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Bundesverfassungsgericht will drittes Geschlecht im Geburtenregister

Länder: Deutschland

Tags: Intersexualität, Neutrales Geschlecht, Drittes Geschlecht, Deutschland, Justiz, Karlsruhe, Bundesverfassungsgericht

Bis dato war es nur möglich, dass man als "weiblich" oder "männlich" geführt wird. In Zukunft soll die Eintragung eines dritten Geschlechts für intersexuelle Personen im Behördenregister möglich sein. Die Richter in Karlsruhe sehen mit der alten Regelung das im Grundgesetz geschützte Persönlichkeitsrecht der Menschen verletzt, die sich nicht als Frau oder Mann bezeichnen.
Fall wird schon seit 2014 diskutiert 

Die Ausgangsklage für den Beschluss in Karlsruhe vom 8. November ging 2014 von einer intersexuellen Person aus, die bislang als Frau geführt wurde und deshalb die Initiative "Dritte Option" gegründet hat. Diese hatte Antrag gestellt, dass ihr Geschlecht im Geburtenregister auf "inter" oder "divers" geändert wird. Obwohl vor Gericht mit einer Chromosomenanalyse belegt wurde, dass die Person weder männlich noch weiblich ist, scheiterte die Klage zuvor in sämtlichen Instanzen - zuletzt vorm Bundesgerichtshof. Die Begründung dort lautete, dass ein drittes Geschlecht im Familiengesetz nicht vorgesehen sei.

 

Neugeborene können bislang nur ohne Geschlecht eingetragen werden

Seit November 2013 ist es möglich, sein Neugeborenes, wenn das Geschlecht nicht klar ist, ohne Angabe des Geschlechts ins Geburtenregister eintragen zu lassen. Diese Änderung war ein Fortschritt, trotzdem ist die Leerstelle keine Lösung für viele Betroffene. Die jetzige Forderung des Bundesverfassungsgerichts ist deshalb ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Bis Ende 2018 muss es eine verfassungsgemäße Regelung geben. Der Gesetzgeber muss also bis dahin neben den jetzigen Optionen "weiblich" und "männlich" eine dritte Bezeichnung des Geschlechts festlegen. Diese könnte dann laut dem Bundesverfassungsgericht etwa "inter", "divers" oder eine andere "positive Bezeichnung des Geschlechts" sein.

Deutschland ist damit weiter als Frankreich. Dort wurde im Mai die Klage einer intersexuellen Person abgelehnt, die sich als neutrale Person eintragen lassen wollte. 

Unsere Reportage über den Kampf einer intersexuellen Person:

Portrait de Vincent Guillot, intersexe
Vincent Guillot, intersexuell Vincent Guillot, intersexuell Vincent Guillot, intersexuell
Deutschland könnte EU-Vorreiter werden

Wenn die Einführung des dritten Geschlechts im deutschen Geburtenregister kommt, könnte Deutschland Vorreiter in der EU werden. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Australien, ist es möglich, sich nicht als weiblich oder männlich eintragen zu lassen. Neuseeland, Indien und Nepal erkennen das neutrale Geschlecht ebenfalls schon an.

 

Informationen über Intersexualität:

Die Körper von als intersexuell definierten Menschen weisen Ähnlichkeiten mit beiden Geschlechtern auf. Genauer gesagt bedeutet das, dass das geschlechtliche Erscheinungsbild von intersexuellen Körpern, was sie Chromosomen, die Keimdrüsen und Hormonproduktion angeht, scheinbar eine Mischung aus dem weiblichen und männlichen Geschlecht darstellt. Die klassische, aber auch seltenste Form, ist der Hermaphroditismus verus. Mit dem Begriff Intersexuelle sind viele Betroffene unzufrieden – da er sich aber international durchgesetzt hat, wird er allgemein akzeptiert. In der Forschung setzt sich immer mehr der Begriff "Disorders in Sex Development", kurz DSD, durch.