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Überwachungskamera trifft künstliche Intelligenz

Länder: Europäische Union

Tags: Videoüberwachung, Intelligente Videoüberwachung, Überwachung, Überwachungskamera, Europa, Sicherheit, Datenschutz

Überwachungskameras in Zügen, U-Bahnhöfen und auf öffentlichen Plätzen sind in den meisten Städten mittlerweile zur Normalität geworden. Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hält eine neue Generation von Überwachungssystemen Einzug in den Kontrollräumen der Polizei: diese sogenannten "intelligenten" Kameras filmen nicht nur das Geschehen ab, sondern ziehen mithilfe von Algorithmen Schlüsse über "anormales" oder auffälliges Verhalten aus dem Bildmaterial.

Während in Deutschland im Herbst der erste größere Testlauf eines "intelligenten" Videoüberwachungssystems am Berliner Bahnhof Südkreuz beginnen soll und wegen geplanter Gesichtserkennungs-Technik von Datenschützern kritisiert wird, wurden solche Systeme in Frankreich schon vielfach getestet. Die ersten Städte integrieren nun "intelligente Videoüberwachung" in ihre Polizeiarbeit. Im südwestfranzösischen Toulouse soll die neue Technik im September in Betrieb gehen. Unsere Reportage zeigt, was es damit auf sich hat.

 

L'ère des caméras "intelligentes"
Überwachungskameras werden „intelligent" Mit Algorithmen sollen „intelligente" Überwachungskameras anormales Verhalten in der Öffentlichkeit entdecken. Überwachungskameras werden „intelligent

 

Die Tendenz geht schon seit Jahren in ganz Europa hin zu mehr Videoüberwachung. Wo genau Kameras laufen, wie verbreitet die Technik ist und ob die Bevölkerung sie akzeptiert oder ihr skeptisch gegenübersteht, ist allerdings von Land zu Land oft sehr verschieden.

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Von den Anfängen der Videoüberwachung zu "intelligenten" Systemen und Facetracking

Techniken zur Videoüberwachung gibt es schon so lange wie das terrestrische Fernsehen. Jahrzehntelang wurden sie aber nur in geringem Ausmaß genutzt, etwa zur Verkehrsüberwachung oder bei Großereignissen zur Koordinierung von Menschenmassen.

Die ersten Kameras, die städtischen öffentlichen Raum rund um die Uhr filmten, wurden in den 1980er Jahren installiert. 1994 rief das britische Innenministerium eine "Videoüberwachungs-Revolution" aus und stellte für die Einrichtung von Überwachungskameras zwei Millionen Pfund zur Verfügung. Drei Jahre später wurde die Videoüberwachung zu einem der Hauptthemen auf einer europäischen Konferenz über Kriminalitätsbekämpfung im niederländischen Noordwijk. In der Abschlusserklärung dieser Konferenz heißt es:

„Überwachungskameras sind eine kostensparende neue Methode zur Prävention von Kriminalität, die genutzt wird, um Bürger zu beruhigen, die um ihre Sicherheit besorgt sind. Sie dienen der Abschreckung von Kriminellen […]. Überwachungstechniken […] sollten von qualifiziertem Personal überwacht werden […]. Die Öffentlichkeit muss über die Nutzung von Überwachungskameras informiert werden. Die Privatsphäre muss geschützt werden.“

 
Tendenz: steigend

Heute scheint die Tendenz in allen europäischen Ländern, zu denen sich Informationen finden lassen, hin zu mehr Überwachung zu gehen. Hersteller von Überwachungstechnik wie Bosch, Samsung oder Sony setzten 2014 weltweit rund 23,5 Milliarden Dollar um, Marktforscher prognostizieren ihnen auf Jahre hinaus zweistellige Zuwachsraten.

Den Herstellern von Überwachungstechnik prognostizieren Marktforscher auf Jahre hinaus hohe Zuwachsraten.

 

Die Augen der Kameras sind überall, doch wie nützlich sie bei der Prävention und der Aufklärung von Verbrechen sind, ist hoch umstritten. Ein Brüsseler Sicherheitsexperte sagte 2013 zu einem Journalisten von Spiegel Online: "Eigentlich gibt es in vielen EU-Staaten schon jetzt mehr Kameras, als wir auswerten können. Aber sie geben den Menschen das Gefühl von Sicherheit."

 

Prävention durch Algorithmen?

Mit der Inbetriebnahme von Kamerasystemen der neuen Generation könnte sich diese Logik nun ändern: Waren die aufgezeichneten Videobilder bisher vor allem zur Aufklärung einer Straftat im Nachhinein von Bedeutung, sollen die Algorithmen in "intelligenten" Überwachungssystemen die Polizei in Zukunft in Echtzeit bei der Prävention von Straftaten unterstützen.

