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"Die Brexit-Befürworter haben keinen Plan B"

Länder: Großbritannien

Tags: Brexit, Referendum

Was wird aus dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit-Entscheid? Ob Engländer, Waliser, Schotten oder Nordiren – der Sprung in Ungewisse lässt niemanden kalt. ARTE Info unternimmt eine Reise durch das Vereinigte Königreich, um diejenigen zu treffen, die am 23. Juni ihre Stimme abgegeben haben. Wie europäisch fühlt man sich in London oder in Belfast?

"Ohne die EU erhalten wir weniger Subventionen."

Brian Bowen, Viehzüchter aus Princetown, Wales, stimmte für ein "Remain"

Brian Bowen fühlt sich der walisischen Kultur tief verbunden, ebenso empfindet er sich aber als Brite wie auch als Europäer. Darum hat Bowen gegen einen Austritt aus der EU gestimmt. Seine Argumente: Die Mitgliedsländer EU sind seine hauptsächlichen Kunden, 90 Prozent des Fleischs, das er produziert, wird nach Europa exportiert. Hinzu kommen zahlreiche Subventionen, die er aus Brüssel erhält. Im Jahr 2014 haben diese Subventionen 54 Prozent seines Einkommens ausgemacht. Mit insgesamt vier Milliarden Euro haben die Subventionen für die Landwirtschaft rund 57 Prozent der Gesamtfinanzierung für Großbritannien ausgemacht. Das ist deutlich mehr als im europäischen Durchschnitt (42 Prozent). "Ohne die Hilfsgelder können wir auf dem Markt nicht mehr mithalten", erklärt er. Im Gegenzug drückt die EU eine gewisse Anzahl von Regeln und Normen, vor allem in Bezug auf die Gesundheit der Tiere. Regeln, die manchmal schwer einzuhalten sind: "Die Bürokratie ist der große Nachteil der EU", fügt er an. Aber die Verantwortung trägt auch unsere Regierung, die diese Regeln akzeptiert und sogar noch neue hinzufügt. Für ihn als Viehzüchter löse der Brexit kein einziges Problem. "Die Befürworter des Brexit haben es während der Kampagne bewiesen – ihnen fehlt ein Plan B. Wir wissen nicht was passiert, wenn wir einmal aus der EU ausgetreten sind."

 
"Die Einstellungsverfahren wären viel komplizierter."

Mairtin O’Riada, Unternehmer aus London, England, stimmte für ein "Remain"

Die Start-up Ravelin beschäftigt Angestellte mit etwa zehn verschiedenen Nationalitäten. Für den Unternehmer Mairtin O’Riada ist die EU wirtschaftlich gesehen ein großes Plus. "Normalerweise bin ich nicht politisch, aber in diesem Fall steht zuviel auf dem Spiel", erklärt er. O’Riada ist Mitglied der Gruppe #TimeToVote, wo er die Arbeitgebenden dazu animiert, den Angestellten Zeit zu geben, um an die Urne zu gehen. Mairtin hat wenig geschlafen in den letzten Nächten. Das Ergebnis schmeckt bitter. "Es ist der Sieg der Angst und der Abschottung gegenüber sich selbst", konstatiert er. "Die EU ist weit davon entfernt, perfekt zu sein – sie braucht Reformen. Aber ich hätte gerne gesehen, dass Großbritannien an diesen Reformen mitarbeitet, statt untätig im Abseits zu stehen." Ohne die EU kann O’Riadas Unternehmen möglicherweise funktionieren, doch die Einstellungsverfahren wären viel komplizierter, sagt er. Sein Unternehmen hat zahlreiche internationale Kunden und der Brexit droht seine Geschäfte einzufrieren.

 

"In Schottland könnte der Brexit den Wunsch nach Unabhängigkeit wiederbeleben."

Fawns Reid, Einzelhändlerin aus Edinburgh, Schottland, stimmte für ein "Remain"

Im Gegensatz zu Wales und England, wo sich die Stimmbevölkerung für den Brexit entschieden hat, haben 62 Prozent der Schotten für den Verbleib im Staatenbund gestimmt. In Edinburgh hat die Kampagne für wenig Polemik gesorgt. "Einzig einige pro-europäische Optimisten haben in den Straßen für den Verbleib in der EU geworben", erzählt Fawns Reid. In ihrem Hutladen im Touristenviertel Grassmarket hat sie die Debatte jedoch mit Interesse verfolgt. "Jeder hier ist einverstanden, in der EU zu verbleiben". Die euroskeptische UKIP Partei ist in Schottland nicht sehr populär. Das Land profitiert von zahlreichen Hilfsgeldern aus Brüssel. "Mit dem Brexit droht sich die Regierung in London zu radikalisieren. Das wäre der Moment für Schottland, das Vereinigte Königreich tatsächlich zu verlassen." Zwei Jahre, nachdem 56 Prozent der Schotten Nein gesagt haben zur Unabhängigkeit, könnte ein neues Referendum organisiert werden. Der schottische Premierminister Nicola Sturgeon bekräftigte schon einmal, dass das Land seine Zukunft im Rahmen der Europäischen Union sehe. Fawns blickt einem neuen Referendum allerdings kritisch entgegen: "Es ist nicht alles schwarz oder weiß".

