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Boko Haram hautnah

Länder: Nigeria

Tags: Boko Haram, vertriebene

Das neue Werk des investigativen Filmemachers Xavier Muntz zeigt hautnah den Aufstieg der Terrororganisation Boko Haram in Nigeria und die Folgen für Politik und Gesellschaft. Die Dreharbeiten im Kriegsgebiet gestalteten sich aus mehreren Gründen äußerst schwierig: Die Angst um das eigene Überleben, die Konfrontation mit dem Leid der Bevölkerung und die ständige Behinderung seiner Arbeit seitens des Militärs. Muntz berichtet auf sehr persönliche Weise von seinen Erlebnissen während seines Aufenthalts in Maiduguri, Nigeria.

"Diese Zone untersteht dem Militär. Ohne Zustimmung des Generalkommandanten haben Sie kein Recht hier zu sein." Nach drei Drehtagen in Maiduguri erklärt mir ein Offizier der nigerianischen Armee höflich, aber bestimmt, dass ich in der Stadt nicht willkommen bin. Ohne Genehmigung der Armee dürfte ich mich nicht einmal frei in Maiduguri bewegen. Am 30. Januar 2016 werde ich in mein Hotel zurückgeschickt und darf es bis zu meinem Rückflug am nächsten Tag nicht mehr verlassen.

Mein Besuch des größten Flüchtlingslagers vor der Stadt Maiduguri, des Camps Dalori, war mir zum Verhängnis geworden: das nigerianische Militär hatte mich aufgegriffen.

 

Über eine Million Flüchtlinge in und um Maiduguri

Die nigerianische Organisation für Notstand-Management, NEMA (National Emergency Management Agency), schätzt die Zahl der Flüchtlinge in und um Maiduguri auf über eine Million, es gibt zahlreiche Camps. In den letzten Monaten sind die Angriffe der Terrorgruppe Boko Haram immer näher an Hauptstadt der Region Borno herangerückt. Die Zahl der Vertriebenen stieg dadurch weiter. In Maiduguri, dem Epizentrum der Unruhen, befindet sich seit Juni 2015 der Hauptstützpunkt der nigerianischen Armee. Die Errichtung dieses Basislagers war eine der ersten Entscheidungen des neu gewählten Präsidenten Muhammadu Buhari. Statt die Generäle, die er im Wahlkampf laufend als inkompetent beschrieb, aus ihren Diensten zu entlassen, setzte Buhari diese mitten ins Herz des feindlichen Lagers - dorthin wo Boko Haram einst entstand. Eine subtile Demütigung einige Monate vor der Entlassung der gesamten militärischen Führung.

Dalori ist in zwei Camps geteilt. Eines davon weist eine besondere Eigenart auf: Es fehlen die Männer. Für einige NGOs tragen diese speziellen Lager, voller Frauen und Kinder, einen Namen. Unter vorgehaltener Hand spricht man von „politischen Camps“. Die Abwesenheit der Männer lässt sich einfach erklären: Sie kämpfen für Boko Haram. Die Armee „bewacht“ in diesen Camps die Familien der Dschihadisten. Es ist heute schwer zu sagen ob Dalori eines dieser berüchtigten Lager ist. Fullan Nasrullah, ein nigerianischer Sicherheitsexperte mit engen Kontakten zum dschihadistischen Führungsapparat, sagte mir später, dass in den Verhandlungen über die Freilassung der "Chibok girls", Boko Haram im Gegenzug die Befreiung der "bewachten" Familien und ihrer eingesperrten Mitglieder forderte. Bedienen sich Dschihadisten und Militärs also gleicher Methoden? Wer sind diese Familien, die das nigerianische Militär im gleichen Maße "befreit" wie Boko Haram an Boden verliert?  Opfer oder Verwandte? Wahrscheinlich beides.

Momentan will nur eine kleine Zahl der Flüchtlinge in ihre verlorene Heimat zurückkehren. Sie haben Angst. Präsident Buhari behauptete zwar im Dezember 2015, Boko Haram, „technisch gesehen“, besiegt zu haben. Die wiederholten Angriffe der Terrorgruppe in der Region stellten diese Aussage allerdings in Frage.

 
Boko Haram greift an, ich sitze im Hotel fest

Am 30. Januar 2016 straft Boko Haram, Buharis öffentliche Siegesrhetorik jedenfalls Lügen: Nur wenige Kilometer vom Flüchtlingslager Dalori entfernt, fällt das gleichnamige Dorf dem nächtlichen Rachefeldzug der Terrorgruppe zum Opfer. Die Terroristen verkleiden sich als Militärs, fahren sogar Militärfahrzeuge. Die Dorfbewohner ahnen nichts. Doch dann kommen bewaffnete Kämpfer auf Motorrädern nach. Motorräder sind im gesamten Bundesstaat Borno verboten, nur Boko-Haram Kämpfer besitzen welche. Die Dorfbewohner flüchten verzweifelt  in die Dunkelheit der Wälder oder suchen Zuflucht in ihren Häusern. Dort sind sie gefangen wie in einer Mausefalle: die Dschihadisten zünden die Strohdächer an und schießen willkürlich auf alle die versuchen, den Flammen zu entkommen.

