Banksys Bidoun - Kapitel 5

Länder: Frankreich

Tags: Réfugiés

Den Rest der Nacht und den ganzen verregneten Morgen des folgenden Tages versuchen die Rettungsdienste, die Leiche des Vermissten aufzufinden, unterstützt von einem Überwachungshubschrauber, der das Gebiet dicht über den Fluten kreuz und quer abfliegt. Vergebens.
Am frühen Nachmittag strömen aus Calais und der Umgebung Hunderte dick eingemummte Menschen zum städtischen Strand, wo heftige Windböen den Sand aufwirbeln. Aus einem Lieferwagen werden fünf längliche Kisten von der Größe einer stattlichen Hundehütte ausgeladen, je eine der Seitenwände ist mit sechs großen Belüftungslöchern versehen und lässt sich hochschieben. Die Träger, drei bis vier pro Kiste, reihen sie circa zehn Meter vor der Brandungslinie auf. Die Menge schwillt unaufhörlich an, so dass man sie allmählich dirigieren muss, damit sie nicht überhandnimmt und den Kisten nicht zu nahe kommt. Mehrere Personen in grauen moltongefütterten Parkas und schwarzen Jeans treten vor. Eine Frau faltet ein Blatt auseinander, um dessen Inhalt mithilfe des Megaphons vorzutragen, das ihr ein Mann mit stattlichem Bart hinhält.
"Ich möchte in erster Linie all den freiwilligen Helfern danken, deren Einsatz es überhaupt erst möglich gemacht hat, dass fünf unserer Pfleglinge nach ihrem Aufenthalt in unserer Meeresklinik und unserer intensiven Fürsorge wieder zurück in die Freiheit finden. Nun werde ich Jacky, unseren Vorsitzenden, bitten, zu mir zu kommen und das Startsignal zu geben."
Ein korpulenter Mann um die Fünfzig tritt an das Megaphon.
"Drei, zwei, eins ... Los!"
Beim letzten Wort ziehen die Assistenten die Klappen der Kisten hoch, dann sieht man zunächst nur schnurrbärtige Schnauzen hervorschauen, ehe die runden Augen der Robben sichtbar werden. Die fünf Seehunde winden sich aus den Kisten und kriechen unter Zuhilfenahme ihrer kurzen Flossen über den Sand. Die Menge beginnt zu johlen, treibt die Tiere an, applaudiert, bis sie sich schließlich selbst in Bewegung zu setzt und die verzweifelte Hatz der Robben in die Wasser von Ärmelkanal und Nordsee begleitet. Blitzlichter knistern in der tiefstehenden Sonne, um die Rückkehr von fünf Säugern, die einige Monate zuvor nach einem heftigen Sturm erschöpft aufgelesen worden waren, in ihren natürlichen Lebensraum zu verewigen.
Drei Stunden später, die Menschenansammlung hat sich bereits aufgelöst, glaubt ein Spaziergänger zu beobachten, wie einer von ihnen ungefähr hundert Meter vom Ufer entfernt reglos dahin treibt. Ein Boot nähert sich der Stelle. Es ist Tareks Leiche, die das Meer den Lebenden zurückschickt.
Beinahe Hundert Migranten begleiten seinen Sarg auf den Wegen des Nordfriedhofs, hinter dem Park der Zitadelle. Das Geviert für die Bedürftigen liegt zur Linken, neben einem Pfuhl schwarzen Wassers. Die in den Lehmboden gerammten Pfosten tragen jeweils ein kleines Schild, was ihnen den Anschein von Kreuzen verleiht. Nummern stehen darauf anstelle der unbekannten Namen. Die der seit fünfzehn Jahren in der Umgebung von Calais und Sangatte verschwundenen Exilanten. Tarek - der ist jetzt nur noch "Monsieur X".

EPILOG

Calais (Frankreich), Februar 2016

Einige Tage vor der Schleifung des südlichen Sektors des Dschungels, in dem gerade auch die staatenlosen Bidun ihre Hütten errichtet haben, erhalten sämtliche städtischen Haushalte Calaismag, eine von der Stadt herausgegebene Monatszeitschrift. Von der Aufrüstung der örtlichen Polizei mit besseren Waffen ist darin die Rede, dem grüne Daumen von Hobbygärtnern, dem Abriss des alten Krankenhauses, der Mülltrennung.
Auf Seite 21 zieht eine Überschrift den Blick auf sich: "Die Werke des Künstlers Banksy sind gesichert!" Der Artikel ist kurzgefasst: "Die Ende letzten Jahres von dem Künstler Banksy in Calais verwirklichten Stencil sind nun jeweils durch Glasscheiben geschützt worden. Dahinter steht der Wille der Gemeinde, "die Werke zur Geltung zu bringen, so wie es überall gehandhabt wird, wo Banksy arbeitet", führt der Beigeordnete für Kulturfragen aus. Schon wenige Stunden nach ihrem Auftauchen sind die Werke zunächst mit Sperrholzplatten verdeckt worden, um jedwede Beschädigung zu verhindern. Bis sie durch eine Glasscheibe endgültig geschützt wurden. Inzwischen haben die Arbeiten des Künstlers von Weltrenommee ihre volle Bedeutung erlangt, und dies in einem Maße, dass sie zu einem touristischen Anziehungspunkt geworden sind. >Das ist eine Chance für die Stadt. Das Interesse der Medien ist groß. Fans des Künstlers kommen eigens her, um die Werke zu fotografieren, und das ist gut für Calais<, versichert der Beigeordnete. Auf der grauen Bunkerwand reckt der "Monsieur X" des Nordfriedhofs, "My name ist Tarek from Kuwait", seinen von Banksy gemalten Finger gen England, am Himmel begleitet vom ersten fliegenden Menschen, der die Straße von Dover überwand.

Didier Daeninckx

 

Übersetzung: Stefan Linster

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016