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Byebye Burkini: Frankreichs gefährliche Debatte über den Ganzkörperbadeanzug

Länder: Frankreich

Tags: Debatte, Islam, Burkini

Am vergangenen Wochenende kam es an einem Strand auf der Insel Korsika zu einer Schlägerei. Fünf Menschen wurden verletzt, als eine Einwandererfamilie mit Dorfbewohnern aneinandergeriet. Der Bürgermeister unterzeichnete umgehend einen Erlass und ordnete angemessene Badekleidung am Strand an. Im Klartext: Byebye Ganzkörperbadeanzug. Zwar kam bei den Ermittlungen heraus, dass es bei dem Streit nicht um die sogenannten Burkinis ging. Dennoch ist die Handgreiflichkeit ein Symbol für die derzeitige Stimmungslage in Frankreich. ARTE Info hat mit Soziologen und Islamwissenschaftlern über das Verbot und seine Folge für die französische Gesellschaft gesprochen. 

Das Verbot der "Uniform des extremistischen Islamismus"

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Bußgeld droht den Burkini-Trägerinnen am Strand von Cannes.

Im südfranzösischen Cannes und in sechs weiteren Gemeinden ist das Baden am Strand im Ganzkörperschwimmanzug neuerdings verboten. Dem konservativen Bürgermeister David Lisnard sind die Burkinis ein Dorn im Auge. Sie seien die "Uniform des extremistischen Islamismus", so der Politiker. Der sozialistische Premierminister Manuel Valls schlug daraufhin in die gleiche Kerbe. Zwar lehnte er in einem Interview mit der Regionalzeitung "La Provence" eine nationale Gesetzgebung in Sachen Burkini ab, zeigte aber Verständnis für die Bürgermeister der sieben französischen Gemeinden. Der Burkini sei "die Übersetzung (…) einer Gegengesellschaft, insbesondere gestützt auf die Unterwerfung der Frau." 

 

Burkini: Symbol der Unterdrückung oder Öffnung gen Westen?

"Eine Frau, die bestimmte religiöse Überzeugungen hat, wird sich nicht von einem Tag auf den anderen einen Bikini anziehen. Sie wird eher darauf verzichten, ins Wasser zu gehen." Gabriele Boos-Niazy, Vorsitzende des Aktionsbündnisses muslimscher Frauen äußert sich zum Burkini-Verbot. Lesen Sie ihr Interview hier.

Eine aufgewärmte Debatte 

Dabei ist die Debatte um den Burkini nicht neu. Bereits 2013 wurde in Frankreich – und übrigens auch in Deutschland – über den Ganzkörperschwimmanzug debattiert. Damals hatte die südfranzösische Gemeinde Mandelieu-la-Napoule dessen Tragen am Strand verboten. 
Dass die Debatte gerade nun wieder aufflammt, liegt laut dem Historiker, Soziologen und Laizitätsforscher Philippe Portier an den kürzlichen Attentaten in Frankreich und der daraus resultierenden Angst. Doch nicht nur: Sie sei vor allem das Resultat des Wandels, in dem sich die Beziehung zwischen dem französischen Staat und dem Islam seit über 20 Jahren befindet. "Seitdem versucht die französische Politik, die sichtbaren Zeichen der Religion – und vor allem des Islams – aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Denn sie gelten als Zeichen der kommunitaristischen Abgrenzung." Ebenso als würden jene, die religiöse Symbole tragen, auf die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft spucken und sich somit dem Terror zuwenden. "Nichts belegt, dass eine Frau, die einen Burkini oder einen Schleier trägt, hinter den Gewalttaten von Terrororganisationen steht." 

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© Jean-Pascal Noël

[Der französische Staat] hat den Eindruck, dass er autoritär handeln muss, um seine Werte durchzusetzen. Er will die Emanzipation seiner Bürger erzwingen, indem er das Andere, das Fremde aus dem öffentlichen Raum verdrängt.

Laizitätsforscher Philippe Portier

Der Staat schaltet sich in die Debatte ein…

Aus der ewigen Diskussion gingen so in Frankreich in den letzten Jahren zwei wichtige Gesetze hervor: Das erste, 2004 verabschiedet, verbietet das Tragen jeglicher religiöser Symbole in öffentlichen Schulen. Das zweite von 2010, umstritten wegen des Burka-Verbots, unterbindet die Verschleierung des Gesichts im öffentlichen Raum. Die Debatte über das Tragen des Burkinis reihe sich daran nahtlos an, erklärt Philippe Portier. "Der französische Staat greift bewusst in die gesellschaftliche Debatte ein. Er hat den Eindruck, dass er autoritär handeln muss, um seine Werte durchzusetzen. Er will die Emanzipation seiner Bürger erzwingen, indem er das Andere, das Fremde aus dem öffentlichen Raum verdrängt."

