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Alles Mist?

Länder: Frankreich

Tags: Fleischproduktion, Milchproduktion, Viehzucht, Landwirtschaft, Bauern

Frankreichs Viehzüchter gehen auf die Barrikaden: die Abnahmepreise für Fleisch und Milch sind derzeit so niedrig, dass sie die Kosten für die Erzeugung nicht decken. Die Ursachen des Preisverfalls sind vielfältig, von Preisdumping bei den Einkaufszentralen der großen Lebensmittelketten über Verbrauchsrückgang zu fehlender Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Konkurrenten in anderen EU-Staaten, allen voran dem deutschen Nachbarn.

  

Deshalb protestieren die französischen Viehzüchter auch weiter. Trotz des Versprechens der Regierung, den Landwirten mit 600 Millionen Euro unter die Arme zu greifen, damit die Landwirte ihre Steuern und Sozialabgaben später oder gar nicht bezahlen müssen, haben sich die Bauern nun überall in Frankreich daran gemacht, die Autobahnen zu blockieren und für stundenlanges Verkehrschaos zu sorgen. Und das zur besten Ferienreisezeit und über 30 Grad. Die Regierung, die den Funken zum sozialen Flächenbrand möglichst im Keim ersticken will, predigt nun Wirtschaftspatriotismus und geht mit gutem Beispiel voran: Premierminister Manuel Valls kündigte an, alle Kantinen in staatlichen Einrichtungen müssten ihr Fleisch künftig direkt bei örtlichen Erzeugern beschaffen.

 

In Agen haben wütende Schweinzüchter aus Proteste Schweine im Supermarkt ausgesetzt: 

 

 
Französische Preis-Misere

10%

der Viehzüchter stehen vor dem Konkurs, genauso wie 20.000 Landwirtschaftsbetriebe.

 

Ob das reichen wird, die laut Landwirtschaftsministerium mehr als 20.000 Landwirtschaftsbetriebe und mehr als zehn Prozent der Viehzüchter, die vor dem Konkurs stehen, zu retten? Dem Chef des Bauerndachverbandes FNSEA Xavier Beulin zufolge ganz sicher nicht. Der Hilfsplan betreffe nur kurzfristige Maßnahmen, um die kommenden Wochen zu überstehen. Beulin pocht weiter auf höhere Preise. Die sind nämlich so niedrig, dass die Landwirte sogar mit Verlust arbeiten: 100 Kilo Rindfleisch kostet den Bauern 347 Euro, der Verkaufspreis liegt bei 316 Euro. Die Schweinezüchter haben das gleiche Problem, ein Kilo Fleisch kostet in der Produktion 1,50 Euro oder mehr, verkauft werden sie für 1,38 Euro oder weniger.

 

 
 
EU im Veggie-Trend

Und auch das Grundproblem löst die Sofortmaßnahme der französischen Regierung nicht: In der EU wird weniger Fleisch gegessen, seit Jahren schon, und laut Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung wird sich an diesem Trend in den kommenden Jahrzehnten auch nichts ändern. Für die Erzeuger bedeutet das ein Überangebot, gefolgt von einem Preisverfall. Das Ende der Milchquoten und das Embargo, das Russland im Februar 2014 in Folge des Ukraine-Konflikts verhängt hat, haben den Kampf um die Marktanteile unter den europäischen Produzenten zusätzlich verschärft. Vor allem die französischen Züchter hat das Embargo hart getroffen, der Export nach Russland brachte einhundert Millionen Euro.

 

Deutsche Dumpingschweine

Deutschland, das sich bei der Schweineschlachtung mit über 58 Millionen getöteten Tieren pro Jahr auf Platz 1 der europäischen Spitzenproduzenten befindet, steht vor allem mit seiner exportorientierten Expansion von Schweinefleisch in der Kritik: hier geht es um Billigfleisch durch massive Modernisierung der Betriebe und billige polnische, rumänische und bulgarische Arbeitskräfte. Zumindest das wird sich durch den Mindestlohn allerdings bald ändern. Durch die Absatzkrise setzen die großen Verarbeiter in der BRD auf Dumpingpreise, denen die Erzeugerseite nichts entgegen zu setzen hat, und demolieren so EU-weit zusätzlich das Preisgefüge.

 

"In Frankreich ist eine weltweite Produktion mit diesen Umweltauflagen und diesen gesellschaftlichen Zwängen schlicht unvereinbar. Um sie kompatibel zu machen, bräuchte die Landwirtschaft gesellschaftliche Unterstützung."
Gilles Becker, Rinderzüchter in Schalbach, Moselle

 
Schlechte Karten

Die wettbewerbstechnisch schlechten Karten liegen auch am französischen Sozialmodell, dem Mindestlohn und diversen Sozialleistungen, die auch Landwirtschaftsbetriebe allen Beschäftigten entrichten müssen. Dazu kommt die Begrenzung der Zahl der Tiere (im Gegensatz zu Deutschland), die in Frankreich im Schnitt kleineren Betriebe und andere gesetzliche Auflagen und Kosten für Freilufthaltung. Normen und Abgaben, bei denen der französische Staat bisher kein Entgegenkommen gezeigt hat.

 

"Ich denke, die deutschen, landwirtschaftlichen Betriebe sind effizienter als die französischen, und besser auf den freien Markt vorbereitet - was unseren deutschen Kollegen zugutekommt. In Frankreich haben wir da auf jeden Fall noch echte Grundsatzarbeit zu leisten."
Gilles Becker, Rinderzüchter in Schalbach, Moselle

 

Druck auf den Handel

Und so will Landwirtschaftsminister Le Foll nun mit Vertretern der gesamten Fleischbranche über eine mögliche Umverteilung der Erträge diskutieren. Dabei hatte Le Foll schon vor Wochen Vertreter des Handels und der fleischverarbeitenden Industrie verpflichtet, die Preise für die Landwirte zu erhöhen. Das ist auch geschehen, laut Lidl Frankreich-Chef um 20 Cent pro Kilogramm. Nur, davon ist bei den Landwirten nichts angekommen. "Das Geld steckt wohl die Industrie ein."

Die Handelsketten verdienen kein Geld mehr mit Milch und Fleisch, um ihre Margen zu retten, über sie Druck auf französische Klein- und Mittelbetriebe aus, mit dem Ergebnis, dass bislang gesunde Hersteller ebenfalls in Schwierigkeiten geraten.

Patrick Edery, Untenehmensberater

 

Fatale Folgen?

Der Druck auf den Handel wird für Unternehmensberater Patrick Edery außerdem fatale Folgen haben: "Die Handelsketten verdienen kein Geld mehr mit Milch und Fleisch, um ihre Margen zu retten, über sie Druck auf französische Klein- und Mittelbetriebe aus, mit dem Ergebnis, dass bislang gesunde Hersteller ebenfalls in Schwierigkeiten geraten." Edery  ist skeptisch, ob sich dank der Maßnahmen der Regierung etwas ändert: "Sie will nur die Leute von der Straße holen, strukturell verbessert sich nichts."

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016