|

Aus meinem syrischen Zimmer

Aus meinem syrischen Zimmer - Dienstag, 3. Februar 2015 - 0:15 Sendung (wieder)sehen

Länder: Syrien

Tags: Syrien, Politik, Karikaturen

Dienstag, 05. Januar

00:25

Aus meinem syrischen Zimmer

Wie wirkt sich der Bürgerkrieg in Syrien auf einen Künstler aus? Hazem Alhamwi zeichnet das Porträt eines Landes, das den Wunsch nach Freiheit noch nicht aufgegeben hat.

Zehn Jahre lang filmte der syrische Filmemacher und Künstler Hazem Alhamwi den Alltag und das kulturelle Leben in seinem Heimatland. Er sprach mit Weggefährten und Verwandten, Künstlern und Kreativen, die oft jahrelang im Gefängnis waren und sich offen vor der Kamera über die Grausamkeiten des Systems äußern.

"Aus meinem syrischen Zimmer" ist ein sehr persönlicher Film, der die Hintergründe des Bürgerkriegs und seine Auswirkungen auf jeden Einzelnen beleuchtet. Alhamwi zeichnet das Porträt eines Landes, das den Wunsch nach Freiheit noch nicht aufgegeben hat. Der Film ist mit zahlreichen seiner Zeichnungen und Karikaturen illustriert.

Hazem Alhamwi

Hazem Alhamwi wurde 1980 in Damaskus geboren. Er studierte bildende Kunst an der Damascus University und am Theatre at the Higher Institute of Dramatic Arts (HIDA). Anschließend lernte er Film bei dem Regisseur Omar Amiralay am Arab Institute of Film (AIF) in Amman, Jordanien. Hazem Alhamwi verließ Syrien im August 2013; in Frankreich entstand sein Film "Aus meinem syrischen Zimmer". Später reiste er nach Berlin, wo ihm politisches Asyl gewährt wurde. Seither lebt er in der deutschen Hauptstadt.

"Mit schmutzigen Händen kann man nichts bereinigen"

 

Anlässlich des Schwerpunkts zu "Die Attentate von Paris", ein Jahr nach Charlie Hebdo, wird Alhamwis Dokumentation am 4. Januar 2016 um 00.25 Uhr gesendet. Wir haben den Künstler, der heute in Berlin im Exil lebt, zur Entstehungsgeschichte des Films und zur heutigen Situation befragt.

 

ARTE Info: In Ihrem Film thematisieren Sie, wie sich der Bürgerkrieg in Syrien auf die Menschen dort auswirkt und speziell auf Sie als Künstler. Doch wie kann man die permanente Präsenz von Repression, Gewalt und Angst verarbeiten? Funktioniert Kunst als ein Ventil? 

Hazem Alhamwi: Für mich war Kunst stets die wichtigste und fast einzige Möglichkeit, das Gleichgewicht zu halten, zu mir zu finden und mich weiterzuentwickeln. Auf gesellschaftlicher Ebene ist sie zweifelsohne ein Mittel zur Veränderung. Zeichnen und Malen kann man alleine oder mit einer geliebten Person; dabei kann man nachdenken oder seine Seele reinigen. Das Filmemachen ist dagegen ein kollektiver Prozess. Eine andere Art des künstlerischen Schaffens, mit anderen Schwierigkeiten. Ich brauche beides; wie das Ein- und Ausatmen. 

 

Ein Thema, das im Zentrum Ihres Films steht: die gewaltfreie Gegenbewegung zu Regime und Extremisten in und außerhalb Syriens. Was ist davon heute noch übrig? 

Hazem Alhamwi: Der Glaube, man könne Probleme nur durch Gewalt lösen, ist das Krebsgeschwür aller totalitären Regimes. In Wirklichkeit entsteht dabei nur ein Teufelskreis der Gewalt. Wie können wir die Dinge gewaltfrei verändern? Hier sind Ziel und Weg eins; ich glaube nicht, dass man kämpfen muss, um Frieden zu schaffen. Beim Kämpfen geht es um Macht. Frieden erreicht man durch Reden und Verhandeln.  

In Syrien ist es zu spät, dort herrscht schon Krieg. Und die Weltmächte wollen, dass der Krieg weitergeht. Denn sie haben immer noch nicht genug Waffen verkauft! Die Syrer sind wie Geiseln in dem alten, russisch-amerikanischen Konflikt. Wir müssen der jungen Generation vermitteln, dass mit Gewalt keine dauerhafte Lösung erreicht werden kann. Um miteinander reden zu können, müssen wir lernen, studieren und arbeiten. Und den Großmächten will ich sagen: "Eine winzige Schicht in Eurer Gesellschaft finanziert ihr Luxusleben mit unserem Blut!" Die Weltwirtschaft hat immer Kriege gebraucht, um zu wachsen. Das muss sich ändern.

