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„Beinahe jedes chinesische Billigprodukt kommt aus einem Arbeitslager“

Länder: China

Tags: Laogai, Arbeitslager, Zwangsarbeit

Hartmut Idzko, Journalist und langjähriger ARD-Korrespondent spricht mit uns über seinen Film, über das System der Zwangsarbeit in China und über die Bedeutung der Arbeitslager für die chinesische Wirtschaft. 

ARTE THEMA: Sie wagen sich mit Ihrem Film über Laogai, die chinesischen Arbeitslager an ein sehr heikles Thema heran. Hatten Sie Probleme bei den Dreharbeiten?

Hartmut Idzko: Wir haben uns bei den Arbeiten zu diesem Film gar nicht erst nach China getraut, schon gar nicht, als wir im Vorfeld von Festnahmen vieler Journalistenkollegen erfahren hatten. Das Thema ist so sensibel, dass sich kein in Peking akkreditierter Kameramann  bereit erklärt hat, mit mir vor Ort zu drehen. Bildmaterial aus dem Innern der Lager haben wir von einem der Protagonisten, dem Gründer der Laogai Research Foundation Harry Wu erhalten. Er macht seit Jahren auf die katastrophalen Bedingungen in den chinesischen Arbeitslagern aufmerksam. Wu war selbst 20 Jahre in einem Lager eingesperrt und konnte schließlich in die USA fliehen. Er kam als chinesischer Geschäftsmann mit amerikanischem Pass getarnt zurück nach China und machte mit einer kleinen Kamera versteckte Videoaufnahmen in den Lagern, die zeigen wie dort für den Export produziert wird.

Es existieren heute knapp 1000 Lager, in fast jeder chinesischen Stadt gibt es eines.

 

Sie waren lange Zeit als Korrespondent für den ARD in Asien. Haben Sie dort von den chinesischen Arbeitslagern erfahren?

Hartmut Idzko: Natürlich wusste ich, dass es seit den 1950er Jahren zur Zeit Maos, zahlreiche Arbeitslager in China gegeben hatte. In welchem Ausmaß diese auch heute noch existierten erfuhr ich aber erst durch den Besuch des Laogai Museums in Washington. Ich war schockiert. Es gibt heute knapp 1000 Lager, in fast jeder chinesischen Stadt eines. 4 Millionen Menschen sind dort derzeit eingesperrt. Dabei handelt es sich oft um Regimegegner und nicht um Kriminelle. Erst vor kurzem wurden wieder über 180 Rechtsanwälte eingesperrt. Solche Festnahmen stehen in China an der Tagesordnung. Bei uns wird darüber höchstens mit einer kleinen Notiz in der Zeitung berichtet.

Warum widmen europäische Medien diesem Thema so wenig Aufmerksamkeit?

Hartmut Idzko: Da sind eindeutig wirtschaftliche Interessen im Spiel. Deutschland ist Chinas wichtigster Handelspartner in Europa und diese Beziehungen möchte man nicht gefährden. Wir sind in hohem Maße von chinesischen Exportgütern abhängig.

Worin unterscheiden sich die chinesischen Arbeitslager von Arbeitslagern in der Sowjetunion oder zur Zeit von Nazi-Deutschland?

Hartmut Idzko: Der größte Unterscheid liegt in der Lagerverwaltung. Diese ist, anders als bei den Gulags oder den KZs, von der Arbeitsleistung der Insassen abhängig. Die Angestellten leben von dem, was die Gefangenen erwirtschaften. Daher findet keine systematische Vernichtung der Gefangenen wie unter den Nazis statt. Die Wärter haben Interesse daran, dass die Gefangenen am Leben bleiben und sie diese ausbeuten können. Zuständig für die einzelnen Lager sind die regionalen Verwaltungen.

 Man kann davon ausgehen, dass die Arbeitslager einen entscheidenden Beitrag zur chinesischen Wirtschaft leisten.

 

Früher wurden chinesische Zwangsarbeiter für den Bau von Infrastruktur-Projekten und in der Landwirtschaft eingesetzt. Wie groß ist ihre Bedeutung heute für die chinesische Wirtschaft? 

Hartmut Idzko: Genaue Zahlen dazu sind natürlich nicht bekannt. Aber man kann davon ausgehen, dass die Arbeitslager einen entscheidenden Beitrag zur chinesischen Wirtschaft leisten. Das ist ein Milliardenmarkt. Dabei handelt es sich um moderne Fabrikgebäude, die auch Europäer besichtigen und dort Waren bestellen können. Hinter dem Gebäude befindet sich das Gefängnis, in dem die Waren produziert werden.  Das geht von Christbaumlichtern, über Verpackungen für die Pharmaindustrie, bis zu Kleidung, Stofftieren und Maschinenteilen. Man kann bei fast jedem chinesischen Billigprodukt, das bei uns im Warenhaus liegt, davon ausgehen, dass es in einem Arbeitslager hergestellt wurde. Ohne diese Lager könnte China seine Waren nie so billig produzieren.

Sie sprechen in Ihrem Film auch vom Organhandel in Gefangenenlagern.

Hartmut Idzko: Das ist ebenfalls ein Millionengeschäft. In China gibt es ja nach wie vor die Todesstrafe. Früher wurden die Menschen bei Schauprozessen hingerichtet, heute findet die Tötung hinter den Gefängnismauern statt. Von Augenzeugen weiß ich, dass während solcher Hinrichtungen Krankenwagen innerhalb des Gefängnisses warten. Den Leichen werden unmittelbar nach dem Tod die Organe entnommen und dann auf dem Markt verkauft. Wer davon profitiert, sind Kliniken und die Gefängnisse. 

 

Literaturtipps

Denjenigen, die sich näher mit dem Thema auseinandersetzen möchten, empfiehlt Hartmut Idzko folgende Werke:

 

Der vergessene Archipel - Gefängnisse und Lager in der Volksrepublik China

Der französische Politikwissenschaftler und Soziologe Jean-Luc Domenach zeichnet nach jahrelanger Forschungsarbeit die Geschichte des größten Gefängnis- und Lagersystems der Welt nach.

 

Donner der Nacht: Mein Leben in chinesischen Straflagern

Harry Wu, Gründer der Laogai Research Foundation, berichtet über seine Zeit in den Arbeitslagern.

 

Doch mein Herz lebt in Tibet

27 Jahre lang musst die Tibeterin Ama Adhe in chinesischen Gefangenenlagern ausharren. Hier erzählt sie ihre Geschichte.