|

Bulgarien: die Textilsklaven

Länder: Bulgarien

Tags: Industrie, Textil, Arbeit

Diese Woche recherchiert Vox Pop in Petritsch, Bulgarien, und berichtet über die Textilbranche. Nicht weniger als 30 000 Näher fertigen hier Kleidung für große Ketten wie Zara, Hugo Boss oder Benetton... fernab jeder Kontrolle und unter unzumutbaren Umständen.

Das Unglück von Rana Plaza ist nach wie vor präsent. Im April 2013 stürzte das Fabrikgebäude eines Textilproduzenten in einem Vorort von Dakha ein und rückte die fürchterlichen Bedingungen, unter denen die Näher in Bangladesch arbeiten, in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Diese ausgelagerten Dumpinglohnproduktionsstätten lösten einen Proteststurm aus. Die Marke Made in Europe wurde nun hochgelobt.

 

Schlimmer als in Asien

Einem Bericht der Clean Clothes Campaign zufolge sind die Arbeitsbedingungen in den östlichen EU-Ländern oft nicht besser als in Asien. Ganz im Gegenteil: Oft produzieren die europäischen Näher unter noch schlimmeren Bedingungen als ihre asiatischen Kollegen. Die Clean Clothes Campaign, eine Organisation bestehend aus NGOs und Gewerkschaften, verteidigt die Rechte der Textilarbeiter auf der ganzen Welt und recherchierte in der Türkei und vielen osteuropäischen Ländern (Bosnien Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Georgien, Mazedonien, Moldawien, Rumänien, Slowakei, Ukraine), in die H&M, Zara, Hugo Boss, Benetton und andere Ketten einen Teil ihrer Massenproduktion verlegt haben.

 

„Jedes Dorf hat eine Fabrik“

Der Befund der Clean Clothes Campaign ist erschütternd: lächerliche Gehälter, unmenschlicher Zeitdruck, Verstöße gegen das Arbeitsrecht, keine unabhängigen Gewerkschaften. So sieht der Alltag der Näher Osteuropas aus, das sich innerhalb der letzten Jahre zum Eldorado der großen Bekleidungsketten entwickelt hat. „Jedes Dorf und jede Stadt hat eine Fabrik“, erklärte Alain Reynaert auf dem Gelände von Fashion United im Februar. Er ist Präsident der Gesellschaft TEXAR, die seit 20 Jahren in Bulgarien angesiedelt ist. Das Land ist seit 2007 EU-Mitglied – fast ein Viertel der aktiven Bevölkerung sind in der Textilbranche tätig.

 

„Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt“

Ich habe Wirtschaft studiert. Aber weil es hier keine Stellen gibt, muss ich nähen. Hier [in der Fabrik] arbeiten die Menschen wie Roboter. Keine Pausen. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt, die Augen übermüdet“, so der Bericht einer bulgarischen Arbeiterin, der von Euractiv anonym auf der Internetseite der Clean Clothing Campaign veröffentlicht wurde. Die Angestellten müssen oft 200 Stunden im Monat arbeiten, und das ohne Anspruch Urlaubs- oder Krankheitstage, so die Studie.

 

Hungerlöhne

Fast durchgehend zahlten die großen Marken gerade mal den lokalen Mindestlohn (139 €/Monat Bulgarien, 133 €/Monat Rumänien, 308 €/Monat Kroatien). Die Angestellten machen häufig zahlreiche Überstunden, um ihr Einkommen zu erhöhen, leben aber trotz allem unter der Armutsgrenze.

 

„Made in Europe“, doch um welchen Preis?

Der Mythos „Made in Europe“ verliert noch etwas mehr an Glanz, wenn man sich den vergleichenden Bericht der Autoren zu Asien und Europa anschaut. Dafür setzten sie ein Minimaleinkommen an, das einer 4-köpfigen Familie ein menschenwürdiges Leben ermöglichen würde. Eine Art „Lebensminimum“, basierend auf den Lebenshaltungskosten in den jeweiligen Ländern. Diese Aufstellung zeigt, dass die Textilarbeiter in Malaysien 54 % des Minimaleinkommens erhalten, in China 46 %, in Indien 26 % und in Bangladesch 19 %. In der Ukraine, in Bulgarien und Mazedonien waren es gerade einmal 14% (siehe Infografik). Laut der Studie sind etwa 3 Millionen Textilarbeiter in Osteuropa unter menschenunwürdigen Bedingungen beschäftigt.

 

Manuel Vicuña

 

ZURÜCK ZUR STARTSEITE

 

 

Zuletzt geändert am 17. Januar 2017