Barfuß durch die Hölle (4/6), von Laurent Gaudé

Länder: Irak

Tags: Literatur, Flüchtlinge, Kurdistan

Viertes Kapitel der Reisebeschreibung nach Kawergorsk, im Herzen des kurdischen Nord-Irak.

Als die Flüchtlinge im August 2013 in Kawergosk ankamen, betrug die Temperatur über 45 Grad. Man stelle sich vor, wie sie wartend auf dieser baumlosen Fläche standen, ohne Schatten. Die Frauen schwanger. Die Kinder erschöpft. Nicht genug zu trinken. Heute erinnert nichts mehr an diese Feuerprobe. Im Gegenteil – jetzt kämpfen die Flüchtlinge gegen die Kälte. In wenigen Monaten ging es von einem Extrem ins andere. Der Boden, auf dem Kawergosk errichtet wurde, besteht aus einer dicken Lehmschicht. Anfang Dezember regnet es hier sehr viel. In wenigen Minuten verwandelt sich das ganze Lager in ein Schlammfeld; der Schlamm klebt an den Sohlen und verschlingt den ganzen Fuß, wenn man aus Versehen in eine Pfütze tritt. Und doch treffen wir dauernd Frauen, die barfüßige Kinder an der Hand halten…

 "Auf der einen Seite der alles überschwemmende Schlamm, auf der anderen Seite der Mensch mit seinen notdürftigen Schuhen."

 

Die Schuhe. Ich muss von den Schuhen erzählen. Sie sind allgegenwärtig in Kawergosk, stehen vor jedem Zelteingang, ordentlich paarweise oder wild durcheinander. Vor dem Betreten der Zelte zieht man sich stets die Schuhe aus, um den Boden nicht zu beschmutzen. Wenn der Schlamm getrocknet ist, erinnern die Schuhe an Fossilien, die in einem dicken, grauen Klumpen eingeschlossen sind.

Wenn es regnet, sind die Gänge von Kawergosk menschenleer. Der Wind weht. Er ist eiskalt. Das Trommeln des Regens und das Flattern der Planen im Wind zerreibt die Nerven der Menschen in ihren Zelten. Es wird früh dunkel. Der Winter wird kommen, mit Bronchitis und Fieber. Die Kälte wird die Familien heimsuchen, und nun sind gute Schuhe von höchster Wichtigkeit. Ein Sinnbild für eine der größten Herausforderungen, der sich die Flüchtlinge täglich stellen müssen: auf der einen Seite der alles überschwemmende Schlamm, auf der anderen Seite der Mensch mit seinen notdürftigen Schuhen. Seit Monaten schmerzen den Flüchtlingen die Füße. Es wird kalt in Kawergosk. Als ich die alten Turnschuhe und Sandalen vor den Zelten betrachte, ist mir nach Weinen zumute, so perfekt symbolisieren sie ihre Lage, ihren Kampf und vielleicht sogar ihr Schicksal.