Banksys Bidoun - Kapitel 4

Länder: Frankreich

Tags: Réfugiés

Einen Monat nach seiner Ankunft abseits von Calais hat Tarek an die zwanzig Fluchtversuche unternommen, die allesamt mit einer Rückkehr an den bitteren Start endeten. Man hat ihm erklärt, manche würden die Bewohner des Dschungels jungoliens nennen, die Dschungoloiden, was der Bezeichnung für Mongoloide nachgebildet sei. Auf seinem Handy hält er alle Tricks und Kniffe fest, die anderen von Nutzen sein werden, wie etwa, mehrere Lagen Kleidungsstücke überzuziehen, das Gesicht unter einer Kapuze zu verhüllen und Tücher um die Hände zu wickeln, um der Ortung durch Wärmekameras für ein paar Minuten zu entgehen. Außerdem hat er Françoise kennen gelernt, eine Rentnerin des nationalen Bildungswesens, die nach Blériot-Plage kam, um ihre alten Tage in ihrem Elternhaus zu verbringen, im Quartier des Baraques – also ganz in der Nähe der Stelle, von der aus dem namensgebenden Luftfahrer 1909 die Überquerung des Ärmelkanals geglückt war. In einer der Baracken des Slum-Lagers gibt sie Französischunterricht, den Tarek besucht, um die Zeit totzuschlagen. Sie lädt ihre Schüler reihum zu sich nach Hause ein, und ihr Ehemann grillt Fisch, den sie von Berufsfischern geschenkt bekommen, die sich nicht damit abfinden können mitanzusehen, wie das Meer Tausende Männer, Frauen und Kinder verschlingt. An diesem Sonntag sind sie ungefähr zehn, um im Garten die letzten Sonnenstrahlen des Sommers zu genießen. Françoise ist aufgefallen, dass Tarek besorgt wirkte, und dank der Unterstützung eines englisch sprechenden Syrers vermag sie ihn nach dem Grund zu fragen. Er redet schnell, mit leiser Stimme.
"Schon seit drei Tagen haben wir nichts mehr von Fayez gehört ... Als ihn das letzte Mal jemand gesehen hat, hatte er sich gerade auf das Gebiet des Terminals schleichen können ... Ich hab ihm mehrere SMS geschickt. Seine Mailbox ist gesperrt. Ich hoffe, ihm ist nichts passiert ..."
Drei Nächte zuvor nämlich hatte eine Bürgerwehr von "Calais in Wut", teils mit Baseballschlägern bewaffnet und "Frankreich den Franzosen" rufend, Jagd auf Migranten gemacht. Ein auf allen Handys im Dschungel kursierendes Video zeigt, wie manche dieser Tobsüchtigen herumbrüllen, man müsse das Problem endgültig lösen. Die Kamera hält sogar eine Detonation fest. Etwas weiter zeigt einer der Rasenden, ein wohlgenährter Typ mit pausbäckigem Kindergesicht, Ausreiseaspiranten im Vorbeigehen eine Waffe ... Ein General der Fremdenlegion ruft Karl Martells Andenken wach, indem er behauptet, es hätte doch keinen Zweck gehabt, die Araber 732 in Poitiers aufzuhalten, wenn man sie 2015 in Calais einfallen lasse.
Tarek schläft tief und fest in ihrer Hütte, als ihn ein Schrei aus dem Schlaf reißt. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe trifft auf Jarrah: Wie besessen zappelt er mitten in dem winzigen Raum herum, stößt schrille Schreie aus und wedelt dabei mit dem Handy über seinem Kopf.
"Was ist denn mit dir los? Bis du verrückt geworden?"
