|

"Baut Schulen statt Moscheen" - Philosophie oder Strategie?

Länder: Türkei

Tags: Erdogan, Putsch, Islam

Mitte Juli wird ein Putsch in der Türkei von der Regierung niedergeschlagen. Der Schuldige und sein Motiv ist schnell benannt: Fetullah Gülen und sein heimlicher Parallelstaat hätten versucht, die Macht in der Türkei endgültig zu übernehmen. Ein "Geschenk Gottes" findet Erdogan, denn endlich ist die Gelegenheit gekommen, den Staat von Terroristen zu säubern. Diejenigen, denen Erdogans Zorn gilt, nennen sich selbst  Hizmet ("Dienst an Gott" oder "Dienst am Menschen") oder Cemat ("Gemeinschaft"). In der Türkei haben sie offiziell einen anderen Namen: "Fethullahistische Terrororganisation" (FETÖ). Am 10. August erlässt Ankara offiziell Haftbefehl gegen den in den USA lebenden Fetullah Gülen. Der wiederum verlangt nun eine internationale Untersuchungskommission.

Fetullah Gülen polarisiert - nicht nur in der Türkei. Was ist seine Botschaft,  was sind die Hintergründe seiner Bewegung und wie konnte er Erdogan so gefährlich werden?

"Baut Schulen statt Moscheen"  so lautet die Kernbotschaft des ehemaligen Imams Fetullah Gülen. In der Türkei der 70er Jahre fallen seine Lehren bei jungen Muslimen auf fruchtbaren Boden. Die Türkei ist streng laizistisch, religiöse Symbole in der Öffentlichkeit sind verboten. Die politische Elite der Großstädte blickt voller Verachtung auf die rückständigen und ungebildeten Muslime herunter. Aber eine gute Bildung ist mit dem Koran vereinbar, sogar die Pflicht eines jeden Muslims - das ist das Credo Fetullah Gülens.

 

illustration_gulene_va_new.jpg

 

Fetullah Gülen

Fetullah Gülen kommt 1941 im anatolischen Erzurum  als Sohn eines Imams zur Welt. Er durchläuft selbst eine klassische Imam-Ausbildung und wird ein bekannter Wanderprediger. Die Zahl seiner Anhänger wächst und es entstehen landesweit Bildungseinrichtungen in seinem Namen. 1999 verlässt Gülen die Türkei und lebt seitdem im US-amerikanischen Exil.

Als Wanderprediger reist er durch das Land und eröffnet den Gläubigen eine Interpretation des Islam, die ermutigt, an dem Fortschritt, dem Wohlstand und der Modernisierung der Türkei Teil zu haben. Die Anhängerschaft Gülens wächst schnell. Überall in der Türkei werden von Gülen inspirierte Einrichtungen gegründet. Nachhilfezentren und Vorbereitungsklassen sollen gläubigen Muslimen, Mädchen wie Jungen, eine erfolgreiche säkulare Schulbildung ermöglichen. In den nächsten Jahrzehnten entsteht ein Netz aus Gülen-nahen Privatschulen und Universitäten. Eine gebildete muslimische Mittelschicht wächst heran - erfolgreich und voller Begeisterung für ihren spirituellen Führer. In der freien Wirtschaft, in staatlichen Institutionen, bei der Polizei und in den Bildungseinrichtungen finden sich Anhänger Fetullah Gülens in hohen Positionen wieder und machen die Bewegung nicht nur einflussreich, sondern auch finanzstark. Unternehmen, Banken und Medienhäuser stehen unter ihrem dem Einfluss. Bis zu 15 Prozent der Türken sollen Fetullah Gülen-Anhänger sein. Ein Parallelstaat im Staat, sagen Kritiker. Mit Gülens Aufruf zum interkulturellen Dialog beginnt die Expansion der Bewegung in andere Länder. Weltweit entstehen Gülen-nahe Schulen und Einrichtungen.