 

"In Nordirland droht die Wahl dem Friedensprozess zu schaden."

Peter Hughes, Taxifahrer, Belfast, Nordirland, stimmte für ein "Remain"

Peter Hughes fährt seine Gäste seit zehn Jahren durch die dunklen Quartiere der Stadt, die von den langjährigen Auseinandersetzungen zwischen protestantischen Unionisten und katholischen Republikanern gezeichnet sind. Der Brexit könnte den Friedensbemühungen, die vor 15 Jahren in Gang gesetzt wurden, erheblich schaden. Nach Bekanntgabe der Ergebnisse kann Peter seine Konsternation nicht verbergen: "Das hat hier niemand erwartet. Wir wollen die EU nicht verlassen. Diese Entscheidung wird Konsequenzen nach sich ziehen."

"Das EU-Referendum hat Belfast gespalten", erklärt Peter. "Die Protestanten unterstützen England und wollen die EU verlassen, während die Katholiken in der EU verbleiben möchten." Peter Hughes unterstützt den Verbleib Großbritanniens. Er sieht im Brexit die Wiederherstellung der Grenze zwischen Nord- und Südirland, die seit 1993 quasi inexistent ist. "Die Leute hier bedauern die Konsequenzen. Ich persönlich bin davon nicht direkt betroffen, da ich die irische Staatsangehörigkeit besitze. Ich habe viele Freunde, die schon mal in Dublin den irischen Pass beantragt haben, um in der EU zu bleiben." 56 Prozent der nordirischen Wähler haben für den Verbleib gestimmt. Die Sinn Fein, ehemaliger politischer Arm der irisch-republikanischen Armee (IRA), forderte schon mal ein Referendum für ein vereintes Irland ein.

 

"Ohne Großbritannien wird die EU geschwächt sein."

Atam Vetta, Rentner aus Oxford, England, stimmte für ein "Leave"

Seit dem Beginn der Kampagne war Atam Vetta überzeugt, dass der Brexit eine Mehrheit gewinnen würde. Der pensionierte Forscher aus Oxford hatte sich in der Gruppe "Vote Leave" engagiert. "Mit dem Brexit verlässt der zweitgrößte europäische Geldgeber die Kommission", sagt Atam. Die anderen Mitgliedstaaten werden nach dem Brexit nicht mehr in der Lage sein, Angela Merkel zu folgen, insbesondere in der Migrationspolitik. "Die EU wird scheitern." Atam Vetta ist pakistanischer Immigrant. Er hat sich sein Leben lang als Mitglied der Arbeiterpartei gegen Rassismus zur Wehr gesetzt. Für ihn beendet der Abgang des Großbritanniens das gesamte europäische Projekt. Es ebnet insbesondere den Weg für die Euroskeptiker anderer EU-Mitglieder: Rechte Populisten in Frankreich und den Niederlanden werden nun ebenfalls ein Referendum fordern. Sicher ist, sagt Atam, dass die europäischen Eliten das Resultat aus London nicht ignorieren können.

 

"Die Briten wissen, dass sie für den Brexit einen Preis bezahlen müssen."

Sue Harris, Musikerin aus Telford, England, stimmt für ein "Leave"

1975 hat Susan Harris Ja zum Europa-Referendum gesagt. Seither hat sie ihren Standpunkt durchaus geändert. Die Geigenspielerin aus dem Osten Großbritanniens bezeichnet die Union zwischen London und Brüssel als missratene Ehe: "Es war ein Fehler, der EU beizutreten. Damals wehrte sich General De Gaulle gegen unseren Beitritt. Er war der einzige, der die englische Mentalität verstanden hatte und wusste, dass wir zusammen niemals glücklich werden würden." Susan ist überzeugt, dass mit dem Brexit dieser historische Fehler wieder korrigiert werden konnte. Susan hatte sich während sechs Monaten leidenschaftlich für die Brexit-Kampagne eingesetzt. Heute ist sie stolz auf die Briten: "Natürlich wird die Entscheidung Konsequenzen haben", warnt sie. "Aber die Menschen sind nicht dumm. Sie wissen, dass sie für den Brexit einen Preis bezahlen müssen."

 

Am 23. Juni haben die Stimmbürger von England, Schottland, Nordirland und Wales eine einfache Frage beantwort: "Soll das Vereinigte Königreich Mitglied der Europäischen Union bleiben oder die Union verlassen?". 51,9 Prozent der Stimmbürger haben die Frage mit Ja beantwortet. Um die unterschiedlichen Motivationen der Briten besser zu verstehen, ist ARTE Info während der Wahlkampagne durch alle vier Länder gereist. Hier geht es zu unserem Brexit-Dossier.

Zuletzt geändert am 24. Juni 2016