 

Einen solchen Film zu drehen, verlangt Ausdauer und Mut …  

Hazem Alhamwi: Mut und Verantwortung müssen Hand in Hand gehen; in Syrien und anderswo. Mit schmutzigen Händen kann man nichts bereinigen. Die Gewalt des Regimes und die militärische Opposition sind zwei Seiten derselben Medaille und beide sind zum Scheitern verurteilt. Wir müssen in Syrien eine neue Generation hervorbringen, für die Gewalt nicht das Mittel ist, um Probleme zu lösen und die Gesellschaft zu kontrollieren.  

 

 

Charlie

Wo waren Sie zurzeit der Attentate bei Charlie Hebdo und welche Überlegungen gingen Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfuhren? 

Hazem Alhamwi: Ich war in Berlin. Es war ein sehr trauriger Tag. Wenige Stunden danach gingen viele Berliner zum Brandenburger Tor, um den Terroranschlag zu verurteilen. Ich ging auch hin und gab den Leuten viele Kunstwerke. Es war einfach unglaublich! Die Botschaft war klar: Kultur ist immer der Sieger und Gewalt immer das Mittel jener, die das nicht begreifen. Die Leute trugen Schilder mit Slogans wie "Not afraid". Nein, wir haben keine Angst! Angst hat nicht unbedingt mit Gefahr zu tun, sie ist eine Lebenshaltung. Wir leben nur, wenn wir uns der Angst stellen und uns nicht von ihr auffressen lassen. Diese ermordeten Künstler sind Ikonen der Meinungsfreiheit. Sie sind mehr als nur Künstler, sie sind eine Vision und als solche unsterblich.

 

Wo genau, als Künstler, wollen Sie heute als Erstes ansetzen?

Hazem Alhamwi: Ich merke immer wieder, dass wir in einer Welt leben, die für Männer gemacht ist und nicht für Frauen. Die Gewalt nimmt weltweit zu, weil männliche Denkmuster vorherrschen, also das ständige Suchen nach Herausforderungen. Wenn wir weniger Gewalt wollen und mehr Respekt für die Natur, müssen wir den Frauen mehr Macht und Platz einräumen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Erziehung eines Mannes die Erziehung eines Einzelnen bedeutet, die Erziehung einer Frau dagegen die Erziehung einer ganzen Familie. 

 

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Hazem Alhamwi: Mein nächstes Projekt ist ein Dokumentarfilm namens „Childhood of the place“. Ich habe 2003 zunächst eine Kurzversion gedreht, die 2008 beim Internationalen Filmfestival im französischen Aubagne vorgestellt wurde. In diesem Film beschäftige ich mich mit einer besonderen Form der Lyrik, die in der mittelsyrischen Stadt Salamiyyah entstanden ist. In dem Film wird gezeigt, dass Extremismus auf der Vorstellung beruht, dass Gott entweder liebt oder straft. Die Reise führe ich mit der Filmproduzentin Zeina Zahrldeen fort, die in Vancouver lebt. Durch mein Leben in Berlin haben sich neue Perspektiven für die Weiterentwicklung des Projekts aufgetan. Ich möchte auf Goethes Interesse an der Sufi-Dichtung eingehen, in der die Beziehung zu Gott als Liebesgeschichte dargestellt wird. Und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit der libanesischstämmigen deutschen Schriftstellerin und Dichterin Salma Arzouni, die sich heute mit diesem Phänomen auseinandersetzt.

"Die Revolution hat gezeigt, dass jeder Teil eines Ganzen ist. Sie gibt ein Gefühl von Zugehörigkeit. Ich habe gelernt, dass jeder Einzelne für das Ganze wichtig ist".

Hazem Alhamwi; Zitat aus dem Film "Aus meinem syrischen Zimmer" - 29/12/2015

 

Was ist Ihnen für die Zukunft wichtig?

Hazem Alhamwi: Künftig werde ich mich auf zwei Bereiche konzentrieren: Zunächst möchte ich dazu beitragen, eine neue Generation von jungen Menschen zu erziehen, die bewusst auf Gewalt verzichten. Ich würde zum Beispiel gern Kinderbücher illustrieren. Außerdem möchte ich den zurzeit so massenhaft ankommenden Flüchtlingen, denen die deutsche Regierung Aufnahme gewährt, bei ihrer Integration helfen und ihnen den Reichtum deutscher und europäischer Wissenschaft und Kultur vermitteln.

 

Das Interview führte Sabine Lange im Dezember 2015.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016