Nicht nur Unternehmen, die Überwachungstechnik verkaufen, sondern auch die EU gibt seit Jahren hunderte Millionen Euro für Forschungsprojekte aus, mit einem zweistelligen Millionenbetrag wurde etwa "Indect" ("Intelligentes Informationssystem zur Unterstützung von Überwachung, Suche und Erfassung von Bürgern in städtischen Räumen") finanziert, das bis Ende 2013 lief.

In Großbritannien und den Niederlanden sind solche Überwachungssysteme schon am längsten in Gebrauch: Im niederländischen Rotterdam werden schon seit 2011 in einigen U-Bahn-Linien die Gesichter einsteigender Passagiere durch "intelligente" Kameras mit einer Datenbank abgeglichen. In der Datenbank sind die Gesichter der Personen eingespeichert, die Hausverbot bei den Rotterdamer Verkehrsbetrieben haben oder als aggressiv bekannt sind. Ein Alarm wird in der Fahrerkabine ausgelöst, so kann der U-Bahn-Fahrer den unerwünschten Passagier hinauswerfen. In Großbritannien gab es 2015 Diskussionen über die Nutzung automatischer Gesichtserkennung beim Download-Festival in der Region Leicestershire.

 

Die neue Technik wirft neue Fragen auf

Wer definiert, was auffälliges oder anormales Verhalten ist?

 

Grundsätzlich kann jede ausreichend moderne, "dumme" Überwachungskamera durch Algorithmen zur "intelligenten" Überwachungskamera aufgerüstet werden. Welche ungewöhnlichen Verhaltensweisen sie erkennt, kann je nach Standort und Bedarf immer wieder neu definiert werden.

Die Einrichtung von städtischer Videoüberwachung geschah schon immer im Spannungsfeld von erhofftem Sicherheitszuwachs und Beschränkung der individuellen Freiheit im öffentlichen Raum. Mit der Ankunft der Algorithmen müssen nun zusätzlich Antworten auf neue Fragen gefunden werden: Wer definiert, was "auffälliges" oder "anormales" Verhalten ist? Die Polizei? Die Software-Hersteller? Die Stadtverwaltung? Gibt es ein unabhängiges Monitoring für die Wirksamkeit und die Auswirkungen der Überwachung? Gibt es Möglichkeiten, Entscheidungen im Nachhinein zu revidieren, etwa Kameras wieder abzumontieren oder die Definition von "auffälligem" Verhalten an einem bestimmten Ort zu verändern?

 

Vorauseilendes Wohlverhalten

"In fünf Jahren ist Ihr Gesicht Ihr Personalausweis. Deshalb werden Sie Ihr Verhalten ändern."

Sascha Lobo - 22.02.2017

Der Journalist Sascha Lobo stellte im Februar im Spiegel diese These auf: "In fünf Jahren ist Ihr Gesicht Ihr Personalausweis. Deshalb werden Sie Ihr Verhalten ändern." Dazu führte er aus: "Etwas vereinfacht bedeutet es, dass gesellschaftliches Wohlverhalten durch ständige Überwachung und Kontrolle erreicht wird. Der wesentliche Mechanismus ist dabei, dass man zu diesem Wohlverhalten nicht offen gezwungen wird - sondern sich selbst zwingt. Weil man Angst vor den Folgen hat. Oder umgekehrt für Wohlverhalten belohnt werden möchte."

Stadtverwaltungen werden sich in der Nutzung der Videotechnik nicht auf schwere Gewaltverbrechen oder Terrorprävention beschränken. In mehreren südfranzösischen Städten, unter ihnen Toulouse, Nizza und Montpellier, wird sie schon jetzt für das Aufspüren von Falschparkern genutzt. In China, wo Überwachungstechnik samt Algorithmen und Gesichtserkennung boomt wie in kaum einem anderen Land, werden an einigen Stellen Bilder von Fußgängern, die trotz einer roten Ampel die Straße überqueren, mit der nationalen Personalausweis-Datenbank abgeglichen. Bei einer Übereinstimmung wird ihr Foto an die nächstgelegene Bushaltestelle projiziert. Falsch parken, sich unerkannt mit jemandem treffen, bei einer Demonstration mitlaufen oder bei rot über die Straße gehen: Diese Freiheiten wirken banal. Wenn die "intelligente" Videoüberwachung so kommt, wie sich Software-Hersteller und manche Stadtverwaltung das wünschen, sind sie das vielleicht in einigen Jahren schon nicht mehr.

 

Zuletzt geändert am 18. Juli 2017