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Aleppo: "Es ist nicht sicher, ob die Gewinner der Schlacht auch als Sieger im syrischen Bürgerkrieg hervorgehen"

Länder: Syrien

Tags: Syrie, Alep, Etat Islamique

In Syrien spitzt sich die Lage zu: In Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens, sprechen alle Anzeichen dafür, dass eine entscheidende Schlacht bevorsteht. Seit 2012 ist die Stadt hart umkämpft. Auf der einen Seite stehen verschiedene Rebellengruppen, auf der anderen Seite die Truppen Baschar al-Assads. Am vergangenen Wochenende sind laut Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zahlreiche Kämpfer zur Verstärkung der Rebellen sowie der regierungstreuen Truppen eingetroffen. Außerdem läuft seit Samstag eine Offensive, durch die es der Opposition gelungen ist, die Belagerung im Osten von Aleppo zu durchbrechen. Was bei der Machtübernahme der Stadt alles auf dem Spiel steht und welches Lager am Ende als Sieger hervorgehen könnte, erklärt Thomas Pierret, Politologe und Syrien-Experte im Interview. 

Die Schlacht um Aleppo wird Einfluss auf den Kurs haben, den der Syrienkonflikt nimmt.

 

ARTE Info: Ist die Schlacht um Aleppo entscheidend für die Zukunft Syriens?

Thomas Pierret: Entscheidend – das weiß ich nicht: Es ist nicht sicher, dass die Gewinner der Schlacht auch als Sieger im syrischen Bürgerkrieg hervorgehen. Wenn es überhaupt Sieger gibt… Auch wenn sich die Frontlinien jüngst verschoben haben, gibt es keine Garantie dafür, dass sich die Situation nicht weiterentwickelt, so wie es schon seit 2012 in Aleppo der Fall ist. Die Schlacht um Aleppo wird aber Einfluss auf den Kurs haben, den der Syrienkonflikt nimmt. Würden die Rebellen gewinnen, nähmen sie die zweitgrößte Stadt des Landes ein und das gäbe ihren Forderungen, sich als Alternative zum Regime von Damaskus aufzustellen, mehr Nachdruck. Ein solcher Sieg würde auch Baschar al-Assads Forderungen über ganz Syrien zu herrschen, ein Ende setzen, auch wenn er vorgibt im ganzen Land Garnisonen zu besitzen, wie zum Beispiel in der Stadt Deir ez-Zor, die von der Terrororganisation Islamischer Staat kontrolliert wird.

 

Syrien, ein gespaltenes Land

 

Verliert das Regime die Schlacht in der Stadt Aleppo, verliert es die ganze Provinz Aleppo. Das wäre ein herber Schlag für die Regierung. Wenn das Regime gewinnt, verschwinden die Rebellen nicht einfach. Sie ziehen sich in ihre Hochburgen in Idlib und Hama zurück. Dann gäbe es einen ländlichen Aufstand - in den äußeren Regionen, die für die Machthaber keine direkte Bedrohung darstellen. Ich glaube nicht, dass das Regime die Rebellen gänzlich zerschlagen kann, aber diese bräuchten Jahre, um wieder zur alten Form zu gelangen.

 

Aleppo - kurz vor der entscheidenden Schlacht?

Hier geht es zu unserem HIntergrundartikel.

Welche Kämpfer sind derzeit in Aleppo vor Ort?

Thomas Pierret: Die Offensive der Rebellen ist deshalb von Erfolg gekrönt, weil zwei Koalitionen koordiniert zusammenarbeiten: die militärische Allianz Dschaisch al-Fatah ("Armee der Eroberung"), die in der Provinz Idlib angesiedelt ist und die Miliz Fatah Halab ("Eroberung Aleppos"). Die "Armee der Eroberung" setzt sich aus zwei Gruppen zusammen: die salafistische Gruppe Ahrar al-Scham sowie die Fatah al-Scham Front, ehemals die al-Nusra Front. Mit der Namensänderung hat sich diese Gruppe auch von al-Kaida getrennt, aber einzelne unterhalten noch Kontakt mit dieser Organisation. Die Fatah Halab wird ihrerseits von stark gemäßigten, islamistischen Gruppen dominiert, die mit den Muslimbrüdern verwandt sind. Die Miliz ist in der Stadt viel stärker verankert und unterhält wesentlich engere Beziehungen mit der zivilen politischen Opposition Syriens als die Armee der Eroberung. Und dann – wie der Syrien-Experte Stéphane Matoux sagt, gibt es viel mehr ausländische Kämpfer auf Seiten Baschar al-Assads als auf Seiten der Opposition. Die regierungstreuen Truppen sind eine Mischung aus Syrern aus der regulären Armee, aus Aushilfsmilizen, die aufgrund der Umstände rekrutiert wurden, aus regionalen Clans sowie schiitischen, ausländische Milizen, die der Iran ausgewählt hat. Unter den letztgenannten sind auch Mitglieder der libanesischen Hisbollah, Afghanen, Iraker und einiger Iraner.

 

Kämpfer in Syrien

 

In unserem Artikel "Notruf Aleppo" haben wir die Augenzeugenberichte von vier Ärzten und Pflegern zusammengetragen, die humanitäre Notfallhilfe in der Stadt leisten. 

 

Die Umwandlung der al-Nusra Front in die Fatah al-Scham Front richtet sich nicht an den Westen: Die Mitglieder der Front sind nicht so naiv zu glauben, dass eine Namensänderung den Westen dazu bringt, sie zu unterstützen.

 

Welchen Auswirkungen hat die Umbenennung der al-Nusra Front in Fatah al-Scham Front?

Thomas Pierret: Die Umwandlung der al-Nusra Front in die Fatah al-Scham Front richtet sich nicht an den Westen: Die Mitglieder der Front sind nicht so naiv zu glauben, dass eine Namensänderung den Westen dazu bringt, sie zu unterstützen. Diese Entscheidung hat die Front eher im Hinblick auf ihre Beziehung mit den Rebellen und Regionalstaaten wie Katar und die Türkei getroffen. Die Fatah al-Scham Front unterhielt schon als al-Nusra Front Beziehungen mit diesen Ländern. Aber ihre Weiterentwicklung sowie die Loslösung von al-Kaida vereinfacht die Dinge mit den westlichen Mächten.

Auf die Rebellengruppen hatte die simple Namensänderung der al-Nusra Front sowie die Trennung von al-Kaida (kurz vor der Offensive in Aleppo) keine großen Auswirkungen. Sie halten die Entscheidung zwar für weise, doch die Front ist noch weit davon entfernt, die gleichen revolutionären Ideen der anderen Rebellen zu teilen.

Kurz vor der Schlacht um Aleppo gab es jedoch eine wichtige Veränderung, durch die sich das Blatt gedreht hat. Die Regierungstruppen haben 300.000 Menschen im Osten der Stadt - im von den Rebellen kontrollierten Gebiet - eingeschlossen. Deshalb müssen die Rebellengruppen nun kooperieren. Die ideologischen Meinungsunterschiede sind zu ihren geringsten Sorgen geworden, auch wenn das nicht bedeutet, dass alle Vorbehalte weg sind.

Zuletzt geändert am 15. August 2016