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Atomkraft im Niedergang?

Länder: Frankreich

Tags: Fukushima, Atomenergie

Es ist eine Premiere, und noch dazu eine symbolträchtige: Die Nuklearwirtschaft trifft sich erstmals zu einer internationalen Branchenmesse vor den Toren von Paris. Während sich in Le Bourget rund 500 Vertreter von Firmen der Atomwirtschaft aus aller Welt ein Stelldichein geben, beschließt die französische Nationalversammlung just am Eröffnungstag des Nuklearsalons ein Gesetz zur Energiewende in Frankreich. Eine Kollision zweier Ereignisse, die sich kein Drehbuchschreiber hätte ausdenken können. Ausgerechnet Europas Atomstaat Nummer Eins entscheidet sich dafür, künftig weniger auf Atomkraft zu setzen. Da kann man schon mal die Frage stellen: Sind die Tage der Atomindustrie gezählt?

So beschreibt es jedenfalls Greenpeace Frankreich: Die Nuklearbranche sei ein Wirtschaftszweig im Niedergang - im Vergleich mit den stetig wachsenden erneuerbaren Energien. Und die Leistungsschau in Le Bourget sieht die Organisation als ein Dinosauriertreffen, das den Zweck verfolge, eine in die Jahre gekommene Technologie als neuesten Schrei zu verkaufen. Greenpeace belegt dies mit dem folgenden Vergleich: In die Kernenergie wurden im Jahr 2013 weltweit rund 43 Milliarden Euro investiert. Im gleichen Zeitraum lag dagegen das Investitionsvolumen für erneuerbare Energien bei zirka 215 Milliarden Euro, also viermal höher als bei der Nuklearwirtschaft.

 

Nach der Katastrophe in Fukushima entschlossen sich mehrere Staaten für einen Atom-Ausstieg. Deutschland, die Schweiz und Italien verabschieden sich nun kurz bis mittelfristig von der Technologie. In Deutschland gehen im Jahr 2022 die letzten Atomkraftwerke vom Netz. Andernorts wurden Bauvorhaben ausgesetzt oder gleich vollständig beerdigt. Zudem sind viele Betreiberfirmen bis heute damit beschäftigt, die Sicherheitsmaßnahmen ihrer Anlagen aufs Genaueste zu prüfen. Verständlich, dass die Nuklearfirmen nach dreieinhalb Jahren des Wunden-Leckens ihre Branche im besten Licht präsentieren möchten, gemäß dem froh stimmenden Motto: 'der nukleare Winter ist vorüber'.

 

Um dies zu untermauern, erwartet die Atomwirtschaft ein starkes Signal: Um dies zu untermauern, erwartet die Atomwirtschaft ein starkes Signal: die japanischen Kernkraftwerke sollen so schnell wie möglich wieder ans Netz gehen, zumindest teilweise. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP gestand der Vorstandschef des französischen Atomkonzerns Areva, Luc Oursel: "Eine der großen Ungewissheiten in der Nuklearwirtschaft ist zur Zeit der Umstand, dass die japanischen Kernkraftwerke noch immer nicht wieder  hochgefahren wurden". Die 48 japanischen Atomanlagen sind seit mittlerweile dreieinhalb Jahren außer Betrieb. 

 

Dennoch: 435 Reaktoren in 30 Ländern sind weltweit am Netz. 70 weitere befinden sich im Bau, davon die meisten in Russland und in China. Insbesondere die Volksrepublik steht unter enormem Druck, ihre Treibhausgasemissionen radikal zu senken und die Abhängigkeit von der Kohle zu beenden. Peking plant mit dem Bau von weiteren 24 Reaktoren den Anteil von Atomstrom am nationalen Energiemix bis 2020 zu verdreifachen, auf dann gerademal 7 Prozent. Russland plant bis 2050, 45 Prozent der Energieleistung aus der Atomenergie zu beziehen, und Indien 25 Prozent. Auch wenn in einigen Staaten also von einer Renaissance der Atomenergie gesprochen wird, hat sich ihr Wachstum jedoch weltweit verlangsamt. Und der Weltstatusreport der Nuklearindustrie 2014 liefert selbst eine prägnante Zahl: Wurde 1996 noch zirka 17 Prozent des weltweiten Strombedarfs aus der Atomkraft gedeckt, so sind es heute nur noch 10,8 Prozent.

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016