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Alleinerziehende Mütter in Deutschland: jeden Tag ein Spagat

Länder: Deutschland

Tags: Familie, Alleinerziehende

Deutschlands Familienpolitik stehen Veränderungen bevor. Bis Ende März will die Regierung den neuen Umfang der Entlastungen für Familien entschieden haben, das kündigte die Bundesministerin für Familie, Manuela Schwesig, an. Von diesen neuen Entscheidungen sollen besonders die alleinerziehenden Familien profitieren. Bisher verfügen diese über die Möglichkeit, jedes Jahr bei der Steuererklärung 1.308 Euro von dem zu versteuernden Einkommen abziehen zu können. Diese Maßnahme wurde 2004 eingeführt, seitdem jedoch nicht mehr erhöht. Dies will Bundesministerin Schwesig nun ändern.

In der Tat besteht Handlungsbedarf, denn noch immer benötigen ein Viertel der alleinerziehenden Mütter Hilfe vom Staat, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Alleinerziehende Familien haben erhöhte finanzielle Schwierigkeiten und stehen unter höherem Druck als Paarfamilien, schließlich müssen alle Kosten alleine getragen werden. Dies stellt die Mütter jeden Tag vor einen neuen Spagat.

 

La précarité des mères célibataires
 
Die Fakten

 

Alleinerziehende in Deutschland

 

Ein schwieriger Alltag

Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) empfinden immer mehr alleinerziehende Mütter ihre Situation als positiv, die sie sogar stärkt. Trotzdem haben viele von ihnen im Alltag mit Problemen zu kämpfen, bestätigt Maja Wegener, Familientherapeutin des Frauenzentrum Frieda e.V. in Berlin:

 

Probleme alleinerziehender Frauen

 

Alleinerziehend heißt nicht alleinstehend

Allerdings sind Alleinerziehende nicht zwingend alleinstehend. Die Studie des BMFSFJ belegt, dass bei den Betroffenen unterschiedliche Auffassungen dieser Situation bestehen. Das Alleinerziehendsein ist weniger an die Haushaltssituation gekoppelt, sondern vielmehr an die Verantwortungsverteilung. Auch wenn man bereits wieder in einer Partnerschaft lebt, kann man sich durchaus als alleinerziehend fühlen, so lange man wesentliche Entscheidungen alleine trifft, etwa was das Kind darf oder nicht oder auf welche Schule es gehen soll. Man kann diese beiden Begriffe also nicht gleichsetzen.

 

Unterschiedliche Erwerbstätigkeit

Ein Unterschied zwischen alleinstehenden Alleinerziehenden, solchen in Partnerschaften und verheirateten Paaren besteht besonders in der Erwerbstätigkeit.

 

Laut dem Bericht des BMFSFJ arbeiten 14 Prozent der alleinstehenden, alleinerziehenden Mütter eines Kindes im Alter zwischen 6 und 10 Jahren weniger als 15 Stunden pro Woche, 54 Prozent in Teilzeit und 33 Prozent in Vollzeit. Bei verheirateten Müttern von Kindern im selben Alter arbeiten rund 26 Prozent weniger als 15 Stunden pro Woche und nur 21 Prozent Vollzeit. Bei nicht ehelichen Partnerschaften arbeiten 39 Prozent der Mütter Vollzeit. (Eine Infografik dazu bietet die Studie des BMFSJ auf Seite 18)

 

Das ungelöste Problem der Kinderbetreuung

Ein wesentlicher Grund für diese Unterschiede liegt in der Kinderbetreuung. So müssen Alleinerziehende zwar aus finanziellen Gründen arbeiten, können ihre Kinder währenddessen aber nicht betreuen lassen, meistens aus Mangel an geeigneten Kita-Plätzen. Obwohl sie das Gehalt benötigen würden, können deshalb nur wenige alleinerziehende Frauen in Vollzeit arbeiten. Ein Teufelskreis.

 

Gefahr von Armut

 

Bei verheirateten Frauen ist die Situation eine andere. Sie sind finanziell abgesicherter und können es sich deswegen leisten, vermehrt in Teilzeit zu arbeiten. In Partnerschaften können die Mütter sich bei der Betreuung der Kinder mit ihrem neuen Partner abwechseln und dadurch mehr arbeiten.  

 

Im internationalen Vergleich

Trotz aller Nuancen ist der Unterschied zwischen erwerbstätigen Alleinerziehenden und Müttern in Paarfamilien in Deutschland relativ gering. Anders im europäischen Ausland, wie zum Beispiel in Großbritannien, Schweden oder Frankreich. Die Studie des BMFSFJ sieht die Erklärung dafür in unterschiedlichen Arbeitsmärkten, sowie verschiedenen sozialpolitischen und arbeitsmarktrechtlichen Regelungen. Die größten Differenzen findet man im Arbeitsumfang. In Deutschland und Großbritannien arbeiten weniger alleinerziehende Mütter in Vollzeit, als in Frankreich und Schweden. In Schweden ist auch die Anzahl arbeitender Frauen größer.

 

Gehaltsungerechtigkeiten aufgrund des Geschlechts

Die deutschen Statistiken zeigen einen Trendwechsel in der Geschlechterverteilung alleinerziehender Eltern. Immer mehr Alleinerziehende sind Männer. Diese sind im Vergleich zu den Müttern finanziell klar im Vorteil. So verdienten 2010 laut dem BMFSFJ rund 50 Prozent der alleinerziehenden Männer zwischen 1.300 und 2.600 Euro monatlich. Nur 45 Prozent der Frauen verdienten soviel. Noch frappierender ist der Unterschied bei tieferen Löhnen: 40 Prozent der alleinerziehenden Frauen mussten mit weniger als 1.300 Euro pro Monat auskommen, bei den Männern waren es 21 Prozent. Die Unterschiede beim Gehalt machen auch vor Alleinerziehenden nicht halt und verschärfen die Not mancher Frauen umso mehr.

 

Zeit wird zur Mangelware

Der tägliche Druck führt dazu, dass Frauen sich kaum mehr Zeit für sich selbst nehmen, obwohl das laut der Familientherapeutin Maja Wegener sehr wichtig wäre.

 

Zeit für sich

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016