 

Die Lehren des Fetullah Gülen
Gülen verbindet in seinen Lehren eine traditionelle Auslegung des Koran mit Elementen aus dem Sufimus, einer mystischen Strömung des Islam. Nicht selten spricht Gülen von Magie und übernatürlichen Phänomen, schreibt von Engeln und bösen Geistern. Gleichzeitig argumentiert er aus der Sicht des Korans für die Pflicht eines jeden Muslims, die Naturwissenschaften zu studieren, um darin das Wunder Gottes zu erkennen. Gülen predigt nicht gegen die säkulare Ordnung des Staates, sondern spricht von einer "tiefer ansetzenden, aus dem Herzen kommenden und die Herzen erfassende Bewegung", die die islamischen Werte zurück in die Gesellschaft bringen soll. Damit bleibt Gülen für Säkulare als auch für religiöse politische Akteure lange tolerierbar. Inwiefern Gülen nicht doch die Version einer re-islamisierten Gesellschaft hat, bleibt umstritten. Angesichts der fortschreitenden Globalisierung rückt Gülen von anfangs nationalistischen Tönen ab und stellt den  interreligiösen Dialog in den Mittelpunkt seiner Botschaft. 1996 trifft er den Patriarch der orthodoxen Kirche Bartholomeus I, zwei Jahre später wird er vom damaligen Papst Johannes Paul II. und dem Oberhaupt der sephardischen Juden, dem Oberrabbiner Eliyahu Bakshi Doron, empfangen. 2001 verurteilt Fetullah Gülen als erster muslimischer Führer die Anschläge auf das World-Trade-Center öffentlich in einer Stellungnahme. 

 

Fetullah Gülen und Recep Tayip Erdogan: Vom Freund zum Feind

Der konservativ-muslimische Politiker Recep Tayyip Erdogan und der charismatische Gelehrte Fetullah Gülen verfolgen lange gemeinsame Ziele. Beide möchten sie die islamische Identität des türkischen Volkes wieder stärken und gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung des Landes vorantreiben. Während Erdogan Politik macht, versteht sich Gülen ausschließlich als religiöser Führer. Er bestreitet, sich jemals in das politische Geschehen eingemischt zu haben. Erst Ende der 90er Jahre wird das Verhältnis zwischen Erdogan und Gülen durch das Auftauchen eines umstrittenen Videos schwieriger. Gülen soll darin seine Anhänger dazu aufrufen, "die wichtigen Stellen der Macht zu besetzen, sich wie Diplomaten zu verhalten und im richtigen Moment, die Macht an sich zu reißen". 1999 kehrt Fetullah Gülen von einer Reise in die USA nicht mehr in die Türkei zurück. Er lebt seitdem in Sailorsburg, Pennsylvania im Exil. Erdogan erhebt später den Vorwurf,  Korruptionsanklagen gegen ihn und seine Regierung, die 2013 zu einem Skandal führten, seien von Gülen-nahen Staatsanwälten inszeniert worden. Die Spannungen zwischen Erdogan-Befürwortern und Gülen-nahen Türken schlagen sich auch in der türkischen Gemeinde in Deutschland nieder.

 

Die Gülen-Bewegung in Deutschland

Anhänger der Gülen-Bewegung kommen in den 80er Jahren mit der zweiten Generation türkischer Migranten nach Deutschland. Ihre Aktivitäten richten sich vor allem an die Kinder türkischer Gastarbeiterfamilien. Deren Chancen, im deutschen Bildungssystem Fuß zu fassen,  einen guten Schulabschluss zu machen oder gar eine akademische Laufbahn einzuschlagen, sind in den 80er und 90er Jahren denkbar gering. Gülen-Anhänger gründen Nachhilfezentren und eröffnen türkischen Migrantenkindern einen Weg zu Abitur und Studium. Zeitgleich entstehen Gebetskreise und muslimische Wohngemeinschaften. Offiziell repräsentiert wird die Gülen-Bewegung seit 2014 durch die "Stiftung Dialog und Bildung" in Berlin. Die Stiftung versteht sich als Botschafterin für ein gesellschaftliches Miteinander, interkulturellen Dialog und für einen Islam, der mit den "universellen menschlichen Werten" vereinbar ist. Mit Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, wie der Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth, hat die Stiftung zeitweise prominente Unterstützer. Inzwischen betreiben Gülen-nahe Trägervereine über 20 Grundschulen und Gymnasien in Deutschland. Diese sind staatlich anerkannt, halten sich an den deutschen Bildungsplan und unterrichten - abhängig von dem jeweiligen Bundeland – keinen Religionsunterricht. Oft tragen die Trägervereine das Wort Dialog in ihrem Namen, ihre Verbindung zu den konkreten Lehren des geistigen Führer Fetullah Gülen ist nicht immer auf den ersten Blick nachvollziehbar.  Diese unklare Beziehung zwischen den muslimischen Lehren Fetullah Gülens und dem sozialen Engagement der einzelnen Vereine wird jüngst auch von deutschen Politikern kritisiert.

 

 

Zuletzt geändert am 13. August 2016