Die Kämpfe schreiten fort. Die Schusswechsel sind nunmehr im Camp Dalori selbst zu hören. Die dort ausharrenden Menschen versuchen zu entkommen, wollen in der Stadt Maiduguri Zuflucht suchen. Das Militär lässt sie nicht durch. Sie kennen diese typische Strategie der Terroristen: sie greifen ein Flüchtlingslager an, verbreiten Panik und schleusen Selbstmordattentäter mit der aufgescheuchten Masse in die Stadt. Erst im Dezember sprengten sich im Zentrum Maiduguris drei Terroristen in die Luft. Die Kampfgeräusche werden lauter. „Man hört bereits die Raketeneinschläge“, twittern Studenten der Universität Maiduguri. Mein Freund Bruno Fay ruft mich aus seinem Büro an und liest mir ihre Tweets vor. Ich saß in meinem Hotelzimmer fest – nur 10 Minuten von den Kämpfen entfernt. Das Kampfgeschehen verfolge ich paradoxaler Weise über Tweets, die mir aus dem Baskenland vorgelesen werden.

Der Angriff kostet 86 Menschen das Leben. Unter den Toten sind auch viele Kinder. Und hunderte werden verletzt.

Die Schreie eines Babys im Krankenhaus von Maiduguri verfolgen mich bis heute: es hat diese Hölle überlebt - verbrannt von Kopf bis Fuß.

 

Zweiter Anlauf

10 Tage später kam ich nach Maiduguri zurück. Trotz meiner militärischen Akkreditierung wurde mein Reisepass am Flughafen einbehalten. Am Tag darauf verbrachte ich einige Stunden in Haft, bevor ich ihn letztendlich zurückerhielt. "Routinemaßnahme". Es war eindeutig, dass ich die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte genoss. Eine Militäreskorte würde mich zu meiner Sicherheit nunmehr auf Schritt und Tritt begleiten, schlug mir der zuständige Offizier vor. Als ich seinen Vorschlag dankend ablehnen wollte, machte er deutlich, dass ich keine Wahl hatte.

Glücklicherweise stehen den Militärs meiner Eskorte zunächst keine Fahrzeuge zur Verfügung, um mich zu begleiten. Mir wird also zugestanden, mich in ausgewählten Vierteln der Stadt frei zu bewegen. Ich nutze diese Gelegenheit um meine Recherchen heimlich fortzuführen. Einziges Hindernis: Die Flüchtlingslager. Trotz meiner Akkreditierung durch die NEMA, wollen die Militärs mich dort nicht alleine hinlassen. Ich frage eine NGO um Rat, die sich gleich neben meinem Hotel befindet. Ich kenne den Verantwortlichen der Mission. Er ermutigt mich von meiner Eskorte Gebrauch zu machen: „Boko Haram hat die Flüchtlinge wie ein trojanisches Pferd benutzt um in die Stadt zu gelangen.“ Er steht auf und zeigt mir die Karte, auf der die einzelnen Flüchtlingslager Maiduguris eingezeichnet sind. „Hier haben sie allein letzte Woche drei Menschen getötet, in diesem hier hat man gestern erst zwei Leichen gefunden.“ Er zeigt auf sein Bürofenster. „Siehst du die Straße da unten? Da haben sie vor drei Tagen eine Bombe gezündet. Du musst die Eskorte akzeptieren.“

Ich bin genau fünf Stunden mit der Militäreskorte unterwegs. Fünf Stunden, in denen der zuständige Offizier die Zeugen mit denen ich spreche, systematisch einschüchtert. Er verweigert mir den Zutritt zu verschiedenen Drehplätzen und an bestimmten Orten darf ich mich nur für wenige Minuten aufhalten – aus Sicherheitsgründen. Nach fünf Stunden stetiger Behinderung seitens des Militärs, beschließe ich meinen Dreh unter diesen Bedingungen nicht fortzuführen. Sie begleiten mich zurück in mein Hotel. Dort angekommen bitte ich sie, mich am nächsten Morgen abzuholen um mich direkt an die Frontlinie zu bringen. Der Offizier erwidert, dass die Zustimmung dafür eine Weile dauern werde. Ich antworte, dass ich mich nicht von der Stelle rühren würde und solange wie nötig in meinem Hotel auf sie warten werde. Dabei weiß ich genau, dass mir die militärische Leitung niemals die Autorisation geben würde.

Meine unrealistische Anfrage dient nur einem Ziel: Meinen Dreh ohne die Militäreskorte abzuschließen.  

 

Zuletzt geändert am 27. Juni 2016