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Berlin - Die Rückkehr der Israelis

Länder: Israel

Tags: Israel, diaspora

Das Phänomen überrascht: seit ein paar Jahren erlebt Berlin eine steigende Immigration von Israelis. Sie sind jung, oft Künstler und werden von den billigen Lebenshaltungskosten und der Freiheit, die die deutsche Hauptstadt bietet angezogen. In Israel beobachtet man diese Entwicklung sehr kritisch. Stéphane Amar hat einige von ihnen getroffen. 

Quitter Israël pour Berlin
  • Verräter, Verantwortungsloser, Antizionist… Beleidigungen dieser Art muss sich der junge Israeli anhören, der es wagte, eine Facebook Seite zu gründen, auf der er seine Mitbürger aufzufordert Israel zu verlassen, um nach Berlin

  • zu ziehen. Sein Hauptargument für ein Auswandern nach Berlin sind die billigeren Lebenshaltungskosten und offenere Menschen. Doch in Israel hat schon das Auswandern an sich einen sehr schlechten Ruf. Doch wenn es dann auch noch darum geht, in eine Stadt zu ziehen, die für Juden symbolisch so stark belastet ist, ist die Ablehnung quasi

  • einstimmig. Dabei – und da wird die Sache paradox – zieht Berlin die israelische Jugend unaufhaltsam an. Jedes Jahr zieht es ungefähr zweitausend von ihnen in die deutsche Hauptstadt, wo sie bereits 20 000 ausgewanderte

  • Israelis erwarten. Sie haben ihre eigenen Cafés, ihr eigenes Kulturzentrum und sogar ihre eigene, stark links orientierte Zeitung.

Dieses Phänomen beschreibt zwei starke Tendenzen in der israelischen Gesellschaft: die entspannte Beziehung die die israelische Jugend mit Deutschland pflegt und den Wunsch, Israel unbedingt zu verlassen, den immer mehr nicht-religiöse junge Israelis hegen.

 

Der Milki-Skandal

Alles begann mit einem Nachtisch, den die Israelis lieben: der Milki. Dieser Schokojoghurt, der mit ein wenig Schlagsahne verziert ist, kostet in Berlin weniger als in Tel Aviv. Die Enthüllung dieses „Skandals“ durch einen der zahlreichen in Berlin lebenden israelischen Studenten, entfesselte eine hitzige Diskussion. Die Polemik kann absurd wirken, doch sie unterstreicht ein neues Phänomen in Israel: die Sicherheitsfragen haben nicht mehr das Monopol der öffentlichen Debatten. Die Wirtschaft, insbesondere die ungerechte Verteilung des Reichtums, beschäftigt immer mehr Israelis.

 

Auf der Suche nach einem billigeren Leben

Der Milki ist nicht das einzige Produkt, das vergleichsweise überteuert ist. Der Preisaufschlag von „Cottage“, einem anderem Milchprodukt, hat im Sommer 2011 eine breite Volksbewegung, die berüchtigte Zeltrevolte, ausgelöst. Trotz einer regelmäßig ansteigenden Wachstumsrate um die 3% und einer recht tiefe Arbeitslosenrate (6.4%) hat die Mittelklasse Israels regelmäßig die schlechtesten Karten. Die Immobilienpreise, die Studiengebühren und auch die Anschaffung eines Autos sind noch immer zu teuer für einen Israeli der Mittelklasse. Außerdem sind die Löhne weitaus niedriger als der Durchschnitt in anderen entwickelten Ländern.

Der Finanzminister und ehemalige Starfernsehjournalist Yair Lapid hat bei den letzten Wahlen einen beachtlichen Erfolg eingefahren, nachdem er mit diesem Thema in den Wahlkampf gezogen war. Er hat nicht lange gezögert und die Aufrufe „nach Berlin zu fahren“ verurteilt, aber ihm ist es nicht gelungen, die Kaufkraft zu verbessern. Israel ist ein reiches, aber zutiefst ungerechtes Land, am unteren Ende der OECD Rangliste, kaum besser als die USA. Ein Anti-Modell für all jene, die noch dem ursprünglichen Zionismus nachtrauern, dem soziale Gerechtigkeit so wichtig war.  

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016