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Anonymous gegen IS: Die Waffen des Cyberkriegs

Länder: Frankreich

Tags: Daech, Anonymous, IS

Der Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat findet an allen Fronten statt, auch im Internet. Der IS benutzt ganz massiv die sozialen Netzwerke, und die Hackergruppe Anonymous hat seine Propaganda-Websites ins Visier genommen. Einfache Bürger verwandeln sich in Kämpfer und liefern sich über die Netzwerke virtuelle Schlachten. Hier ein Überblick über einige "Waffen" der Cyber-Guerilleros.   

 

Propaganda und Desinformation sind seit jeher ein wesentlicher Bestandteil jeglicher Militärstrategie. Der IS ist wohl eine der Terrorgruppen, die im Bereich der Internet-Kommunikation und der Benutzung digitaler Technologien ein solides Wissen besitzen. Bereits im letzten Jahr haben wir darüber berichtet, wie die Kämpfer in ihren Tweets LOLCats und andere Fotos von Katzen verwenden, um für sich zu werben. Sie benutzt die sozialen Netzwerke auch um Mitglieder zu rekrutieren, die Verantwortung für Attacken  zu übernehmen und über ihre Siege zu berichten.  

Das Bild des IS wird im Netz geschaffen, im eigenen Lager genauso wie in dem seiner Feinde. So wird das Internet zum Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen den Terroristen und ihren Gegnern, seien es Staaten oder Bürger, die ihnen Widerstand leisten wollen, wie Anonymous oder das Kollektiv Ghost Security, das zu Beginn des Jahres die Schließung von 59.000 IS-freundlichen Twitter-Accounts für sich beanspruchte.  

 
Die Kommunikations-Guerilla bedient sich aller Kanäle

Mit einiger Verblüffung stellt man fest, dass die Anonymous-Hacker bei ihrer Offensive gegen den IS die gleichen Kommunikationsmittel wie die Terroristen benutzen, vorausgesetzt die Apps und Websites sind leicht zugänglich und der Nutzer bleibt bis zu einem gewissen Grad anonym. So gehören zahlreiche Internetseiten, die wir täglich benutzen, auch zu den Werkzeugen eines IS-Kämpfers.     

Die bekanntesten Netzwerke sind Twitter und Facebook. Jedermann kann dort einen Account eröffnen und kurze Botschaften, Fotos und Videos veröffentlichen. Man kann Links mit anderen teilen, oder auch nur mit einem ausgewählten Freundeskreis. In diesen Netzwerken ist es nicht schwer, IS-freundliche Accounts zu finden. Ihr Bekanntheitsgrad und ihre einfache Handhabung machen sie zu privilegierten IS-Propagandainstrumenten. 

Deshalb konzentriert sich Anonymous bei seinen Attacken auf diese Netzwerke, um die Verbreitung von pro-Dschihad-Tweets oder Posts via Internet einzudämmen. Dies ist zugleich ein einfaches Mittel, diejenigen aufzuspüren, die der Terrororganisation angehören oder sie unterstützen, denn es ist einfach, von einem Account ausgehend weitere Nutzer zu identifizieren, die dieselben Informationen teilen.

Das Beispiel "pastebin"

Weniger bekannt sind die "pastebin"-Websites, mit der man auf sehr einfache Weise Texte oder Bilder speichern und ins Netz stellen kann.  

Pastebin.com, justPaste.it, dump.to sind Internetseiten, die es erlauben, einfach und anonym einen Text zu veröffentlichen und eine URL-Adresse zu erhalten, die man dann mit anderen teilen kann. Dieses System benutzt der IS, um Botschaften, religiöse Texte und Fotos von Kämpfern zu verbreiten.

Auch Anonymous speichert auf diesen Seiten Listen von Twitter-Accounts und Websites, um künftige Attacken gezielt vorzubereiten. Seit Beginn dieser Woche tobt auf diesen Seiten ein heftiger Kampf: Da dort jeder Inhalte veröffentlichen kann, sind sie häufig Ziel von Attacken, bei denen versucht wird, bestimmte Inhalte zu löschen.

Der IS benutzt auch zahlreiche andere Internetseiten wie archive.org. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Internet-Inhalte zu archivieren und allen zugänglich zu machen. Damit wurde diese Website, ohne es zu wollen, zum Webhoster für terroristische Propaganda-Dokumente – genau wie Youtube, Vimeo, Tumblr, Soundcloud, Dailymotion, Instagram, Isuu und viele andere.

