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Nordirland: Vorerst offene Grenze

Länder: Großbritannien

Tags: Brexit, Religion, Protestant, Katholiken, Sinn Féin, Vereinigtes Königreich, Grenze, IRA

Es soll keine "harte Grenze" zwischen Irland und Nordirland geben – das gab die britische Premierministerin Theresa May am 8. Dezember nach einem Treffen mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bekannt. Vorerst solle so lange alles beim Alten bleiben, bis eine Lösung gefunden ist, der alle Seiten zustimmen.

Es ist der Versuch, eine heikle Situation zu beschwichtigen: Die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland hat eine bewegte Geschichte. Noch bis zum Friedensabkommen 1998 wurde sie von bewaffneten britischen Soldaten bewacht.

Unsere Reporter sind der Grenzlinie zwischen Nordirland und Irland gefolgt. Sie begegneten Menschen und Identitäten, von Warrenpoint an der Ostküste bis nach Derry im Norden. Die Checkpoints und Wachtürme der British Army sind heute verschwunden. Geblieben sind die Erinnerungen an die "Troubles" sowie verhärtete Fronten in der Gesellschaft. 

 

 

Offene Grenzen in Irland - eine große Errungenschaft

Der Nordirlandkonflikt ist ein schmerzhaftes Kapitel der irischen Zeitgeschichte. Bis vor zwanzig Jahren mussten die Inselbewohner an den Grenzübergängen britische Checkpoints passieren. Auf den Hügeln überwachten bewaffnete britische Soldaten die Gegend. Das Grenzgebiet war ein steter Unruheherd.

Mit dem politischen Frieden zwischen katholischen Republikanern und protestantischen Unionisten im Jahr 1998 wurden die Grenzwächter überflüssig. In Nordirland etablierte sich ein politisches Gleichgewicht und eine mehr und mehr gleichberechtigte Gesellschaft. Im Regionalparlament in Belfast bilden seither Protestanten mit den Katholiken eine Regierungskoalition. Auch die Grenzzäune und Kontrollposten der British Army wurden schrittweise abgebaut. Heute ist die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland komplett verschwunden.

 

Das Friedensprogramm der EU

Dazu hat die Europäische Union maßgeblich beigetragen. Mit dem EU-Programm zur Unterstützung des Friedensprozesses in Nordirland hat sie die wirtschaftliche und soziale Integration zwischen dem Vereinigten Königreich und der Republik Irland vorangetrieben. Zwischen 1995 und 2013 investierte die EU insgesamt 1,3 Milliarden Euro in unterschiedliche Friedensprogramme. Dazu gehören Maßnahmen in der Opfer- und Hinterbliebenenhilfe, Projekte zur Unterstützung von jungen Menschen und kleinen und mittleren Unternehmen, aber auch Infrastrukturprojekte, wie die Friedensbrücke zwischen dem katholischen und dem protestantischen Ufer in Londonderry/Derry.

In der Nähe von Warrenpoint, dem Ort unserer ersten Episode, sollte aus dem EU-Fonds eine Brücke zwischen dem nordirischen und dem irischen Ufer finanziert werden. Nach dem Brexit wurde das Projekt vorerst auf Eis gelegt.

 

Der Brexit und die Fragilität des Friedens

Der Brexit könnte aber noch weitere Auswirkungen haben: Die innerirische Grenze würde zu einer Außengrenze der EU: im Norden das Vereinigte Königreich, im Süden die Republik Irland als Mitglied der Union. An der Grenze müssten sowohl Waren als auch Personen wieder kontrolliert werden.

Auch zeigt sich in Nordirland, das mit 56 Prozent der Stimmen den Brexit abgelehnt hat, wie zerbrechlich der Frieden ist. Nach dem Votum schlitterte der britische Teil der irischen Insel in eine politische Krise. Die Bildung einer neuen Regierung nach den Parlamentswahlen scheiterte, seit Januar 2017 hat Nordirland keine Regionalregierung mehr. Der Grund hierfür: Die beiden Koalitionspartner, die katholische Sinn Féin und die protestantische DUP, sind zerstritten. Verschärft hat die Krise der Umstand, dass die konservative, unionistische DUP der Regierungskoalition von Premierministerin Theresa May beigetreten ist. 

Vertreter der republikanischen Sinn Féin behaupten, dass das Königreich damit die seit 1998 festgelegte Unparteilichkeit zwischen den ehemaligen Konfliktparteien in nicht mehr einnehme. Die Republikaner fordern nach dem Brexit-Entscheid mehr denn je die Wiedervereinigung mit der Republik Irland. Davon ist die Insel aber noch weit entfernt. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2017