|

Aleppo - kurz vor der entscheidenden Schlacht?

Länder: Syrien

Tags: Aleppo, Bürgerkrieg

Aleppo könnte in den kommenden Tagen zu einem entscheidenden Schauplatz in Syrien werden. Die Stadt im Norden des Landes wird seit dem vergangenen Wochenende heftig umkämpft. Die Regierungstruppen und die Rebellen zogen weitere Einheiten zusammen, denn bald könnte es dort zu einer entscheidenden Schlacht kommen. Unterdessen sind in der Regieon nach UN-Angaben zwei Millionen Menschen ohne Trinkwasser. Deshalb verlangte die UNO nun "wöchentliche 48-stündige humanitäre Pausen", um die hilfsbedürftigen Menschen in Aleppo mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen.

Mit Schutzmasken radeln Kinder durch die Straßen ihrer Heimatstadt. Um sie herum ziehen Rauchschwaden ihre Bahnen. Sie stammen von brennenden Reifen, die Rebellen angezündet haben, denn in dem Viertel der beiden Jungs regieren die Gegner Baschar-al Assads. Um den Regierungstruppen und der russischen Luftwaffe, die den syrischen Machthaber im Bürgerkrieg unterstützt, die Sicht zu vernebeln, sind die Rebellen kreativ.
Kinder, Fahrräder, brennende Reifen, Angst vor Angriffen – Alltag in Syrien.

 

Steckbrief Aleppo
2 000 Mann Verstärkung für die Regierungstruppen

Bald könnte es allerdings in Aleppo noch heftiger zugehen, Experten gehen davon aus, dass die entscheidende Schlacht kurz bevorsteht. Denn seit dem Wochenende haben sich die Kämpfe um die einstige Wirtschaftsmetropole des Landes intensiviert, so die Angaben von Aktivisten. Außerdem sollen sich Rebellen und Regierungstruppen derzeit mit zusätzlichen Waffen und Kämpfern für das Gefecht um die Großstadt rüsten.

Am Sonntagabend sollen zur Verstärkung der Regierungstruppen rund 2 000 syrische, irakische und iranische Kämpfer sowie Kämpfer der libanesischen Hisbollah-Miliz in Aleppo eingetroffen sein. Die regierungsnahe Zeitung "al-Watan" berichtete, die Regierungstruppen hätten Verstärkung bekommen, "um die Schlacht zur Rückeroberung von Gebieten zu beginnen", aus denen sie vertrieben wurden. Außerdem sollen Militärflugzeuge Rebellengruppen aus der Luft angreifen.

Hunderte Kämpfer als Verstärkung für die Rebellen

Auch die Rebellen haben ihre Männer aufgestockt. Sie sollen hunderte Kämpfer in Aleppo zusammengezogen haben. Laut Angaben der Beobachtungsstelle für Syrische Menschenrechte werden die vor allem durch Kämpfer der Fatah-al-Scham-Front gestellt, die bis vor kurzem al-Nusra-Front hieß und erst kürzlich offiziell ihre Verbindung zum Al-Kaida-Netzwerk aufgekündigt hatte, gestellt.

 

Fatah-al-Scham Front
Es handelt sich hierbei um eine Dschihadistengruppe, die das islamistische Bündnis Dschaisch al-Fatah ("Armee der Eroberung") leitet, das maßgeblich am Kampf um Aleppo beteiligt ist. Das Bündnis wird auch von der islamistischen Miliz Ahrar al-Scham unterstützt, die als eine der mächtigsten Rebellengruppen gilt.

 

Der Vorsitzende der Syrischen Nationalen Koalition (SNC) Anas al-Abdeh meint, es sei eine gute Nachricht, dass keine der im Kampf gegen die syrischen Regierungstruppen und ihre Verbündeten zusammengeschlossenen Milizen Verbindungen zu Terrororganisationen wie al-Kaida oder dem Islamischen Staat habe. Außerdem betonte er, dass die Fatah-al-Sham-Front nicht allzu viel Einfluss habe, da sie lediglich zehn Prozent der Kämpfer in Aleppo stelle.