Jarrah benimmt sich nur umso unbändiger, weshalb er letztlich aufstehen und versuchen muss, ihn zu beruhigen. Doch sowie Tarek erkennt, warum sein Freund derart außer sich geraten ist, beginnt auch er, unter Freudengeschrei zu tanzen und zu trampeln, dass die Wände beben. Auf Jarrahs Facebook-Seite sind Bilder eingetroffen. Ein großer festlicher Speisesaal, Tische voller Essen, Getränke, Blumen. Dutzende Menschen in traditionellen Bidun-Gewändern sitzen um die Leckerbissen, und in vorderster Reihe, das Gesicht von einem rekordbuchwürdigen Lächeln erhellt, reicht Fayez ihnen eine riesige Platte Fleischspieße entgegen, so als wollte er damit sagen: "Ich habe es geschafft, ich bin auf der anderen Seite, ich vergesse euch nicht, ich warte auf euch." Die beiden umarmen sich, ihre Tränen vermischen sich. Das Bild der Wiedersehensfeier in Birmingham hat ihnen augenblicklich wieder Mut gemacht, alles zu ertragen, auch über Monate.
Und Mut brauchen sie dann wirklich Anfang Oktober, als Yazen, der Iraker, der Fayez' Platz in ihrer Hütte eingenommen hat, Tarek und Jarrah zuredet, sich ihm doch anzuschließen und eine Überfahrt über den Ärmelkanal zu wagen. Die wenigen Male, bei denen diese Möglichkeit bislang angesprochen worden war, hatte sich immer jemand gefunden, um zu erklären, dass Pas-de-Calais, die Straße von Dover, zu den meistbefahrenen Routen der Welt gehöre, wo Tag für Tag Hunderte von Frachtern, RoRo-Schiffen, Tankern wie Containerschiffen mit riesigen Tonnagen kreuzten, und dass diesen regelrechten maritimen Schienenweg überqueren zu wollen, dem Versuch gleichkäme, eine Autobahn zu Beginn der Reisewelle in der falschen Richtung zu befahren. Als sie eines Abends im Restaurant des Afghanen darüber diskutierten, schloss ein weiser alter Mann, den alle verehren, seit er seine absolut sichere Überfahrt einer Frau und deren Kind überlassen hat, mit folgenden Worten:
"Ich glaube, da hat man mehr Chancen rüberzukommen, wenn man auf eine Düne steigt und oben mit den Armen wedelt, um fliegen zu lernen."
Über einen Franzosen, den er auf der Terrasse eines Cafés kennen gelernt hat, konnte Yazen, für eine Angeltour, ein kleines Motorboot mieten, das im Jachthafen vor Anker liegt. Sein Freund würde es aus dem Bassin du Paradis holen, und sie sollten ihn am Ende der Mole treffen, wo sie das Steuer übernehmen und einige Zeit an der Küste entlang schippern müssten, um so zu tun, als wären sie auf Fischfang, um dann erst aufs offene Meer hinaus zu fahren. Tarek und Jarrah lassen sich überreden. Tarek wickelt sein Handy in mehrere Lagen Plastikfolie und verschließt das Päckchen mit Klebeband. Am nächsten Tag steigt er als allererster an Bord des Kahns, dessen Motor völlig rund läuft, ohne zu qualmen. Das mitgebrachte Geld der vier Ausreiseaspiranten wechselt den Besitzer, dann kreuzt ihr Gefährt an der Küste entlang in Richtung Quartier des Baraques. Auf der Höhe des Feldes, von dem Louis gut ein Jahrhundert zuvor in die Lüfte aufstieg, legt Yazen das Ruder um und nimmt Kurs auf England, als plötzlich Wind aufkommt, die See hohl geht und Nebel den Horizont verdunkelt. Und als sie eine Stunde später einer Fähre ausweichen wollen, steuert der unerfahrene Kapitän ihr Boot geradewegs quer ins brodelnde Kielwasser des stählernen Ungeheuers. Die Nussschale kentert und lediglich drei Männern, die ein Schnellboot der Küstenwache bergen wird, gelingt es, sich an dem treibenden Rumpf festzukrallen. Tarek gehört nicht dazu.

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Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016