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"Bergbau ist Spekulation"

Länder: Frankreich

Tags: Areva, Minen

Philippe Chalmin ist Professor an der Universität Paris-Dauphine und Herausgeber der Zeitschrift Cyclope (Rohstoffmärkte weltweit).

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Wie war die generelle Lage auf dem Uranmarkt in den 2000er-Jahren?

Philippe Chalmin: Es gab schon immer zwei Märkte für Uran. Einerseits den Vertragsmarkt, der auf langfristigen Abkommen zwischen Großunternehmen wie Energieversorgern und Bergbaufirmen mit ausgehandelten Festpreisen beruhte. Diese Abkommen sollten den Förderunternehmen Stabilität bieten, um Turbulenzen und unkontrollierte Verkäufe dieses strategisch sensiblen Rohstoffs zu vermeiden. Parallel dazu gab es den Spotmarkt* für begrenzte Mengen, die von westlichen Förderfirmen geliefert wurden. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Militärindustrie entstand die Gefahr, dass ein Teil der sowjetischen Uranvorräte in falsche Hände gerät. Um das zu verhindern, wurde eine Reihe weiterer Abkommen geschlossen, die den Aufkauf der überschüssig gewordenen Vorräte zu garantierten Preisen vorsahen. Trotzdem ist ein Teil davon auf dem Spotmarkt gelandet, dieser ist gewachsen und hat sich zunehmend vom Vertragsmarkt abgekoppelt. Über lange Zeit lag der Spotmarkt-Preis unter dem des Vertragsmarkts: Es gab nämlich eine Art Prämie für die Förderfirmen, die sich langfristig verpflichteten, und auch die politische Absicht, mit korrekten und stabilen Preisen bestimmte Regierungen, etwa die von Niger, zu stützen. Tschernobyl war Anfang der 2000er-Jahre vergessen, die Atomindustrie hatte weltweit wieder Aufwind, das Überangebot aus den sowjetischen Lagern war abgebaut. Das führte zu einem Boom des Spotmarkts, auch vor dem generellen Hintergrund des steilen Kursanstiegs bei allen anderen Rohstoffen.

 

Offensichtlich war es nicht das erwartete Eldorado"

Philippe Chalmin

Wie viel Uran wird auf dem Spotmarkt gehandelt?

Philippe Chalmin: Höchstens 20 Prozent. Aber es entstand die Situation, dass der Spotmarkt-Preis über dem des Vertragsmarkts lag. Damit ist der Spotmarkt zum Leitmarkt geworden und hat, wenn auch nur vorübergehend, die Preise auf dem Vertragsmarkt beeinflusst. Heute liegt der Spotmarkt-Preis wieder unter dem des Vertragsmarkts, und sogar unter der Grenze, die man allgemein als Rentabilitätsschwelle für die Förderfirmen angesehen hatte: zwischen 60 und 70 Dollar für ein Pfund Uran.

 

Nach welchen Kriterien wird ein Uranvorkommen bewertet? Hängt die Rentabilität einer Uranmine vom Langzeitpreis ab?​

Philippe Chalmin: Spezifisch für Uran kann ich Ihnen das nicht sagen. Im Bergbausektor überhaupt ist es aber so, dass der spekulative Aspekt nirgendwo größer ist als beim Abbau. Ein Bergwerk ist eine Langzeitinvestition. Im Allgemeinen liegen mindestens zehn Jahre zwischen den ersten Rentabilitätsstudien und dem Augenblick, an dem der Abbau nicht nur anläuft, sondern mit voller Kapazität läuft. Wer in ein Bergbauprojekt investiert – und da muss man Milliarden investieren – weiß absolut nicht, wie der Preis in 15 Jahren aussehen wird, kann diesen Preis auch nicht kontrollieren. Dabei war Uran noch ein Spezialfall, weil es da Langzeitverträge gab. Unter den derzeitigen Marktbedingungen wird das aber vielleicht nicht mehr lange so sein.

 

Man geht als Spekulant ein Risiko ein (...). Wenn man recht behält, wird man als Genie betrachtet, wenn man sich irrt, als Erzschurke.

Philippe Chalmin

Man muss also Wahrsager sein, um damit Gewinn zu machen?

Philippe Chalmin: Wahrsager nicht gerade, aber Spekulant im Wortsinn. Das lateinische "speculare" bedeutet "in die Ferne schauen", also vorausblicken. Man geht als Spekulant ein Risiko ein und behält damit manchmal recht, und manchmal nicht. Wenn man recht behält, wird man als Genie betrachtet, wenn man sich irrt, als Erzschurke.

 

Aber zumindest die Produktionskosten lassen sich doch auch im Bergbau, zu dem Zeitpunkt, zu dem man dieses Risiko eingeht, aus der geologischen Beschaffenheit und dem Erzgehalt der Mine ableiten?

Philippe Chalmin: Das schon, aber es kommt häufig vor, dass die Preise, so wie derzeit, unter den Produktionskosten liegen. Die Ausbeutung der meisten neu erschlossenen Vorkommen ist trotz verbesserter Fördertechnik teurer als bei den alten, weil dort einfach der Rohstoffgehalt des Erzes höher liegt. Dieser Markt ist wirklich in besonderem Maße von Unsicherheit geprägt.

 

Das Problem ist, dass sich heute, im Nachhinein, leicht feststellen lässt, dass es sich um eine Blase handelte. Damals wusste man das aber nicht.

Philippe Chalmin

Was kann man angesichts dieser Unwägbarkeiten tun, um sich abzusichern, besonders in einer Börsenblase, wie es sie Mitte der 2000-Jahre gab?

Philippe Chalmin: Das Problem ist, dass sich heute, im Nachhinein, leicht feststellen lässt, dass es sich um eine Blase handelte. Damals wusste man das aber nicht. 2006/2007 und noch später, als die Preise durch die verstärkte Nachfrage der Chinesen wieder anzogen, hat keiner von Blase gesprochen. An dem Uramin-Deal ist Manches kritisierbar, angefangen vom Grundkonzept eines Konzerns, der den gesamten Zyklus von der Uranförderung bis hin zur Wiederaufbereitung abdecken will. Oder die zu optimistische Einschätzung der geologischen Qualität der fraglichen Minen. Aber Eines scheint mir nicht kritisierbar, weil unvermeidlich, nämlich, dass da auf bestimmte Marktentwicklungen spekuliert wurde. Das Problem liegt woanders. Es liegt in der Gesamtstrategie des Konzerns, und – für mich der Hauptkritikpunkt – in der geologischen Beurteilung: Offensichtlich war es nicht das erwartete Eldorado. Das dritte Problem war die Marktentwicklung: Das Timing war falsch, aber das weiß man erst im Nachhinein.

 

*Am Spotmarkt (Gegensatz zu Terminmarkt) werden Güter zum Augenblickskurs gehandelt, Lieferung und Bezahlung erfolgen gewöhnlich innerhalb von zwei Börsentagen.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016