Bhutan: Die Ideologie vom wahren Glück

Länder: Bhutan

Tags: Bhutan, Bruttoinlandsglücks, Ideologie

Auf 2000 Meter Höhe im Himalaya liegt das Königreich Bhutan, übersetzt; "Das Land des Donnerdrachens" – dort hat der König entschieden, Schluss zu machen mit der "Diktatur des Bruttoinlandsprodukts" und diese Ideologie gegen eine neue eingetauscht, der des "Bruttoinlandsglücks". Alle Welt schaut neugierig auf Bhutan.

Bhoutan, au pays du bonheur national brut (extrait)

 

Die neue staatlich verordnete Ideologie vom Glück ruht auf vier Pfeilern: dem Umweltschutz, dem Erhalt und der Fortentwicklung der bhutanischen Kultur, der guten Regierungsform und schließlich der verantwortlich geführten nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung. Alles Werte und Anschauungen, die auch in den Industrieländern des Westens zu den sehr erstrebenswerten Zielen zählen. Bhutan, das kleine Land mit 742 000 Einwohnern in dem 60 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft arbeiten und 64 Prozent der Arbeitsbevölkerung keine Schulbildung haben, erscheint mit der neuen Ideologie vom Bruttoninlandsglück in diesen Tagen als ein neues großes Vorbild für die ganze Welt.

Bhutan will bis 2020 alle Höfe auf Ökologische Landwirtschaft umgestellt haben; in den Schulen lehren sie die Kinder als „Botschafter des Wandels“ aufzutreten; Handel, Tourismus, Holzeinschlag und Bergbau werden neuen strengen Regeln gemäß der Schonung von Mensch und Natur unterworfen; das Gesundheitssystem ist kostenlos für alle. Unsere Reporter stellen uns das Land und seine neue Ideologie vom wahren Glück vor.

Von Marie-Monique Robin, Guillaume Martin,  Marc Duployer und Françoise Boulègue – ARTE GEIE / M2R Productions – Frankreich 2014

 

 

Marie-Monique Robin: „Ich sehe Bhutan als wirklich ehrlichen Versuch, anders zu denken."
Expired Rights

Drehbedingungen, Reiseeindrücke, deontologische Fragen: Marie-Monique Robin beantwortet Fragen von ARTE-Info zu ihrem neuen Dokumentarfilm.

 

Wie waren die Dreharbeiten?

Wir haben 18 Tage in Bhutan gedreht. Die Vorbereitungen waren ziemlich kompliziert. Sie haben uns mehr als ein Jahr gekostet, weil wir wichtige Persönlichkeiten, wie den früheren Ministerpräsidenten, interviewen wollten und diese Leute nicht leicht zu erreichen sind. Wir wollten auch die Teams beobachten, die die alle drei Jahre stattfindende Umfrage über das Brutto-Glücksprodukt durchführen, und das war nicht leicht zu koordinieren. Aber wir haben alles bekommen, was wir wollten, und haben sogar noch viel unbenutztes Material. Man muss viel vorausplanen und auch Mittel mit anderen teilen. Es ist nämlich sehr teuer, dort zu drehen, weil man auch als Journalist, wie alle Touristen, 250 Dollar Aufenthaltsgebühr pro Tag zahlen muss. Wir hatten dafür dann zwar ein Auto mit Chauffeur und einen Führer zur Verfügung, aber wir waren zu dritt, das kommt also sehr schnell teuer.

Der frühere Ministerpräsident hatte meinen Film über Monsanto gesehen, das hatte eine Vertrauensbasis geschaffen. Er hat das Konzept des „Brutto-Nationalglücks“ entwickelt, der UNO den Bericht „Das Brutto-Nationalglück – ein neues Paradigma?„ ["Le bonheur national brut, vers le développement d’un nouveau paradigme ?" ; auf Französisch] vorgestellt und seit 2012 den 20. März zum „Weltglückstag“ erklärt. Das Konzept wird von den Medien wahrgenommen, seit es der vierte König von Bhutan 1979 auf dem Weg zum Gipfel der Blockfreien Staaten in Kuba bei einer Zwischenlandung in Bombay indischen Journalisten vorgestellt hat. 
 
