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Burkini: Symbol der Unterdrückung oder Öffnung gen Westen?

Länder: Deutschland

Tags: Burkini, Burka, Islam, Muslima, Frankreich

Vor zwölf Jahren erfand die Muslima Aheda Zanetti in Australien den Burkini und revolutionierte damit das Badeerlebnis für die muslimische Frau. Der Ganzkörperbadeanzug findet weltweit reißenden Absatz - und doch scheiden sich an ihm die Geister. Aktuell vor allem in Frankreich.  Die einen beklagen den Burkini als ein neues Symbol für die Einschränkung der muslimischen Frau in der Öffentlichkeit. Die anderen interpretieren den Burkini als eine Möglichkeit für eben jene, aktiv am Leben westlicher Gesellschaften teilzunehmen. ARTE Info hat mit Gabriele Boos-Niazy, Muslima und Vorsitzende des Aktionsbündnisses muslimscher Frauen, über die Bedeutung des Burkinis, über die Diskussionen in Deutschland und über die Konsequenzen der Burkini-Verbote in Frankreich gesprochen.

 

Der Burkini eine tolle Erfindung. Er kommt von einer Muslima aus Australien, die selbst gerne im Wasser ist und deren Nichte außerdem gerne Sport macht. Insofern ist er vielleicht von einem westlichen Lebensstil beeinflusst.

 

ARTE Info: Ist der Burkini Produkt einer Annäherung zwischen Islam und Westen?

Gabriele Boos-Niazy: Es gibt eine religiös belegte Forderung im Islam, dass Eltern ihren Kindern, Mädchen wie Jungen, Schwimmen beibringen sollten. So argumentieren wir oft, wenn es darum geht, muslimische Eltern vom Schwimmunterricht zu überzeugen. In den arabischen Ländern sind Schwimmbäder oftmals ein Privileg der oberen Schichten, dafür aber sieht man Kinder in Seen, Flüssen, im Meer und sogar in Abwasserkanälen baden. Ganz pragmatisch gesehen, ist deshalb der Burkini eine tolle Erfindung. Er kommt von einer Muslima aus Australien, die selbst gerne im Wasser war und deren Nichte außerdem gerne Sport machte. Insofern ist er vielleicht von einem westlichen Lebensstil beeinflusst. Er wird aber inzwischen von Muslimas in islamischen und in westlichen Ländern getragen. In den arabischen Ländern stiegen Frauen oft in voller Montur ins Wasser. Das kann mal machen, aber schwimmen, kann man so sicher nicht besonders gut. Wenn ich will, dass die arabischen Frauen und Mädchen Schwimmen gehen, was spricht dann gegen einen Burkini?

 

Dennoch wird in Deutschland der Burkini immer wieder kontrovers diskutiert. Wie haben Sie die Diskussionen um das Erscheinen des Burkinis erlebt?

Gabriele Boos-Niazy: Diese Diskussion ist meiner Meinung nach symptomatisch für eine ganz andere Frage. Es geht darum, welche Art der Integration vom Staat gewünscht ist. Auf der einen Seite steht die Forderung "Integriert euch!", auf der anderen wird gleichzeitig festgelegt, in welcher Form das geschehen soll: "Bildet euch, aber bitte nicht mit Kopftuch. Geht Baden, aber bitte nicht im Burkini." Das funktioniert ein bisschen nach dem Motto "Wasche mir den Pelz, aber mache mich bitte nicht nass". In Berlin ist der Burkini aber inzwischen in den öffentlichen Schwimmbädern akzeptiert und in Konstanz wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben, dass die Zulassung des Burkinis empfahl. Generell habe ich das Gefühl, dass die Diskussion in Deutschland diesbezüglich differenzierter wird.

 

Eine Frau, die bestimmte religiöse Überzeugungen hat, wird sich nicht von einem Tag auf den anderen einen Bikini anziehen. Sie wird eher darauf verzichten, ins Wasser zu gehen.

 

In Frankreich kam es jüngst zu einer Reihe kommunaler Verbote des Burkinis. Wie bewerten Sie die Verbindung  von Terrorismus-Gefahr und den Burkini-Verboten in Frankreich?

Gabriele Boos-Niazy: Da wo die Sicherheitspolitik und die Polizei Anschläge nicht verhindern können, zeigen Politiker mit solchen Verboten, dass trotzdem etwas gegen die Bedrohung aus der Fremde getan wird. Das Verbot eines Burkinis ist eine sichtbare Antwort auf die Ängste der Bürger. Die wollen das Fremde im Land nicht, denn es hat ihnen durch die Anschläge viel Schlimmes gebracht. Indem sie beispielsweise das Tragen eines Burkinis verbieten, vermitteln die Politiker: "Seht ihr wir lassen das Fremde hier nicht zu".

 

Was wird die Muslima in Frankreich nun tun, wenn sie nicht mehr im Burkini ins Wasser kann?

Gabriele Boos-Niazy: Eine Frau, die bestimmte religiöse Überzeugungen hat, wird sich nicht von einem Tag auf den anderen einen Bikini anziehen. Sie wird eher darauf verzichten, ins Wasser zu gehen und somit das Bild der verschleierten Frauen bestätigen, die passiv am  Strand sitzen. Oder aber sie wird sich gemeinsam mit Freundinnen an privaten Orten zum Baden treffen, verreisen oder die Frauenöffnungszeiten in den Schwimmbädern wahrnehmen. Wahrscheinlich würden sie sich dann aber dem Vorwurf aussetzen, eine Parallelgesellschaft zu bilden. Etwas, das von der Politik ebenso ungern gesehen wird. Es allen Recht zu machen, ist tatsächlich nicht möglich.

 

Zuletzt geändert am 19. August 2016