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Anschlag auf „Charlie Hebdo“: Der Blick in die internationale Presse

Länder: Frankreich

Tags: Presseschau, Charlie Hebdo

Es geht um Meinungsfreiheit, es geht um Frankreichs Tradition der Satire, aber auch um juristische Feinheiten und die soziale Situation in den französischen Vorstädten. Gerade sie kann wohl mit als Auslöser dafür gelten, dass sich zuletzt viele junge muslimische Franzosen und Französinnen radikalisiert haben. Rund tausend von ihnen sollen mittlerweile als Dschihadist in einer Krisenregion wie Syrien oder dem Irak mit den Islamisten kämpfen. Die Rückkehrer könnten diesen gewaltsamen Kampf nun vermehrt nach Frankreich hinein tragen. Wie die europäische Presse die Situation in Frankreich nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ sieht, das zeigt unsere Presseschau.

 

Die Titelseiten von 60 internationalen Tageszeitungen einen Tag nach dem Attentat auf "Charlie Hebdo"

 

 

 

 

"Das Massaker von Paris"

FAZ

"Der Anschlag (…) zielt auf das Herz der Demokratie – die freie Presse“, schreibt die bürgerlich-konservative Tageszeitung aus Frankfurt am Main. Im Kampf gegen die mutmaßlichen islamistischen Terroristen dürfe es kein Zurückweichen geben. Der Autor weist zudem darauf hin, dass in Frankreich Millionen Muslime lebten, die nichts mit Islamismus zu tun hätten. Allerdings sei auch die Zahl der Dschihadisten groß, die aus Frankreich kommend „Kampferfahrungen“ im Nahen und Mittleren Osten sammeln oder zuletzt gesammelt haben. Diese Rückkehrer stellten für die westlichen Demokratien eine große Gefahr dar.
 

"Provokation und die Freiheit mit dem Zeichenstift"

Neue Zürcher Zeitung

Die NZZ macht in der Online-Ausgabe noch einmal einen Hintergrundbericht aus dem Jahr 2012 zugänglich. Darin wird dargelegt, dass Frankreich des öfteren im Zwiespalt zwischen Pressefreiheit und Respekt für eine religiöse Minderheit gesteckt habe. Stets hätten aber die Grundwerte der laizistischen Republik überwogen, die in der Presse- und Meinungsfreiheit nicht verhandelbar sind. Blasphemie sei zudem in Frankreich, (anders als in der Schweiz und in Deutschland), kein Straftatsbestand. Karikaturen und Satire hingegen gehörten zu Frankreich wie Wein und Käse.

 

"Terroranschläge in Frankreich: Tiefpunkt einer schwarzen Serie

Der Standard

Das linksliberale Blatt schreibt, die Terroranschläge in Frankreich mit islamistischem Hintergrund häuften sich seit langem. Der Autor erinnert an an den „Banlieue-Terroristen“ Mohammed Merah, der 2012 in Toulouse sieben Menschen, darunter jüdische Schulkinder erschoss. Dazu käme die Haltung der französischen Regierung im Kampf gegen die Islamisten: Die Entscheidung, 2013 in Mali gegen das westafrikanische Terrornetzwerk AQMI zu kämpfen sowie die Engagements in Syrien und im Irak, hätten bis Ende 2014 rund tausend französische Muslime dazu gebracht, sich den diversen Terrormilizen als Dschihadist anzuschließen.

 

 

"Free speech must not be silenced in the wake of Charlie Hebdo attack"

Guardian

Der Leitartikel der linksliberalen Zeitung unterstreicht, dass die freie Meinungsäußerung fundamental wichtig sei für eine frei Gesellschaft. Darunter fällt für das Blatt auch die Freiheit, Dinge zu publizieren, satirisch zu betrachten, sich lustig zu machen und zu kritisieren, selbst, wenn anderen dies missfiele. Der guardian zitiert den Philosophen Voltaire: „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tode dafür kämpfen, dass sie das Recht haben, es zu sagen!“ Die Zeitung schließt: „Nichts und niemand, auch keine Religion, darf zu einem Tabu-Thema werden, über das man nicht reden darf!

