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Ankara: Nach der Trauer häufen sich die Anschuldigungen

Länder: Türkei

Tags: Erdogan, Parlamentswahlen, attentat

97 Menschen kamen am 10. Oktober bei dem Bombenangriff auf eine Friedensdemonstration in Ankara ums Leben. Noch nie hat ein Anschlag in der türkei so viele Menschenleben gefordert. Drei Tage lang herrscht in der Türkei Staatstrauer. Während die Ermittlungen um die Verantwortlichen für den Anschlag weitergehen, beschuldigen sich Regierung und Opposition drei Wochen vor den Parlamentswahlen gegenseitig. 

 

Drei Tage nach dem verheerenden Anschlag  auf eine Friedensdemonstration von Regierungskritikern in Ankara herrscht in der Türkei nicht nur Trauer, sondern vor allem auch Wut gegen diejenigen, die hinter dem Attentat stecken.

 
Hauptverdächtiger IS

Zu der Tat bekannt hat sich bis zur Stunde niemand. Die türkische Regierung hat jedoch einen Hauptverdächtigen: die Terrormiliz Islamischer Staat. Die Ermittlungen laufen, zur Identifizierung eines der Selbstmordattentäter würden derzeit DNA-Analysen durchgeführt.

Die Polizei teilte am 12. Oktober außerdem die Festnahme von vier mutmaßlichen IS-Mitgliedern in der süd-türkischen Stadt Adana mit, nannte jedoch keine Einzelheiten. Die Behörden argumentieren, dass die Art, in der der Anschlag verübt worden war, auf den IS hindeute. Die Sprengkörper, die verwendete worden waren seien dieselben, wie bei dem Anschlag in Suruc, der die neue Gewalteskalation zwischen PKK und Regierung ausgelöst hatte. 

 
Die Kurden im Visier der Regierung

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu teilte kurz nach dem Attentat mit, er schließe auch die kurdische Rebellenorganisation PKK sowie Linksradikale als Täter nicht aus. Der AKP-Minister Veysel Eroglu ging in seinen Anschuldigungen gegen die Opposition noch weiter: "Das ist eine Provokation, um sich als Opfer darzustellen", sagte er. Das Argument der AKP: Die PKK habe mit Einwilligung der HDP deren Unterstützer getötet, damit die HDP politisch davon profitiert. Diese Anschuldigungen hatte die Regierungspartei bereits im Juli nach dem Anschlag von Suruc vorgebracht.

 
Opposition klagt Erdogans "Mörderstaat" an

Für die Opposition ist jedoch eindeutig der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan für das Massaker verantwortlich. Bereits kurz nach dem Anschlag gingen in Istanbul tausende Menschen auf die Straße und demonstrierten gegen die Regierung der AKP. Erdogan habe es befohlen, Banden hätten gemordet, riefen sie.  

Anschuldigungen, die auch in den folgenden Tagen nicht abklangen. Am Sonntag wagten sich die Menschen in Ankara wieder auf die Straße und versammelte sich zu tausenden, um den Opfer zu gedenken. Während der Feierlichkeiten der HDP-Parteiführer Selahattin Demirtas das Wort. Er beschuldigte Erdogan, absichtlich nicht für Sicherheit gesorgt zu haben: "Der Staat, dem kein Flügelschlag eines Vogels entgeht, war nicht in der Lage, ein Massaker im Herzen von Ankara zu verhindern". Die Türkei habe mit einem "Mörderstaat zu tun, der sich in eine Art Mafia verwandelt hat", so Selahattin Demirtas.

 

Die Vermutung der Oppositionellen: türkische Geheimdienste hätten den Anschlag organisiert, die den IS-Ableger in der Türkei unterwandert hätten. Sie argumentieren, dass der IS bisher in der Türkei nur gegen Erdogans Gegner vorgegangen sei. Kurz vor den Neuwahlen wolle Erdogan so Unfrieden stiften, die kurdische Opposition schwächen und sich selbst als Garant für Stabilität darstellen. Zwei große Gewerkschaften hatten für Montag und Dienstag aus Protest gegen die Regierung zum Streik aufgerufen.

 

Belegen lässt sich keine der Anschuldigungen der beiden Lager. Jene, die für den Anschlag verantwortlich sind, dürften ihr Ziel allerdings erreicht haben: Denn die Türkei  ist noch stärker geteilt als vor wenigen Wochen, das Risiko, das Land könnte in einen Bürgerkrieg abdriften, nimmt zu.  

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016