Wie sehen Sie persönlich dieses Konzept vom Brutto-Nationalglück?
Ich war wie alle recht skeptisch, als Bhutan etwa angekündigt hat, es wolle bis 2020 das erste ausschließliche Bio-Land sein. Aber sie sind tatsächlich dabei, das umzusetzen. Der Staat unterstützt Bio-Kooperativen, junge Unternehmen ziehen Recycling-Programme auf, und so weiter. Als wir in der Pilot-Schule gedreht haben, die in meinem Film vorgestellt wird, habe ich mir gesagt: „Ich würde mir wirklich wünschen, dass meine Kinder in Bhutan aufwachsen könnten. Meine Mitarbeiter und ich sind viel in der Welt herumgekommen, aber wir haben uns nie so anders gefühlt als in Bhutan. Ich sehe Bhutan als wirklich ehrlichen Versuch, anders zu denken.
 
Ist das Modell exportierbar?
Bhutan ist ein sehr kleines, lange völlig isoliertes Land mit buddhistischer Kultur. Das Modell ist nicht einfach so Eins zu Eins übertragbar. Aber ich habe Experten interviewt, die den von Bhutan vorgelegten Bericht analysiert haben und sich darin einig sind, dass man den Reichtum eines Landes heute nicht mehr bloß mit dem Brutto-Inlandsprodukt messen kann. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg eine nützliche Maßeinheit für den Wiederaufbau, heute ist das aber nicht mehr ausreichend. Menschen, die an Krebs leiden oder Katastrophenschäden „produzieren“ nämlich auch. Der Index BIP erfasst nur die Produktion, unterscheidet aber nicht zwischen dem was gut und was schlecht ist für die Erde und für die Menschen. Die Menschheit „konsumiert“ jedes Jahr eineinhalb Mal so viel, wie die Erde produziert, wir lassen ihr nicht mehr die nötige Zeit, sich zu regenerieren. Wir stehen am Abgrund und können nicht so weiterleben, wie wir es im Westen heute tun. Wir müssen die Maßeinheit für Reichtum und Entwicklung ändern, und da ist das Brutto-Nationalglück, das alles einschließt, ein Modell, an dem man sich durchaus inspirieren kann. Im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern ist die Armut hier weniger spürbar. Die Menschen haben zu essen, haben eine Wohnung, Zugang zu kostenloser Bildung und medizinischer Behandlung und sind in eine Gemeinschaft eingegliedert. Glück ist etwas sehr Relatives, und das Konzept hier zielt wie überall darauf, die Grundbedürfnisse abzudecken, aber es legt eben auch Wert auf den Rest. 
 
Haben sie das Gefühl, dass die Regierung als eine Dikatatur des Glücks der Bevölkerung radikale Entscheidungen aufzwingt?
Nein, die Menschen sind sehr stolz auf ihre Identität, sie lieben und respektieren ihren König und dessen Vater. Dieser ist 2008 mit fünfzig Jahren zugunsten seines Sohnes zurückgetreten, weil er überzeugt war, dass das Land von einem Jüngeren regiert werden sollte. Der Sohn hat eine konstitutionelle Monarchie eingeführt, mit einem Parlament und politischen Parteien. Die Könige von Bhutan leben einfach, sie sind aufgeklärt und volksnah. 
Als der König entschieden hat, dass alle Beamten, zu denen auch die Lehrer gehören, die traditionelle Tracht tragen müssen, empfanden die Leute das als eine Maßnahme, die alle auf die gleiche Stufe stellen soll. Und die Betroffenen zerbrechen sich auch nicht lang den Kopf über die "Verpackung". Ich habe nicht das Gefühl, dass sie diese Regel als Zwang empfinden. Sie haben auch die Bergwerke fast völlig eingestellt, aus Umweltschutzgründen, es gibt – angenehmerweise – keine Werbung auf den Straßen, und die Regierung tut alles, um Verschuldung und Konsumrausch zu bremsen. Das Land öffnet sich allmählich nach außen, will aber nicht jeden Fortschritt. Mein Aufenthalt dort hat mich viel stärker beeindruckt, als ich ursprünglich gedacht hatte. 
Dabei sind sie bescheiden. Sie sagen selbst nicht: "Wir sind das Land des Glücks", sondern: "Wir haben Herausforderungen zu bestehen", etwa den Zugang der jungen Leute zum Arbeitsmarkt oder das rasante Bevölkerungswachstum in der Hauptstadt. Und das absolute Rauchverbot im öffentlichen Raum (das 2004 beschlossen wurde, AdR) haben sie wieder abgeschafft, weil sie festgestellt haben, dass das zu weit geht. Sie wissen, wo sie hin wollen, lehnen aber jede Form von Entwicklung ab, die soziale Ungleichheiten schafft.

 

Wie steht es dort um das politische Leben und die Medien?

