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"Assads Bombardierungen sind ein Angriff gegen die Zivilgesellschaft"

Länder: Syrien

Tags: Amnesty International, Krieg, Verbrechen, Aleppo, Fassbomben

Vier Jahre dauert der Krieg in Syrien nun schon. In der nordsyrischen Stadt Aleppo kamen seit Anfang 2014 mehr als 3.000 Zivilisten bei Angriffen mit Fassbomben ums Leben. Diese mit Sprengstoff und Metallteilen gefüllten Metallbehälter sind unberechenbar, weil sie sehr breit streuen. Amnesty International verurteilt diese Angriffe nun als Kriegsverbrechen. Ruth Jüttner, Nahost-Expertin der Menschenrechtsorganisation spricht im Interview über die Kritik an der Kriegsführung in Syrien.

Ruth Jüttner

ARTE Journal: Amnesty International wirft dem Assad-Regime Kriegsverbrechen vor, weil es Fassbomben auf Aleppo geworfen hat. Was sagen Ihre Quellen vor Ort?

Ruth Jüttner: Wir arbeiten mit lokalen Menschenrechtsorganisationen wie dem "Syrian Network for Human Rights" zusammen sowie mit Ärzten, Journalisten und Menschen, die aus Aleppo geflohen sind, aber auch wieder dorthin zurückkehrten, um zu helfen. Sie berichten, dass rund 3.000 Zivilisten in Aleppo durch Fassbomben umkamen. Im gleichen Zeitraum aber "nur" 35 Kämpfer. Da wird deutlich: Die Bombardierung ist klar ein Angriff gegen die Zivilgesellschaft und keine reine Kriegshandlung. Wenn ich erinnern darf: Fassbomben sind Metallbehälter, die mit Sprengstoff und Metallteilen gefüllt sind.

 

Die Bombardierung ist klar ein Angriff gegen die Zivilgesellschaft und keine reine Kriegshandlung. 

 

Was macht für Sie den Unterschied aus?

Ruth Jüttner: Das Völkerrecht sagt deutlich: Die kriegführenden Parteien dürfen bei Kampfhandlungen Waffen aufeinander richten, dabei dürfen aber keine Zivilisten zu Schaden kommen. Das Gesetz besagt auch, dass keine öffentlichen Zonen wie Schulen, Moscheen, Kirchen oder Märkte beschossen werden dürfen, denn genau dort befinden sich oft die meisten Zivilisten. Wenn sich aber Kämpfer an einem dieser Orte befinden, haben wir eine Grauzone. Genau das ist in Aleppo der Fall. Die syrische Armee kämpfte sich durch Wohngebiete und setzte diese unter Artilleriebeschuss. Dabei ist eindeutig: Der Schaden, der bei der Zivilbevölkerung entsteht, ist aus unserer Sicht eindeutig größer als der der militärische Nutzen.

 

Wie können Sie in diesen Kriegszeiten verlässliche Zahlen und Angaben bekommen? Ist Amnesty International vor Ort?

Ruth Jüttner: Amnesty International hat schon zu Friedenszeiten keinen Zugang bekommen, Recherchen in Syrien zu betreiben. 2012/2013 bekamen wir dann die Möglichkeit, im Norden des Landes Untersuchungen vorzunehmen. Damals waren wir auch in Aleppo, um uns ein Bild von den herrschenden Kämpfen zu machen. Wegen der gefährlichen Lage sind wir im vergangenen Jahr nicht mehr nach Syrien gefahren. Jetzt arbeiten wir eben mit Organisationen vor Ort zusammen. Aktuell haben wir 78 Interviews mit Syrern geführt, die aus Aleppo geflohen sind und in türkischen Flüchtlingslagern leben, darunter sind auch medizinische Helfer oder Mitarbeiter von UN-Organisationen.

 

Wollen diese Menschen überhaupt wieder zurück?

Ruth Jüttner: Ja, die meisten sagen eindeutig: Wenn wieder Frieden herrscht, gehen wir wieder zurück!

  

Im März diesen Jahres gab es aber wieder einen Chlorgasangriff in Idlib: Eine komplette Familie flüchtete in den Keller und erstickte, weil Gas nach unten strömte.

 

Es sind nicht die ersten Kriegsverbrechen, die in Syrien begangen wurden. Was haben Sie in den vergangenen vier Kriegsjahren moniert?

Ruth Jüttner: Da ist zum einen die Belagerung einiger Orte, die komplett von der syrischen Armee, aber auch von den Rebellen, abgeriegelt werden. Die Menschen, die es nicht geschafft haben, zu fliehen, sind eingeschlossen und damit von Nahrung und Hilfslieferungen abgeschnitten. Jarmuk ist wohl das schlimmste Beispiel. Die Stadt ist seit Juli 2013 abgeriegelt. Allein bis März 2014 starben nach unseren Informationen 194 Menschen. Jarmuk ist ein klares Beispiel für Kriegsverbrechen an der Menschheit. Außerdem verurteilen wir natürlich den Einsatz von Chlorgaswaffen scharf. 2013 hat das Assad-Regime sie in Ghuta, im Umland von Damaskus, eingesetzt. Dabei starben extrem viele Kinder und Frauen. Danach wurde der Druck der internationalen Staaten, die Waffen nicht mehr einzusetzen, groß. Im März diesen Jahres gab es aber wieder einen Chlorgasangriff in Idlib: Eine komplette Familie flüchtete in den Keller und erstickte, weil Gas nach unten strömte.

 

Seit Beginn des Bürgerkriegs 2012 starben mehr als 220.000 Menschen. Welche Verbrechen kritisiert Amnesty International in Syrien außerdem?

Ruth Jüttner: Neben der Kriegsführung finden Verbrechen statt, die wenig an die Öffentlichkeit geraten: Die syrische Armee nimmt Menschen fest, inhaftiert sie, foltert sie. Diese Verfolgung der Zivilbevölkerung ist ein breitangelegtes System des Assad-Regimes. Das ist klar ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Jedes Jahr sterben 1.000 Menschen durch Folter oder einfach Hunger.