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Brasilien – ein Land und sein wirtschaftlicher Abstieg

Länder: Brasilien

Tags: Wirtschaftkrise, Rezession

Brasiliens Wirtschaft befindet sich auf Talfahrt. Am 10. September hat die Ratingagentur Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit des Landes auf BB+ herabgestuft. Noch vor einigen Jahren galt Brasilien als aufstrebende Wirtschaftsmacht. Doch dann kam der Einbruch. 

Brasiliens Kreditwürdigkeit ist auf Ramschniveau gesunken. Die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's setzte das Länderrating am 10. September eine Stufe herab. Anfang September hatte die Regierung von Dilma Rousseff erstmals in der Geschichte einen Haushaltsplan vorgelegt, der roten Zahlen vorsieht. Der Staat ist schwer verschuldet, leidet unter einer starken Inflation und Rezession.

Dabei galt Brasilien noch vor wenigen Jahren als wirtschaftlicher Hoffnungsträger. Das Land war eines der ersten, das sich von der Weltwirtschaftskrise 2007 rasch erholte. Die Rohstoffe der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas waren weltweit begehrt, die Arbeitslosigkeit sank jedes Jahr weiter. In den letzten fünf Jahren hat sich das Blatt für die siebtgrößte Weltwirtschaft jedoch gewendet: Die Wirtschaft stagniert, die Inflationsrate lag im Februar 2015 im Zwölfmonats-Zeitraum bei 7,7 Prozent. Doch wie kam es zu diesem Wandel?

15Mrd

US-Dollar betrugen laut FIFA die Ausgaben für die WM 2014

 

Als der Weltwirtschaftsmarkt 2007 einbrach, konnte Brasilien von seinem Rohstoffreichtum profitieren. Das Land exportierte Eisenerz, Kupfer und Öl, aber auch Soja, Kaffee und Zucker. Bereits 2009 stieg die Exportquote wieder rasant an. In dieser Zeit wurden unzählige Infrastrukturprojekte ins Leben gerufen, die Wirtschaft florierte. Ab 2011 verringerte sich jedoch die Nachfrage aus dem Ausland. Brasilien konnte sich nicht mehr auf den Export verlassen, doch die Regierung hatte es versäumt, ein weiteres ökonomisches Standbein aufzubauen.

Hinzu kam der Korruptionsskandal um den staatlichen Ölkonzern Petrobras, in den zahlreiche hochrangige Politiker und Baufirmen verwickelt waren. Auch die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff soll von den Korruptionsversuchen gewusst haben. Sie war sieben Jahre lang Verwaltungsvorsitzende der Ölfirma. Aufgrund des Skandals erhielten einige der größten Baufirmen des Landes keine Kredite mehr und wurden von Investitionsvorhaben ausgeschlossen – ein schwerer Schlag für Brasiliens Wettbewerbsfähigkeit.

21,4%

der Brasilianer leben unter der Armutsgrenze

 

2014 sollte ein neues Fiskalpaket unter anderem durch Steuererhöhungen Geld in die brasilianische Staatskasse bringen. Zugleich wurden die Staatsausgaben gekürzt. Doch die steigenden Preise führten zum Einbruch des privaten Konsums. Da ausländische Investoren ausblieben brach schließlich der brasilianische Real ein, die Stagflation nahm ihren Lauf. Hinzu kamen 2014 die Ausgaben für die Fußballweltmeisterschaft, 15 Milliarden US-Dollar laut FIFA. Das Wirtschaftswachstum betrug im vergangenen Jahr gerade einmal 0,1 Prozent. 2015 soll die Wirtschaft sogar schrumpfen.

Die steigenden Preise betreffen bei weitem nicht nur Luxusgüter: Die Kosten für den öffentlichen Transport stiegen seit der Weltmeisterschaft um fast 13 Prozent. Eine andauernde Dürreperiode treibt überdies die Stromkosten in die Höhe, denn Brasilien bezieht den Großteil seiner Energie aus Wasserkraft. Durch die Trockenperiode stiegen auch Lebensmittelpreise für Getreide und Gemüse, das Trinkwasser wird knapp.

Die Krise trifft vor allem den ärmeren Teil der Bevölkerung: 21,4 Prozent der Brasilianer leben unter der Armutsgrenze. Um die zwölf Millionen Brasilianer hausen in Armenvierteln, den Favelas.

Die Unzufriedenheit treibt unzählige Menschen auf die Straße. Nach Massenprotesten im Frühjahr demonstrierten im August erneut Hunderttausende gegen ihre Präsidentin Dilma Rousseff und forderten deren Rücktritt. In den Augen vieler Brasilianer ist die Regierungschefin für die steigende Lebenshaltungskosten und die Korruption im Land verantwortlich. Rousseff war im Oktober 2014 mit knapper Mehrheit wiedergewählt worden. Inzwischen stimmen nur mehr knapp acht Prozent der Brasilianer ihrer Politik zu. 

Zuletzt geändert am 10. April 2017