Banksys Bidoun - Kapitel 2

Länder: Frankreich

Tags: Réfugiés

Tarek quält nur eine einzige Sorge, kaum dass er den Fuß auf die griechischen Insel Lesbos setzt, er muss eine Steckdose finden, um sein Handy aufzuladen, dessen Akku leer ist, weil er es auf dem Boot als Taschenlampe verwendet hat. Die Mitarbeiter der humanitären Nothilfe leiten ihn und seine Schicksalsgefährten zu einem Aufnahmezentrum in Mytilini, von wo aus normalerweise der Transfer nach Athen per Linienschiff vorgesehen ist. Er gibt vor, syrischer Staatsbürger und vor der Übernahme seines Dorfes durch die Kämpfer des Daesch geflohen zu sein, und schafft es, sich der Abnahme seiner Fingerabdrücke für all die Formulare zu entziehen, die die gigantischen europäischen Datenbanken nähren. Er wird befragt, man will den Namen der Hauptstadt Syriens von ihm wissen, die Farben der Nationalflagge.
"Da gibt inzwischen mehrere, in Damaskus, Mossul, in Kurdistan ..."
Dann noch den Namen des Staatsoberhaupts.
"Falls der gemeint ist, den Amerika, Russland, Europa und die Vereinten Nationen anerkennen, dann ist es Baschar al-Assad ..."
Er kennt etliche der Fallen auf dem sechstausend Kilometer langen Weg zwischen Al Jahra und Birmingham in England, wohin ein Teil der Familie schon Jahre vor der Invasion Kuwaits ausgewandert ist. Er träumt davon, in dem von seinem Cousin geführten Geschäft an der Washwood Heath Road arbeiten zu dürfen, einem Superette, dessen Fotos er sich immer wieder ansieht, um sich Mut zu machen. England ist ihm das wohl schuldig, schließlich hat es sein ganzes Elend ja auch verursacht, indem es, Dutzende Jahre vor seiner Geburt, mit schwarzer Tinte einen Strich auf einer Karte zog! Durch die Gewährung der Unabhängigkeit hatte die britische Verwaltung die Grenzlinien Kuwaits ein für alle Mal festgelegt, Grenzen, die hunderttausend Angehörige von Nomadenstämmen, Schammar wie Anaizah, ab da voneinander trennten. Die neuen absoluten Herrscher, die Dynastie der As-Sabah, wollten diese nicht sesshaften Völker nie anerkennen, denen sie sämtliche Übel der Welt anlasteten. Sie mussten lernen, unsichtbar zu sein. Man hatte sie die Bidun genannt, die Heimatortlosen, die Identitätslosen, die Rechtlosen. Alles blieb ihnen in diesem Land auf einem Ozean aus schwarzem Gold verwehrt, bis auf die Gunst, in der drangvollen Enge der überhitzten Elendssiedlungen Al Jahras zu vegetieren: ohne Schulen, ohne höhere Ausbildung, ohne Arbeit, ohne Versorgung, ohne Papiere, ohne Namen auf den Gräbern nach einem Leben, das einem nicht endenden Koma gleichkam. Allein der Wüstenwind birgt die Erinnerung an sie. Und genau deswegen weigert Tarek sich auch, seine Fingerabdrücke "abzugeben". Sein Körper ist alles, was er besitzt.
Ein Körper, den er in den diversen Überlandbussen auf seinem Weg durch Griechenland, Mazedonien und Serbien zusammenkrümmt, und den er später dann in den Zügen auszustrecken versucht, Züge, die Österreich, Deutschland und endlich Frankreich durchqueren ... Um nach drei Monaten einer freudlosen Reise auf dem Vorplatz des Gare de l'Est endlich den Duft von Paris zu atmen. Der auf dem Display angezeigte Stadtplan verrät ihm, dass die Adresse eines Landsmannes namens Salem, in der Passage Brady, ganz in der Nähe ist. So verschnauft er eine Woche in einer 2-Zimmer-Wohnung unterm Dach, die sich sechs Emigranten teilen, füllt sich den Magen mit Gerichten wie Biryani, Saag und Chapati-Fladen, die Salem aus dem pakistanischen Restaurant mitbringt, wo er als Tellerwäscher arbeitet, schaut sich die arabisch untertitelten türkischen Serien an, die ihre an der Fensterbank befestigte Parabolantenne empfängt.