Dieses reichhaltige Angebot an Webhosting-Diensten macht es unmöglich, die Propaganda völlig in den Griff zu bekommen. Terror-Websites zu schließen oder diejenigen zu bestrafen, die sie nutzen – wie es zum Beispiel der frühere französische Staatspräsident Sarkozy vorschlug – erscheint völlig utopisch und verkennt die Art und Weise, wie der IS das Internet nutzt. Da es den Terroristen sehr leicht fällt, gelöschte Inhalte wiederherzustellen oder gesperrte Accounts wieder zu öffnen, ist auch der Kampf von Anonymous recht kompliziert, vielleicht sogar aussichtslos. Bestenfalls legen die Hacker dem IS einige Hindernisse in den Weg und ziehen die Firmen zur Verantwortung, die diese Inhalte hosten.

 

Anonymität, Sicherheit und Verschlüsselung

Beide Lager, die pastebin-Systeme verwenden, verbreiten auch Tutorials, die angehenden Cyber-Kämpfern dienen, sogenannte "noobs". Hier zum Beispiel ein von Anonymous veröffentlichter Leitfaden für alle, die sich den Hackern anschließen wollen: 

In diesem Text findet man alle möglichen Anweisungen, um Internetseiten aufzuspüren oder Attacken durchzuführen, sowie wichtige Tools, die Sicherheit und Anonymität gewährleisten. 

 

Tor. Dieses Netzwerk, das anonym genutzt wird, rückte nach den Enthüllungen von Edward Snowden ins Licht der Öffentlichkeit. Es ist auch einer der Zugänge zum Dark Web, dem Teil des Internet, der von den Suchmaschinen nicht erfasst wird und dementsprechend unzugänglich ist. Tor bietet Zugang zu zahlreichen illegalen Internetseiten, mit Hilfe von verschlüsselten Verbindungen (onion routing).  

Telegram schließt 78 vom IS benutzte Accounts 

Am Mittwoch, den 18. November, gab das Unternehmen die Schließung von 78 Accounts bekannt, die der IS zur Kommunikation nutzte. Seit September ermöglicht diese App die Bildung von „Gruppen“, die per Abonnement zugänglich sind. Die offizielle IS-Gruppe „Nashir“ zählte vor ihrer Schließung 9.000 Mitglieder. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels existiert schon wieder ein neuer Nashir-Account.

VPN. Das „virtuelle private Netzwerk“ ist ein System, mit dem man eine direkte verschlüsselte Verbindung zwischen zwei Computern schaffen kann. Damit lässt sich die echte IP-Adresse des Nutzers verbergen, wodurch er anonym bleiben kann. Nach der jüngsten Kriegserklärung von Anonymous an den IS schickte die Terrorgruppe via Telegram Messenger-Dienst eine Botschaft, in der sie an einige Sicherheitsregeln erinnerte. Zu den Empfehlungen gehört die systematische Nutzung von VPN.

Telegram. Dieser Messaging-Dienst gewährleistet die Verschlüsselung der Kommunikationen. Sie lassen sich umso schwerer entschlüsseln, da sie vom Nutzer gelöscht werden können. Dieses Tool wurde 2013 von Nikolai und Pavel Durov entwickelt, den Gründern von VKontakte, dem in Russland bekanntesten sozialen Netzwerk. Nachdem Pavel Durov von VKontakte ausgeschlossen wurde, ging es ins Ausland und schuf dort einen sehr gut gesicherten Messaging-Dienst. Das in Berlin ansässige Unternehmen hat so großes Vertrauen in seine Technologie, dass es jedem 200.000 Dollar verspricht, dem es gelingen würde, seine Kommunikationen zu entschlüsseln. Diese App wurde sehr schnell zum Lieblings-Tool der Terroristen. 

 

Der Cyberkrieg wird überall im Web geführt, auch auf den Internetseiten, die wir täglich besuchen – nur merken die meisten Nutzer nichts davon. Deshalb ist der Kampf gegen die IS-Propaganda und andere Terrorgruppen auch so schwierig. Die Versuche der Regierungen, Internetseiten zu schließen, waren bisher ein Schlag ins Wasser, weil sich die Dschihadisten der gleichen Tools bedienen wie die übrige Bevölkerung und sich inmitten der zahllosen Inhalte verstecken, die wir täglich aufrufen.    

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016