Baltic Boston

Länder: Großbritannien

Tags: Boston, UKIP, Grossbritannien

In der britischen Debatte über eine Begrenzung der Einwanderung aus EU-Staaten, ist das Städtchen Boston in der Grafschaft Lincolnshire gleichermassen zum Symbol für Befürworter und Gegner geworden. Ein geschätztes Drittel der knapp 65.000 Einwohner kommt aus Osteuropa. Die meisten Einwanderer stammen aus Litauen, Lettland und Polen.


Weiskohl, Wirsing und Rosenkohl. Über Kilometer nichts als Kohl. Die Grafschaft Lincolnshire wird auch gerne Grossbritanniens  Gemüsekorb genannt. Mehrfach im Jahr kann geerntet werden. Früher ein Knochenjob für britische Tagelöhner, doch mit der Osterweiterung der  Europäischen Union hatten die lokalen Anbaubetriebe und  Konservenfabriken nun Zugriff auf noch billigere Arbeitskräfte. Osteuropäische Kohlpflücker die bereit waren für Dumpinglöhne zu arbeiten und keine Ahnung vom britischen Arbeitsrecht hatten. 
 

Viele der eingewanderten Letten, Litauer und Polen haben inzwischen ihre Angehörigen  nachgeholt und in Boston ein neues Leben begonnen. Und die rund 20 osteuropäischen Lebensmittelmärkte und Geschäfte in der Stadt zeigen, dass aus vielen der einstigen Erntehelfer inzwischen etablierte Händler, Friseure oder Automechaniker geworden sind.
 

Die Einwanderer haben für einen Aufschwung der lokalen Wirtschaft  gesorgt. Schulen und Krankenhäuser sind Dank der wachsenden Zahl von Neubriten nicht, wie anderswo im Königreich, von einer Schliessung bedroht.
 

Und auch viele Vermieter haben vom Zuzug massiv profitiert. Denn Briten wären in die teils heruntergekommenen und überteuerten Wohnungen wohl kaum eingezogen.
Doch bei vielen einheimischen Bostonern ist die anfängliche Offenheit in Misstrauen und Verunsicherung umgeschlagen.
 

Baltischer Räucherfisch statt “Fish & Chips”, polnischer Wodka statt “5-Uhr-Tee” und Schulhöfe auf denen nun fast alle Sprachen vom Baltikum bis zum  Balkan gesprochen werden. Die Angst vor einem Identitätsverlust geht um. Und für Dumpinglöhne , Jobverlust und gestiegene Immobilienpreise werden natürlich auch die Osteuropäer verantwortlich gemacht. Eine Stimmung die der immigrationsfeindlichen und rechtspopulistischen UKIP (United Kingdom Independence Party) zu massiven Erfolgen bei den letzten Kommunalwahlen verholfen hat. 

 

Patrick Schulze-Heil und Thomas Vollherbst sind nach Boston gefahren und haben Einwanderer und Lokalpolitiker über das veränderte Leben in der Stadt erzählen lassen:

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016