2013 haben dort Wahlen stattgefunden, aus denen ein neuer Ministerpräsident hervorging, aus einer anderen Partei als der vorherige. In den Medien gab es damals Berichte, er wolle die Politik des Brutto-Nationalglücks in Frage stellen, aber das ist falsch. Er hat mir im Interview versichert, dass er diese Politik weiterführen will. 

Seit 2008 sind mehrere neue Zeitungen entstanden, die jeweils einer politischen Partei nahe stehen (davon gibt es insgesamt fünf, AdR) und auf Englisch und in der Landessprache Dzongkha erscheinen. Die Berichterstattung ist ziemlich frei, auch wenn der König unantastbar bleibt.

 

Wer Informationen zu Bhutan sucht, stößt einerseits auf das Brutto-Nationalglück und andererseits auf die Vertreibung von Tausenden Lhotshampa in den 1990er-Jahren (siehe unten: „Polemik um das Los der Lhotshampa“). Warum haben Sie den zweiten Aspekt ausgeklammert? Wie sehen Sie dieses geschichtliche Ereignis?

Ich habe diese Frage natürlich auch recherchiert, aber weder eine klare Antwort noch eindeutige Beweise gefunden. Ich habe Leute interviewt, die mit der Sache zu tun hatten, und sie haben mir erklärt, dass die Dinge komplexer sind als gewöhnlich dargestellt. Was meistens nicht in den Berichten steht, ist, dass die abgeschobenen Lhotshampa erst spät, in einer Einwanderungswelle während der maoistischen Rebellion in Nepal nach Bhutan gekommen waren. Unter den nepalesischen Bauern, die damals nach Bhutan flohen, waren auch maoistische Terroristen, die die Lhotshampa für ihren Kampf gewinnen und ihn nach Bhutan exportieren wollten. Bhutan war dem weder demographisch noch sicherheitspolitisch gewachsen und hat deshalb zur Bewahrung der eigenen Stabilität beschlossen, alle, die nach 1958 – dem Jahr als Bhutan alle bereits im Land befindlichen Lhotshampa eingebürgert hat – ins Land gekommenen Nepalesen abzuschieben. Dabei hat es unleugbar Armeeeinsätze und auch übertriebene Härte gegeben. Aber die Entscheidung Bhutans war nicht nationalistisch motiviert, sondern durch die Unmöglichkeit, zehntausende Einwanderer einzugliedern. Und in den südnepalesischen Flüchtlingslagern leben nicht nur abgeschobene Lhotshampa, sondern auch viele Nepalesen, die aus anderen nepalesischen Regionen kommen. Es ist also sehr schwierig, sich ein klares Bild von dieser Angelegenheit zu machen.

Ich kann nur sagen, dass ich nie Zeugin irgendeiner Diskriminierung war, weder gegenüber den Lhotshampa, die – zum Teil sogar in hohen Stellungen - noch in Bhutan leben, noch gegenüber den Christen, die manchmal auch als Verfolgte dargestellt werden. So ist etwa der Direktor der Zentralbehörde für das Brutto-Nationalglück ein Lhotshampa. Ich habe ihn auch zu diesem Thema befragt, und er hat mir versichert, dass er völlig integriert ist.

Ich will Bhutan nicht verteidigen, ich stehe allgemein nicht im Ruf, irgendwelche Privatinteressen zu verteidigen, und wenn ich den geringsten Zweifel an der Ehrlichkeit dieser Leute hätte, würde ich das sagen. Ich wollte diese Frage nicht in einem 28-Minuten-Film anschneiden und alles vermischen. Um in dieser Sache wirklich klar zu sehen, müsste man mehrere Jahre recherchieren und die Realität ganz genau von dem trennen, was ich als ein Konstrukt der Medien betrachte. 

Man muss sich auch klar machen, dass Bhutan ein Symbol geworden ist, das nicht allen gefällt und das manche Mächtigen gerne zu Fall bringen würden. Dieses Land weigert sich, in die Welthandelsorganisation einzutreten; sein der UNO vorgestelltes Projekt zum Brutto-Nationalglück wurde inzwischen von 63 Ländern unterschrieben; es verteidigt seine Bauern und seine lokale Wirtschaft. Bhutan wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, in das System einzusteigen, und das stört so manchen Geschäftsmann dieser Welt.

