corty, Kampagnenleiter der Hilfsorganisation "Ärzte der Welt". Er sieht einen massiven Verstoß gegen jene Kriterien, die das Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) für Migrantenunterkünfte vorschreibt. In dem Slum sind mittlerweile vier Nichtregierungsorganisationen tätig, die in der Regel in Konfliktregionen operieren oder in Gebieten, die von Naturkatastrophen heimgesucht wurden. Seit Beginn des Sommers erlebt Calais eine beispiellose humanitäre Operation, die eine Mission erfüllt, für die normalerweise staatliche und lokale Behörden zuständig sind.

 

Um die Situation in Calais besser zu verstehen, haben wir für Sie die wichtigsten Informationen in einer Grafik zusammengefasst: 

 

Graphique: Calais

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016