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Auf Leben oder Tod: die Sterbehilfediskussion

Länder: Belgien, Europäische Union, Frankreich

Tags: Sterbehilfe

In Frankreich ist die Debatte über Sterbehilfe durch zwei aktuelle Fälle wieder voll entbrannt. In einem Aufsehen erregenden Prozess wurde am Mittwoch, dem 25. Juni der Krankenhausarzt Nicolas Bonnemaison freigesprochen, der sieben sehr alten Patienten an ihrem Lebensende todbringende Medikamente verabreicht hatte. Zudem ging der erbitterte Rechtsstreit um den Querschnittsgelähmten Vincent Lambert, dessen künstliche Ernährung eingestellt werden könnte, beim europäischen Menschenrechtsgerichtshof weiter.

Der Notfallmediziner Bonnemaison hatte im Krankenhaus der südfranzösischen Stadt Bayonne zwischen 2010 und 2011 sieben sehr alten und unheilbar kranken Patienten ohne Absprache mit anderen Ärzten oder Angehörigen Medikamente verabreicht, die den Tod der an ihrem Lebensende stehenden Patienten beschleunigten. Dem 53-Jährigen drohte wegen "Vergiftung besonders verletzlicher Personen" eine lebenslange Haftstrafe.

 "Ich denke, es gehört zur Pflicht des Arztes, seine Patienten bis ans Ende vom Ende zu begleiten"

 Mediziner Nicolas Bonnemaison


Bonnemaison bestreitet die Verabreichung der Medikamente nicht, verteidigte sich aber, er habe den Patienten Leid ersparen wollen. "Ich denke, es gehört zur Pflicht des Arztes, seine Patienten bis ans Ende vom Ende zu begleiten", sagte Bonnemaison am in seinem Schlusswort. "Ich habe als Arzt gehandelt, so wie ich den Beruf verstehe." Als der Vorsitzende Richter in Pau am Mittwoch den Freispruch verkündete, brandete im Gerichtssaal lauter Applaus auf. In Frankreich sprechen sich nur 6 Prozent der Bevölkerung kategorisch gegen Sterbehilfe aus.

 

 

Wie in den meisten europäischen Staaten ist in Frankreich die aktive Sterbehilfe verboten, ebenso die Beihilfe zur Selbsttötung. Ein Gesetz aus dem Jahr 2005 regelt zwar den Einsatz schmerzlindernder Medikamente, die auch den Tod beschleunigen können, Kritiker bemängeln aber, es gebe noch zu viele Unklarheiten. Das Gesetz erlaubt auch, unheilbar Kranke an deren Lebensende "sterben zu lassen", damit diese nicht mehr leiden müssen. 

In der Sterbehilfe-Debatte sorgt noch ein zweiter Fall für Aufregung: Frankreichs Oberstes Verwaltungsgericht verfügte am Dienstag, dass die künstliche Ernährung des seit einem Verkehrsunfall vor sechs Jahren querschnittsgelähmten Vincent Lambert eingestellt werden darf, wie es seine Ärzte, seine Frau und weitere Verwandte fordern. Bei dem 38-Jährigen sind laut Ärzten heute kaum mehr Bewusstseinsanzeichen vorhanden. 

 

 

Lamberts tief religiöse Eltern wollen ein Abschalten der Geräte aber weiterhin verhindern und zogen vor den Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Dieser forderte am Dienstagabend, Lambert bis zu einem endgültigen Beschluss weiter am Leben zu erhalten. 

 

70 Prozent der befragten Deutschen sprechen sich für mögliche Sterbehilfe aus  

Auch in Deutschland birgt das Thema viel politischen Zündstoff, denn die Koalitionspartner sind sich in den Kernfragen der Lebenserhaltung uneins. Die Kanzlerin hat sich bisher immer gegen aktive Sterbehilfe ausgesprochen. Die SPD dagegen eher dafür und spricht damit der Mehrheit der Deutschen aus der Seele: Laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK möchten 70 Prozent der Befragten bei schweren Erkrankungen die Möglichkeit haben, etwa auf ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung zurückzugreifen. 

In der EU haben bisher nur die drei Benelux-Staaten aktive Sterbehilfe erlaubt. Wie die Grafiken zeigen, nehmen in Belgien immer mehr Menschen Sterbehilfe in Anspruch. 2013 waren es laut der Kommission für die Kontrolle der Sterbehilfe 1.807 Fälle und damit rund fünf Fälle pro Tag. 

 

 

 
Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016