 

"Britain in fear of Paris-style attack

The times

Die konservative Times unterstreicht, dass auch Großbritannien sich auf Anschläge von Islamisten gefasst mache. Die Sicherheitsbehörden hätten sich seit einem Jahr auf diese Art von Attentaten eingestellt, wie sie nun gegen die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris verübt worden sei. Zumindest zwei Mal im letzten Jahr hätten Extremisten versucht, sich Waffen zu beschaffen, um einen Anschlag auf eine Polizeiwache und Beamte zu verüben. In beiden Fällen hätten die Attentäter eine Verbindungslinie nach Syrien gehabt: entweder seien sie selbst vor Ort gewesen oder hätten mit Angehörigen der IS-Terrormiliz in Syrien in Verbindung gestanden.

 

"Charlie Hebdo, satirisch blad met heel wat vijanden"

de Volkskrant

 „Charlie Hebdo“ hatte viele Feinde – so der Titel bei de Volkskrant. Die niederländische Zeitung kommt zurück auf eine Episode aus dem Jahr 1993. Damals verbot Belgien eine Ausgabe, weil das Magazin den Tod von König Baudoin satirisch auf dem Titelblatt kommentiert hatte. Die USA verboten ihrerseits die Ausgabe eine Woche nach den Anschlägen auf das World Trade Centre. Bisher die meiste Kritik hatte sich die Zeitung 2006 zugezogen, als sie die „Mohammed-Karikaturen“ der dänischen Kollegen nachdruckte. Damals hatte es eine wahre Prozess-Flut gegeben.

 

"Knack-cartoonist GAL: 'Dit voelt aan als een 9/11-aanslag op de pers'"

Knack

Der 11. September der Presse“ - diesen Titel liest man bei der belgischen Wochenzeitung Knack. Das Blatt lässt einen Karikaturisten und Freund Wolinskis, der bei dem Attentat ums Leben kam, zu Wort kommen.

Gerard Alsteens erklärt: „Das Attentat gegen die Redaktion von Charlie Hebdo ist ein bisschen wie der Angriff auf das World Trade Centre, nur, dass diesmal die Presse das Opfer ist.

Dennoch dürfe man sich nicht einschüchtern lassen: „Als Karikaturist hat man nicht das Recht, dem Druck nachzugeben und die Religionen nicht mehr zu kritisieren. Selbst, wenn man an Tagen wie heute schon ins Grübeln kommt.

Die Schuld für die Tat sieht der Zeichner nicht nur bei den Attentätern selbst, sondern auch in einer zunehmenden Radikalisierung und Polarisierung der Gesellschaft.

 

"What is Charlie Hebdo, the provocative satirical newspaper attacked by gunmen in Paris? "

Washington Post

"Die provokative Zeitung, die von Bewaffneten angegriffen wird“ - schreibt die Washington Post. Die Zeitung erinnert daran, dass im Jahr 2012, anlässlich der letzten Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen, das Weisse Haus Kritik an dem Satiremagazin geäußert hatte.

 

"'Charlie Hebdo,' A Magazine Of Satire, Mocks Politics, Religion

NPR

Das öffentliche US-Radioprogramm NPR erklärt seinen Hörern unterdessen auch auf der Homepage, dass "Charlie Hebdo" in der langen Traditionsreihe der Satire in Frankreich steht. Eine Traditionsreihe, die weiter zurückgehe als die Französische Revolution. „Zu den Zielen des Magazins gehören sowohl die Konservativen, wie der Kapitalismus, das Christentum wie das Judentum und der Islam.

 

"Charlie Hebdo's Editor Charb Has Long Defended Offensive Material"

NBC

Der US-Fernsehsender NBC News stellt seinen Zuschauern die Positionen des Magazins anhand der Person des Redaktionsleiters Charb vor. „Charb hat seit langem die Haltung verteidigt, dass auch umstrittene oder beleidigende Inhalte veröffentlicht werden,“ schreibt der Sender auf seiner Webseite. „Stéphane Charbonnier war ein Verfechter der Meinungsfreiheit.“ Der Sender erinnert auch daran, dass Charb auf einer schwarzen Liste von AL-Qaida stand.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016