Banksys Bidoun - Kapitel 3

Länder: Frankreich

Tags: Réfugiés

Tarek schläft die Nacht durch, trotz Jarrahs ständigem Husten, dem einzigen der Bande, der, vom Fieber geschwächt, nicht draußen ist, um sein Glück zu wagen. Er wird im Morgengrauen wach, als Fayez und die beiden anderen Bidun von ihrer nächtlichen Expedition zurückkehren. Sie wärmen sich auf, mit beiden Händen eine Tasse kochend heißen, süß duftenden Tee umklammernd. Fayez hält ihm einen Becher hin.
"Probier mal ... Wir haben Kardamom hineingetan, wie bei uns in der Wüste ... Die Freiwilligen trinken ihn nur noch nach unserem Rezept ... Einige von denen kommen von überall her, um uns beim Bau von Häusern zu helfen und medizinisch zu versorgen. Um Essen zu verteilen. Viele Engländer, Deutsche, aber auch Leute aus Calais. Die sind ganz anders als die von gestern im Bahnhofsviertel."
Bis ihre Anspannung sich dann endlich legt, reden sie eine Stunde lang über alles, was sie erlebt haben, ihre Versuche, in einen der Lkws zu gelangen, die zur Abfahrt nach England bereit in langen Schlangen auf die Zollabfertigung warten. Gegen Mitternacht hatte Fayez sich tatsächlich in den Zwischenraum über der Radachse eines Kühlwagens schmuggeln können, doch ein Kontrolleur hatte mit seinem Teleskopspiegel unter dem Truck nachgesehen und ihn dabei entdeckt. Die beiden anderen waren mit einem nachhaltigen Strahl Tränengas, der ihnen noch immer in den Augen brennt, aus ihrem Versteck zwischen dem Gerümpel im Sattelschlepper einer Umzugsspedition verscheucht worden.
"Am Ärmelkanaltunnel ist es praktisch nicht mehr möglich, rüberzukommen. Alle fünfzig Meter Polizeisperren, Patrouillen, Hubschrauber ... Die haben sogar Geräte, mit denen sie die Körperwärme durch die Karosserie orten können, Atemdetektoren ..."
Tarek unterbricht ihn.
"Und was ist mit Schleusern? Die kommen doch überall durch ..."
"Je seltener das wird, umso teurer wird es: Neulich hieß es, die Preise würden jetzt über 12 000 Euro liegen. Die handeln nach dem Gesetz des Marktes."
Im Laufe des Tages stellen die Bidun den Neuankömmling ihren Bekannten vor, zeigen ihm, wo sich die Sanitäranlagen befinden, die Ambulanz der Ärzte, die Geschäfte, der Barbier, die Restaurants, die Essenausgaben, das "Theater der Engländer", die Beratungsstellen der Hilfsorganisationen, um die Behördenpapiere auszufüllen, die Kirche, die Moschee, die Schule ... Tarek bleibt vor einem weißen Zaun stehen, an den der Nordwind jede Menge Abfälle, Papier und Plastikschnipsel geweht hat. Er beobachtet die Männer, während sie an den großen Metallcontainern arbeiten, in denen sie ganze Fluchten von Zwölfer-Schlafsälen herrichten, und Duschen ... Andere legen Mittelwege an, die eine Baumaschine mit Schotter auffüllt.
"Warum gehen wir eigentlich nicht dorthin. Es ist sauber, es ist sicher ... Und es gibt sogar Heizkörper für den Winter ..."
Fayez zuckt mit den Schultern.
"Genau darauf setzen die ja, auf die Müdigkeit, den Überdruss ... Allerdings musst du, um in dieses Blechdorf rein und wieder raus zu kommen, die Hand auf den Scanner legen. Die Tür öffnet sich nur, wenn das System deinen Abdruck in der Datenbank findet ... Dann bist du ihnen schon ins Netz gegangen ... Außerdem hat man keinen Einfluss darauf, mit welchen Leuten man zusammenkommt, und sich was zu essen machen, darf man auch nicht ... Die Container da, die bringen gar nichts, die sind nur dafür gemacht, uns zu verwahren ..."