Das ist paradox, da sich der französische Staat laut dem Prinzip der französischen Laizität, das seit 1905 fest in der französischen Verfassung verankert ist und über die Jahre zum politischen Ideal wurde, eigentlich neutral gegenüber allen Religionen verhalten muss, um die Glaubensfreiheit zu gewährleisten. Die sieht die Islamwissenschaftlerin Jalila Sbaï gefährdet. "Die Frauen, die den Burkini tragen, sind oft sehr gläubig. Aber es ist ein Vorurteil zu glauben, sie würden von ihrer Religion unterdrückt. Man hat ihnen lange Zeit vorgeworfen, sich nicht zu integrieren. Heute sind sie bereit, sich in einem Ganzkörperbadeanzug in der Öffentlichkeit zu zeigen. Das beweist, dass sie - im Gegenteil - äußerst gut integriert sind." 

 

Unter den sieben Bürgermeistern, die die Burkinis in ihren Gemeinden verboten haben oder verbieten wollen, sind nur Männer:

Während die französischen Politiker den Muslimen in Frankreich raten, sich diskret zu verhalten und immer wieder betonen, Frankreich sei ein christlicher Staat, spielt die so hervorgerufene Spaltung den Islamisten der Terrororganisation "Islamischer Staat" perfekt in die Hände."  

Laizitätsforscher Philippe Portier

… und spielt den Islamisten in die Hände

Die Debatte um das Verbot des Burkinis könnte die französische Gesellschaft gefährlich entzweien, befürchtet die Islamwissenschaftlerin Sbaï. Ein Verbot würde die Frauen, die sie tragen, stigmatisieren, sie verschwänden aus der Öffentlichkeit und würden vom Rest der Gesellschaft abgespalten. "Indem wir Identitätsfragen mit der Laizität verwechseln, begeben wir uns in einen unheilvollen Teufelskreis", so Sbaï.  

"Die Spaltung der französischen Gesellschaft ist heute sichtbarer als noch in den 90er Jahren. Die Ablehnung des Islam ist deutlicher spürbar", erklärt auch Soziologe Philippe Portier. Demnach fürchteten immer mehr Nicht-Muslime, der Islam könne zu einer Gefahr für ein friedliches Zusammenleben werden. Die Muslime sorgen sich hingegen immer mehr um diese Stigmatisierung, so Portier. "Während die französischen Politiker den Muslimen in Frankreich raten, sich diskret zu verhalten und immer wieder betonen, Frankreich sei ein christlicher Staat, spielt die so hervorgerufene Spaltung den Islamisten der Terrororganisation "Islamischer Staat" perfekt in die Hände."  

 

 

Vollverschleierung in Deutschland: Was sieht das Gesetz vor?

Wie funktioniert das Burka-Verbot in Frankreich und Belgien? Eine Bilanz.

Während es in Frankreich seit 2011 verboten ist, sein Gesicht in der Öffentlichkeit zu verschleiern, gibt es in Deutschland keine vergleichbare Regelung. Zwar gibt es auch in Deutschland ein sogenanntes "Vermummungsverbot" – das gilt aber nur für die Teilnehmer einer öffentlichen Versammlung, etwa einer Demonstration. Hier ist es verboten, das Gesicht zu verdecken oder Gegenstände mitzuführen, die dazu gedacht sind, "die Feststellung der Identität zu verhindern".

 
Außerhalb öffentlicher Veranstaltungen ist das Recht, Burka oder Niqab zu tragen, durch das Recht auf "freie Entfaltung der Persönlichkeit" (Art. 2 GG) und besonders durch das auf  "ungestörte Religionsausübung" (Art. 4 GG) per Grundgesetz garantiert – darunter fallen auch religiös begründete Bekleidungsvorschriften.
 
Ausnahmeregelungen gibt es teilweise etwa in Fußballstadien oder Bankfilialen, die aus Sicherheitsgründen Menschen mit Gesichtsschleier oder Motorradhelm den Zugang verweigern können.
Ansonsten wird auch in Deutschland immer wieder ein Burkaverbot gefordert, zuletzt Anfang August von den CDU-Innenministern der Länder. Bundesinnenminister de Maizière hält ein solches Verbot für schwer umsetzbar, zu der neuen Forderung sagte er Anfang August: "Man kann nicht alles verbieten, was einem nicht gefällt."
 
Auf die Anfrage des Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu, welche Erkenntnisse über Burkaträgerinnen in Deutschland vorliegen, antwortete die Bundesregierung Ende 2015, man wisse nicht, wie viele Frauen in Deutschland eine Burka tragen. Es gebe aber keine Hinweise auf eine erhöhte Gefährlichkeit von Burkaträgerinnen.
 

 

Zuletzt geändert am 19. August 2016