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Auf dem Vormarsch mit der irakischen Armee

Länder: Irak

Tags: Falludscha, IS, Terror

Seit drei Wochen versucht die irakische Armee die Islamisten-Hochburg Falludscha zurückzuerobern. Neben Mossul ist Falludscha die letzte Großstadt im Irak, die sich in der Gewalt der Dschihadisten befindet. Bis vergangene Woche saßen noch etwa 50 000 Zivilisten im Zentrum der Stadt fest. Durch einen Korridor konnten am Wochenende tausende Menschen aus der umkämpften Stadt flüchten. 

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Falludscha ist aktuell unter massivem Beschuss. Seit drei Wochen dringt die irakische Armee immer weiter in die 50 Kilometer von Bagdad entfernte Stadt vor, eine Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat. Seit ein paar Tagen zieht sich die Schlinge immer weiter zu. Regierungstruppen haben große Teile des Umlands zurückerobert. Lediglich im Zentrum leistet der IS noch Widerstand. Dort tobt ein erbitterter Straßenkampf. Nach Angaben der irakischen Kräfte soll der IS die Durchfahrtsstraßen mit Sprengfallen gespickt haben. Unser Journalist Dominique Hennequin begleitet die irakische Armee bei ihrer Offensive. Wir konnten ihn für ein Interview gewinnen.

 

ARTE Journal: Welche Strategie verfolgt die irakische Armee?

Domenique Hennequin: Statt Milizen schreitet die Armee ein zum Schutze der Zivilisten. Die Armee will nur sehr langsam und behutsam vorgehen, um die in der Stadt verbliebenen Zivilisten zu schützen. Die Armee will nicht noch mehr Opfer. Ihr ist es bereits gelungen, einen ersten Korridor zu bauen, durch den mehrere tausend Einwohner aus Falludscha evakuiert werden konnten. Gerade ist die Armee dabei, einen zweiten Korridor zu errichten. Die Armee hält sich sich gerade in einem Stadtviertel im Süden Falludschas auf und von dort versuchen sie, progressiv vorzudringen – in jene Straßen, wo ein erbitterter Krieg herrscht. Man kann nicht genau sagen, wie lange diese Operation dauern wird, aber meiner Meinung nach, muss mit mindestens einer Woche gerechnet werden, bis die Soldaten Falludscha befreit haben.

 

Angeblich leisten die Dschihadisten starken Widerstand...

Domenique Hennequin: In der Stadt gibt es sehr großen Widerstand, die Kämpfe kann man schon von Weitem sehen. Es wird regelmäßig mit Mörsergranaten geschossen, mit Maschinengewehren, aber es gibt auch sehr viele IS-Dschihadisten, die desertieren. 500 Personen, die verdächtigt werden, zu der Terrormiliz zu gehören, wurden bereits festgenommen. Das sind Menschen, die sich unter die fliehende Bevölkerung gemischt haben - unter die Familien. So konnten sie glaubhaft machen, dass sie zu den Einwohnern gehören. Laut Angaben der Armee und der Polizei liegen ihnen Personalien der IS-Kämpfer vor. Sie haben sich genau über die Dschihadisten informiert, sie kennen ihre Namen, haben ihr Foto. Deshalb trennen sie die ankommenden Geflohenen voneinander, also die Männer von den Frauen, Senioren und Kindern und garantieren ihnen alle Einwohner zu befreien, die sich nichts vorzuwerfen haben. Sie studieren jeden Mann einzeln, um herauszufinden, ob unter ihnen IS-Männer sind.

 

Fliehen immer noch Menschen?

Domenique Hennequin: Ja, jeden Tag fliehen Menschen. Tausende sind bereits geflohen und leben jetzt im Flüchtlingslager von Amiriya al Fallouja, wo ich auch hingegangen bin. Einige Menschen sind bei Dunkelheit geflohen, andere wurden sogar getötet. Wir haben von 24 durch den IS getötete Menschen gehört – Männer, Frauen, Kinder. Aber heute, dank dieses Korridors, können sie viel leichter fliehen und finden Zuflucht im Lager von Amiriya al Fallouja. Das ist eine Gemeinde, die nur weniger Kilometer von Falludscha entfernt ist. Sie haben mir von ihrem Leben unter dem IS erzählt. Ich habe beispielsweise ein kleines Mädchen interviewt, die nicht das Recht hatte, zur Schule zu gehen. Sie hat trotzdem versucht, dorthin zu gehen, aber man hat ihre Schulsachen genommen und sie in den Fluss geworfen. Ich habe Augenzeugenberichte von Einwohnern, die mir von ihren alltäglichen Frustrationen erzählen. Sie berichteten von ihren Ängsten und sagen alle, dass sie den IS nicht unterstützt haben, sondern im Laufe des ganzen Monats Opfer der Repression durch den IS gewesen sind.

Heute besteht in der Stadt ein Lebensmittelmangel. Wir wissen, dass die Menschen dort von ihren Resten leben, aber wir wissen nicht wirklich, in welchem Zustand sich jene befinden, die in der Stadt eingeschlossen sind. Aber die Leute, die hier ankommen, haben Hunger und werden dann in den Camps versorgt.

 

Es ist auch die Rede von unterirdischen Tunneln am Rande der Stadt.

Domenique Hennequin: Das sind nicht wirklich Tunnel, es sind eher Unterschlupfe, um sich vor Luftangriffen zu schützen. Wir haben diese unterirdischen Gänge am Stadtrand sehr viel gefilmt. Die IS-Kämpfer graben dort eine Art Graben und dort schützen sie sich unter einer Zeltplane. Einige haben dort sogar ihr Bett aufgestellt. Das haben sie gemacht, um nicht gesehen zu werden und aus der Luft angegriffen zu werden.  

 

Wie lange wird dieser Kampf noch andauern?

Domenique Hennequin: Das ist schwer zu sagen, aber wir sind recht zuversichtlich. Eine Woche müsste reichen, um bis zu den letzten IS-Kämpfern, die überall in der Stadt verteilt sind, vorzudringen. Vorgesehen ist, dass nachdem die Armee Stück für Stück in die Stadt vorgedrungen ist, sich eine sunnitische Miliz in der Stadt installiert und nicht die schiitische Miliz, die noch Rachegelüste hegen könnte in Bezug auf das, was sich vor zwei Jahren in Falludscha abgespielt hat. Damals wurden Leichen von Soldaten von dem IS durch eine Menschenmenge hindurchgeschleift. Um jegliche Rache zu vermeiden, werden die Sunniten der Koalition in die Stadt einziehen.

 

 

 

Zuletzt geändert am 15. Juni 2016