Noch am selben Abend entscheidet Tarek, seine Feuertaufe zu wagen und sich seinen Gefährten anzuschließen. Gemeinsam schleichen sie gebückt querfeldein, die Umgehungsstraße entlang. Die Polizeistreife hat die ein paar Tage alten Schnitte im Zaun noch nicht bemerkt, sodass sie auf die Autobahn gelangen können. Meter für Meter kämpfen sie sich voran, werfen sich jedes Mal, wenn das Brummen eines Motors hörbar wird, bäuchlings auf den Boden, aus Furcht, von den Scheinwerfelkegeln erfasst und sofort angezeigt zu werden. Er findet Gefallen an einem riesigen Kenworth, ein Truck mit gestreckter glänzender Motorhaube, an dessen Anhänger er auch tatsächlich einen der Schnallriemen lösen kann. Und wie er gerade im Begriff ist, sich ins Innere zu hieven, bringt ihn ein heftiger Schlag auf den Kopf ins Taumeln. Er will sich noch umdrehen, doch nach einem zweiten Hieb verliert er das Bewusstsein. Er hat das Gefühl, hochgehoben und schonungslos auf einen kalten Bretterboden geworfen zu werden, dann ist alles nur noch vollkommene Schwärze.
Die Sonne steht bereits hoch am Himmel, als Tarek wieder zur Besinnung kommt. Er liegt im Sand, einige Meter vom Meer entfernt. Er richtet sich auf, schließt aber sofort wieder die Augen, um einen plötzlich einsetzenden Schwindel zu bändigen. Ein paar hundert Meter weit auf offener See zieht eine Fähre der Seaways vorüber, und als sein Blick dem Kielwasser des Schiffs folgt, entdeckt er am Horizont die Hafenanlagen von Calais. Er geht zum Wasser, um sich das Gesicht zu erfrischen und das Blut abzuwaschen, das in seinem kurzen Haar getrocknet ist. Als er daraufhin um eine Düne geht, winken ihm zwei Männer, die ihn schon mehrere Minuten beobachtet haben, näher zu kommen. Ihre auf Englisch gestellten Fragen beantwortet er mit den einzigen Worten, die er beherrscht: "My name ist Tarek from Kuwait ..." Der ältere von beiden, bekleidet mit einer Jogginghose, das Gesicht von einer großen Kapuze halb verborgen, hält ihm eine Flasche Limonade hin und zeigt ihm einen zwei Meter hohen grauen Betonblock, der aus dem Sand herausragt. Mittels Gesten scheint er ihn um Erlaubnis zu bitten, auf diese Überreste eines deutschen Bunkers schreiben zu dürfen. Tarek willigt ein, begreift aber, als der Unbekannte ihn dirigiert, ihn frontal zur Sonne, zum Meer hin platziert, dass er ihm Modell stehen soll. Der Mann fordert ihn auf, sich nicht mehr zu bewegen. Er betrachtet ihn für den Bruchteil einer Sekunde und wirft dann flink die Umrisse eines Körpers auf das Gestein. Wieder und wieder setzt er an, zehnmal, zwanzigmal, bis er aus einem Rucksack Sprühdosen in verschiedenen Farben hervorholt und schließlich ein Ganzfigurporträt entstehen lässt, in dem Tarek sich wiedererkennt. Er schaut dem Künstler zu, wie er ein Fluggerät aus den Anfängen der Luftfahrt skizziert, das über dem Kopf des Migranten hinweg in dieselbe Richtung wie die Seaways-Fähre fliegt: zur englischen Küste. Tarek schafft es, verständlich zu machen, dass er im Dschungel wohnt, und so bringen ihn die beiden Männer im Wagen zurück auf die andere Seite der Stadt, hinter das Industriegebiet. Bevor er umkehrt, drückt der Maler ihm die Hand: "So long Tarek. My Name ist Banksy from England."

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Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016