Große Pläne der Rebellen

Nachdem die Aufständischen am Wochenende wichtige Erfolge verzeichnen konnten, allen voran der Durchbruch der Belagerung Aleppos durch die Regierungstruppen, kündigte die islamistische Rebellenmiliz Dschaisch al-Fatah dann am Sonntag an, ganz Aleppo unter ihre Kontrolle bringen zu wollen. Im Juni hatte die Regierung den Belagerungsring um die rund 300.000 Bewohner der von den Rebellen gehaltenen östlichen Stadtviertel geschlossen. Nach der Rückeroberung des Viertels Ramussa im Süden gelang es den Rebellen aber, den Belagerungsring wieder zu durchbrechen. Erstmals seit der Belagerung sind nun auch wieder Nahrungsmittel in die Rebellengebiete geliefert worden. Der Transport habe vor allem aus frischem Gemüse bestanden, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Doch die gelieferten Mengen seien nicht ausreichend für die bis zu 300 000 Menschen, die im Rebellengebiet im Osten Aleppos leben. Hilfsorganisationen warnen vor einer humanitären Katastrophe: Neben einem Mangel an medizinischer Versorgung gibt es seit Tagen in Aleppo kein fließendes Wasser. Laut Angaben der UN sollen zwei Millionen Menschen in der Region ohne Trinkwasser sein. Die UNO pochte deshalb am Dienstag auf eine "wöchentliche 48-stündige humanitäre Pausen", um die hilfsbedürftigen Menschen in Aleppo mit Nahrungsmitteln und Medikamenten zu versorgen.

 

ARTE Info hat mit dem Syrien-Experten Thomas Pierret über die möglichen Entwicklungen in Aleppo gesprochen und über die Bedeutung für den Bürgerkrieg im Allgemeinen. Hier können Sie seine Antworten lesen.

 
Baldige Eroberung der Großstadt in Sicht?

Mit den jüngsten Geländegewinnen der Rebellen geraten nun die 1,2 Millionen Einwohner in den von der Regierung gehaltenen Vierteln im Westen verstärkt unter Druck. Aus Sorge, dass auch die letzte offene Versorgungsroute abgeschnitten wird, haben sich die Einwohner mit Essen und Wasser eingedeckt. In der Nacht zum Montag gelang es Assads Armee dann, einen Konvoi mit Nahrungsmitteln über eine Route im Norden in die Stadt zu bringen.

 

Nun rechnet die syrische Exil-Opposition mit einer baldigen Eroberung der Großstadt. "Ich denke, dass ist nur eine Frage der Zeit. Es wird passieren. Die Durchbrechung des Belagerungsrings der Regierungstruppen am Wochenende ist eines der wichtigsten Ereignisse der syrischen Revolution in den vergangenen fünfeinhalb Jahren gewesen" , so Anas al-Abdeh, Vorsitzender der Syrischen Nationalen Koalition (SNC). Die UN-Botschafterin Samantha Power äußerte sich besorgt über das Schicksal der Zivilisten in Aleppo: "Je länger die Kämpfe andauern, desto mehr Zivilisten werden zwischen die Fronten geraten und den höchsten Preis zahlen", sie rechne nicht mit einem baldigen Ende der Kämpfe, keine der Konfliktparteien sei in der Lage "einen schnellen oder entscheidenden Erfolg" in der Schlacht um Aleppo zu erzielen.

 

In dem mehr als fünf Jahren andauernden Bürgerkrieg in Syrien kamen mehr als 290 000 Menschen ums Leben, darunter fast 84 500 Zivilisten. Millionen Menschen mussten bereits aus ihrer Heimat flüchten. Die Verbliebenen stehen einer schweren humanitäre Krise gegenüber.

Zuletzt geändert am 10. August 2016