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Bondy Blog: Sprachrohr der französischen Vorstädte

Länder: Frankreich

Tags: Blogger, Charlie Hebdo, Meinungsfreiheit

Der Bondy Blog ist eine Webseite, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Bild von den großen Vorstadt-Siedlungen Frankreichs zu verändern. An die 30 Blogger und Bloggerinnen arbeiten daran. Die meisten sind unter 30 und leben im Departement Seine-Saint-Denis im nördlichen und östlichen Großraum Paris. Die Mittel des Blogs kommen vom Regionalrat Ile-de-France und dem Ministerium für Stadtentwicklung: 100.000 Euro im Jahr, fünf permanente Mitarbeiter auf Halbzeitbasis. Die jungen Blogger arbeiten so gut wie unentgeltlich, gegen eine Entschädigung von 40 Euro pro Artikel.Entstanden ist der Blog im November 2005, während der landesweiten Unruhen in den französischen Vorstädten. Ursprünglich hatte ihn das Schweizer Wochenmagazin Hebdo eröffnet. Nach dessen Rückzug führten ihn die jungen Vorstadt-Blogger in Eigenregie weiter.

Wir haben Serge Michel, früher Reporter bei Hebdo, interviewt. Er hat den Bondy Blog 2005 eröffnet.

Bondy Blog face aux attentats

 

ARTE Journal: Wie ist der Bondy Blog entstanden?

 

Serge Michel: Die Unruhen begannen Ende Oktober 2005. Ich arbeitete damals für die Schweizer Wochenzeitung Hebdo, und wir fragten uns, wie wir davon berichten könnten. Journalistisch gesehen gab es zwei Möglichkeiten: als Sondergesandter im besten Fall eine Woche vor Ort verbringen und mit einer einzigen Reportage heimkommen; oder aber Korrespondent werden, was es damals in den französischen Vorstädten nicht gab, weil die Presse wenig von ihnen berichtete. Wir entschieden uns für die zweite Möglichkeit, weil wir uns sagten: Wer verstehen will, warum diese Vorstädte in Flammen stehen, der muss mit den Menschen dort leben, mit ihnen aufstehen und mit ihnen zu Bett gehen. Wir haben

Wer verstehen will, warum diese Vorstädte in Flammen stehen, der muss mit den Menschen dort leben, mit ihnen aufstehen und mit ihnen zu Bett gehen. 

Serge Michel

uns also für drei Monate in der Vorstadt Bondy eingenistet: 15 Journalisten, die jeder eine Woche oder zehn Tage vor Ort blieben. Aber wir konnten nicht einmal in drei Monaten alle Aspekte behandeln, die wir uns vorgenommen hatten. Das Thema ist einfach zu komplex, die Arbeit zu gewaltig.

 

Und wie ging dann die Übergabe an die Blogger vor Ort über die Bühne?

 

Serge Michel: Für mich war das eine wirklich markante Geste. Unsere Initiative weckte großes Interesse, bei den französischen Medien und den internationalen, unter anderem der New York Times und BBC, auch wenn die sich fast mehr für „diese Schweizer, die da aus den französischen Vorstädten berichten“ interessierten, als für das, was in den Vorstädten selbst los war. Nach zweieinhalb Monaten hat unsere Redaktionsleitung entschieden, dass es Zeit wurde, aufzuhören. Aber nach den vielen Reaktionen, die wir auf unsere Arbeit bekommen hatten, einfach aufzuhören, schien mir unmöglich. Also schlug ich vor, den Blog an die jungen Leute weiterzugeben, die wir in den drei Monaten kennen gelernt hatten. So wurde aus „professionelle Journalisten berichten aus den Vorstädten“ am Ende „junge Laien aus der Vorstadt erzählen ihr eigenes Leben oder das ihrer Nachbarn“. Und das wurde dann zu einem zweiten Medien-Schock mit phänomenalem Erfolg.

 

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Blogs, der dieses Jahr seinen zehnten Geburtstag feiern wird?

 

Serge Michel: Der Bondy Blog hat sich seinen Platz in der Medienlandschaft erobert. Wer begreifen will, was sich in den Vorstädten tut, schaut in den Bondy Blog. Und das ist ein echter Erfolg. Rein wirtschaftlich gesehen, bedauere ich, dass er sich nicht zu einem echten, professionellen Medium entwickelt hat – er existiert ja immer noch nur in der Form eines Vereins, der bei anderen Medienplattformen Aufnahme findet, von Yahoo, über 20 minutes bis Libération. Ein Medium mit solch einzigartigem Inhalt sollte eigentlich auch wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen

In meinen Augen bleibt der Ring der Stadtautobahn das, was die Berliner Mauer einmal war: auf der einen Seite die glitzernde Großstadt, auf der anderen eine Art Ostberlin mit leeren Geschäften, hoher Arbeitslosigkeit und bleierner Langeweile.

Serge Michel

können.

 

Und wie sehen Sie die Vorstädte, zehn Jahre nach den Unruhen von 2005?

 

Serge Michel: Nach den Unruhen wurde vieles angekündigt, um die Leute zu beruhigen. Manches wurde umgesetzt, aber das bleibt ein Tropfen auf den heißen Stein. Die bloße Renovierung der Wohnsilos ändert die Lebensverhältnisse ihrer Bewohner nicht grundlegend. Die Übel, die 2005 da waren – die kulturelle Kluft, das Gefühl, vernachlässigt und diskriminiert zu werden, die Arbeitslosigkeit, die 40 Prozent der jungen Leute betrifft – das ist alles auch 2015 noch da. Manche Paris-nahen Vorstädte wurden zwar zu Bobo-Vierteln und sind inzwischen keine reinen Sozialghettos mehr, aber in meinen Augen bleibt der Ring der Stadtautobahn das, was die Berliner Mauer einmal war: auf der einen Seite die glitzernde Großstadt mit Geschäften, Kulturangeboten und vielfältigen Möglichkeiten, auf der anderen eine Art Ostberlin mit leeren Geschäften, hoher Arbeitslosigkeit und bleierner Langeweile.

 

Was haltet ihr von Charlie Hebdo? Das haben wir sieben junge Blogger des Bondy Blogs gefragt (Widad Kefti, Saïd Harbaoui, Balla Fofana, Imane Youssfi, Ilyes Ramdani, Latifa Oulkhouir, Faïza Zerouala):

 

Votre rapport à Charlie Hebdo ?

 

Am Dienstag, dem 13. Januar, hatten die Blogger des Bondy Blogs Jean Plantu, den Karikaturisten von Le Monde, in ihre Diskussionsrunde Bondy Café eingeladen. Hier seine spontane Reaktion nach der Veranstaltung.

 

Jean Plantu dessinateur au Monde

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016