An einem sonnigen Morgen Anfang September begleitet Salem ihn zum Gare du Nord, wo er ihm die Fahrkarte nach Calais bezahlt. Auf der Fahrt verdunkelt sich der Himmel, und so kommt er im Nieselregen gegenüber dem Belfried des Rathauses an. Fayez, ein Freund aus Kindertagen, der sich zwei Monate vor ihm auf den Weg gemacht hat, erwartet ihn in Begleitung dreier weiterer Bidun am Taxistand; er macht sie miteinander bekannt. "Wir wohnen zusammen ... Es gibt zwar ein Plätzchen für dich, aber du kommst wirklich zu einem ungünstigen Zeitpunkt ..."
Tarek stellt keine Fragen, er begnügt sich damit, ihnen auf dem Bürgersteig des von Geschäften gesäumten Boulevards, der zum Fährhafen führt, zu folgen. Versteht aber, als Fayez ihn nötigt, die Straßenseite zu wechseln, um einen Pub zu meiden, dessen Terrasse voller Menschen ist, die irgendeine kriegerische Hymne schmettern und dabei blauweißrote Fahnen schwenken. Als sie an ihnen vorbeikommen, reckt einer der Männer, eine Kapuze über dem Schädel, mehrmals den Arm zum Himmel und stößt Worte aus, die der Wind vor seinem weit aufgerissenen Mund verweht. Fayez packt ihn bei der Schulter.
"Früher haben wir uns in der Stadt aufgehalten, aber das ist zu schwierig geworden ... Wir kommen nur her, wenn wir müssen. Wir haben uns am anderen Ende einquartiert, an einem Strand ..."
Die fünf gehen um das Bassin du Paradis, das alte Hafenbecken herum, kommen am Verladeterminal vorbei, der durch unüberwindbare, mit Stacheldraht bewehrte Drahtzäune gesichert ist. Im prasselnden Regen marschieren sie Richtung Flughafen. An einer Mauer die Aufschrift London 33 km, von einem Pfeil unterstrichen, der zum Meer hin zeigt. Genau in diesem Augenblick begreift Tarek, dass das schwierigste noch vor ihm liegt. Sie durchqueren ein nicht endendes Industriegebiet, die Maschendrahtzäune übersät mit Totenköpfen auf orangefarbenem Grund, lassen die Tanklager der Kuwait Petroleum France SA hinter sich, bis sie schließlich über den Chemin des Dunes, der parallel zur Umgehungsautobahn verläuft, zum Meer abbiegen. Vorbeifahrende Lastwagen spritzen schwarze Wasserfontänen in die Höhe, wenn sie durch die tiefen Fahrspuren in der Piste donnern. Der Eingang des Camps, eine ehemalige Müllkippe, liegt zur Linken, hinter einer Ansammlung aufeinander gestapelter Container, die von Arbeitern zu Unterkünften zusammengebaut werden. Um die zwanzig Klohäuschen als Willkommensgruß, und endlich die Hütten, Zelte, Wohnwagen, Baustellenbaracken, zu Hunderten in den Sand, den Schlick gepflanzt. Was nur irgend möglich, war requiriert worden, um die Stadt allen Elends zu errichten, Holz, Karton, Planen, Teerpappe, was aber vor allem überwiegt, ist blaue Plastikplane. Sie stapfen durch den Schlick, balancieren auf einer Bohle über einen Gezeitentümpel, bis Fayez endlich das Vorhängeschloss an der Tür einer armseligen Hütte öffnet. Sie ziehen die Schuhe aus und betreten dann hintereinander den einzigen, sechs Quadratmeter großen Raum; Wände, Decke und Boden sind mit mehreren Schichten Wolldecken ausgeschlagen.
Am Abend essen sie zur Feier von Tareks Ankunft einen Teller Reis mit scharfer Soße in einem "Restaurant" des Dschungels, geführt von einem Afghanen mit Pass, der des "Business wegen" aus England herüberkam. Tarek lässt sich im Kreis seiner Freunde fotografieren, ein Glas Fruchtsaft in der Hand und ein übertriebenes Lächeln auf den Lippen, das er Rahifa per Mail schenken wird.

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Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016