Das Interview führte Laure Siegel

 

@@@ Website von Marie-Monique Robin

 

Polemik um das Los der Lhotsampa

Das UN-Flüchtlingskomissariat, die internationale Presse (The Diplomat - Courrier Japon - New York Times - The Guardian - Al Jazeera) und die Flüchtlinge in den südnepalesischen Lagern (PhotoVoice, ein Projekt, das den Lageralltag dokumentiert) erzählen alle die gleiche Geschichte, die Anfang der 1990er-Jahre passierte und die Beziehungen zwischen Nepal und Bhutan bis heute belastet: 1992 beschließt der König von Bhutan¸in Anwendung des Grundsatzes "One Country, One People" fast die Hälfte der damals in Bhutan ansässigen Lhotshampa, sprich 80.000 Menschen, abzuschieben. 

Die aus Nepal stammenden¸ überwiegend hinduistischen Lhotshampa waren in einer ersten Einwanderungswelle gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach Bhutan gekommen und hatten die Landwirtschaft im fruchtbaren Süden des Landes entwickelt. Ende der 1980er-Jahre verstärkt Bhutan seine Bemühungen zur Bewahrung der buddhistischen Mehrheitskultur. Das Tragen der traditionellen Tracht wird zur Vorschrift gemacht, der Unterricht in nepalesischer Sprache und der hinduistische Kult werden verboten. Dahinter steht auch die Sorge um die territoriale Einheit des Landes, angesichts wachsender Abspaltungstendenzen in Süd-Bhutan. Die Maßnahmen lösen landesweit Proteste gegen die Regierung aus. Diese stempelt daraufhin alle nach 1958 eingewanderten Nepalesen als „Illegale“ ab. Der Konflikt verschärft sich. Ein Bericht von Amnesty International listet 2.000 Fälle von Folter auf. 

Die explosive Situation zwingt tausende Familien ins Exil. Sie flüchten zunächst nach Indien und werden dann in sieben Sammellagern in Süd-Nepal untergebracht. Zwei davon gibt es bis heute, 30.000 Menschen leben dort weiterhin. Sie dürfen in Nepal nicht arbeiten und nicht einmal die Lager verlassen. Alle anderen Lagerinsassen haben das Aufnahmeangebot von sieben westlichen Staaten angenommen, das sie nach dem Scheitern der Verhandlungen über ihre Integration in Nepal oder Bhutan erhalten haben. 80 Prozent der Vertriebenen haben dank dem Einsatz von James R. Moriarty, US-Botschafter in Nepal in den 2000er-Jahren, in den USA Zuflucht gefunden. Die USA werden damit nicht nur ihrem Ruf als Einwanderungsland gerecht, sie verfolgen auch die strategische Absicht, sich als soft power gegenüber den Regionalmächten China und Indien zu profilieren. Vor allem aber stützen sie die nepalesische Regierung gegenüber den maoistischen Rebellen, die Washington als Bedrohung für die Stabilität der ganzen Region betrachtet. 

Wie die Palästinenser halten auch manche Lhotshampa an einem „Rückkehrrecht“ fest und wollen nicht anderswo unterkommen, weil das dem Verzicht auf die irgendwann doch erhoffte Rückkehr nach Bhutan gleichkäme. Andere sehen die Aufnahme in Drittländern vor allem als Zukunftsperspektive für ihre Kinder. Diese Auffassungsunterschiede sorgen für Spannungen innerhalb der Lager. Die letzten beiden Lager sollen aber in Kürze geschlossen werden. Die paar tausend Lhotshampa, die noch dort leben, werden wohl oder übel auf ihr Rückkehrrecht verzichten müssen.


Mehr zu Bhutan: 
@@@ Thierry Mathou - "Le Bhoutan, royaume du bonheur national brut, entre mythe et réalité" (auf Französisch): Thierry Mathou ist ein französischer Diplomat, Orientalist und Sinologe, Spezialist der Himalaya-Region, der seit seiner Doktorarbeit zahlreiche Forschungsarbeiten über Bhutan veröffentlicht hat. Er ist derzeit französischer Botschafter in Birma. 

 

Auf Englisch: 
@@@ Eine Chronologie der Geschichte der Lhotshampa, die deren Zwangsabschiebung aus Bhutan ausführlich behandelt (Refworld – UN-Hochkommissariat für Flüchtlingsfragen)
@@@ Ethnographische Studie zu den Lhotshampa (EthnoMed)
@@@ Bhutan News Service, die erste bhutanische Presseagentur, gegründet von Lhotshampa im Exil in Katmandu
@@@ Website des Verbands für die Freiheit der Presse und der Journalisten in Bhutan (AFPA)

 

Bei ARTE : 
@@@  Die Folge der Serie „Mit offenen Karten“ zu Bhutan

 

Expired Rights