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Bioethik: Die große Baustelle

Länder: Frankreich

Tags: Bioethik, Leihmutterschaft, Gesetz

In was für einer Welt wollen wir morgen leben? Mit dieser großen Frage beginnt in Frankreich eine große Debatte: Sechs Monate lang werden Experten und Zivilgesellschaft dort über Fragen der Bioethik diskutieren - das sieht das Gesetz dort so vor. Dabei stehen so kontroverse Themen wie die Leihmutterschaft auf dem Programm.

Diese sogenannten “Generalstände” könnten dann zu Gesetzesänderungen führen. Wie funktioniert das Ganze und was beschäftigt die Franzosen genau? Ein Überblick.

 
Wie kommt es zur öffentlichen Debatte in Frankreich?

Das Bioethik-Gesetz von 2011 sieht vor, dass es alle sieben Jahre überarbeitet werden muss. Davor soll aber eine öffentliche Debatte in Form von Generalständen stattfinden, die vom „Comité Consultatif National d’Ethique“, der Nationalen Ethikkommission, einberufen werden.

Es wird eine sehr breit angelegte Beratung werden: Die Ethikkommission holt die Meinungen diverser Institutionen ein, etwa von Forschungseinrichtungen, Akademien für Wissenschaft und Medizin oder regionalen Think-Tanks, die zum Thema Ethik arbeiten. Über eine Website können sich auch Bürger und Verbände an der Diskussion beteiligen. Ebenfalls berücksichtigt werden Auswertungen zum Gesetz von 2011, Erwägungen des Staatsrats sowie europäischer und internationaler Ethikinstanzen.

Vorlegen wird die Ethikkommission ihren Abschlussbericht im Frühjahr 2018. Er dient als Grundlage zur Ausarbeitung einer Gesetzesvorlage, die im nächsten Jahr verabschiedet werden soll.

Nun wurden die Themen veröffentlicht, die während der Generalstände diskutiert werden sollen. Die Liste ist lang und kontrovers.

Künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, Sterbehilfe: umstrittene Themen

Bislang war die künstliche Befruchtung in Frankreich nur für heterosexuelle Paare möglich. Das zu ändern war eines der Wahlkampfversprechen von Emmanuel Macron. Einen Großteil der Bevölkerung könnte er damit hinter sich haben: Nach einer Umfrage des französischen Marktforschungsinstituts IFOP sind 60% der Franzosen dafür, dass die künstliche Befruchtung auch für ledige Frauen und lesbische Paare möglich sein sollte.

In der gleichen Umfrage sprachen sich 64% der Franzosen dafür aus, dass es erlaubt sein sollte, eine  Ersatz- oder Leihmutter in Anspruch zu nehmen- innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen, die in der Umfrage nicht detailliert werden.
Außerdem stimmen 80% aller Franzosen Genmanipulation an Embryonen zu, wenn dadurch schwere Krankheiten schon vor der Geburt zu heilen wären, lehnen jedoch Eingriffe zur Verbesserung bestimmter Eigenschaften ab (Augenfarbe, Fettleibigkeit, usw.).

Auch Fragen zur Sterbebegleitung werden thematisiert. Nach der IFOP-Umfrage sind die meisten Franzosen für ein Gesetz zu Euthanasie und Sterbehilfe. Während seines Wahlkampfes sprach sich Emmanuel Macron dafür aus, „sein Lebensende selbst bestimmen zu können“. Er sagte jedoch, er bestehe nicht auf eine sofortige gesetzliche Regelung.

Genveränderungen und künstliche Intelligenz

Der wissenschaftliche und technische Fortschritt wirft eine ganze Reihe neuer ethischer Fragen auf. So ist auch das Thema Gentechnik Gegenstand der derzeitigen Ethikdebatte. Gensequenzierungen ermöglichen mittlerweile schon so einige Diagnosen oder Erkenntnisse über Krankheiten. Doch gleichzeitig werden dadurch Datenbanken über die menschliche Gesundheit erstellt, was neue Herausforderungen für den Schutz der Privatsphäre mit sich bringt. Auch Eingriffe ins menschlichen Genom sind mittlerweile möglich. Mit der Crispr/Cas9-Technik etwa, einer Art genetischer Schere,  lässt sich die DNA chirurgisch verändern. So vielversprechend diese auch Technik ist – sie wirft doch ebenso viele ethische Fragen auf. Niemand kennt die langfristigen Folgen von Erbgutveränderungen.

Auch künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr nur Stoff für Science-Fiction-Filme: Der IBM-Großrechner Watson bietet heute schon eine Diagnosehilfe auf Basis von hunderten Millionen von Daten. Zur Verfeinerung des Algorithmus benötigt die Software Zugriff auf wichtige medizinische Daten, was wiederum die Frage nach dem Schutz medizinischer und privater Informationen aufwirft.

 

 

Soziale und wirtschaftliche Fragen

Die Entwicklung von Hightech-Therapien wie die Stimulation von Immunreaktionen in der Krebsforschung gibt Anlass zu großer Hoffnung, ist jedoch auch sehr kostenintensiv: Eine Behandlung beläuft sich auf jährlich zwischen 700.000 und 800.000 Euro. Die öffentlichen Sozialsysteme könnten das nicht stemmen, besonders nicht die von Entwicklungsländern. So ist auch die Frage nach der Verfügbarkeit solcher Therapien und nach der Preisregulierung Gegenstand der Diskussion.

Zuletzt geändert am 22. Januar 2018