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Die Evakuierung Aleppos beginnt

Länder: Syrien

Tags: Syrienkonflikt, Krieg, Assad

Die ersten Zivilisten und Verletzte konnten heute Ost-Aleppo verlassen. Sie haben chaotische Tage hinter sich: Trotz vereinbarter Waffenruhen kam es zu Kämpfen, am Dienstag überschlugen sich Berichte über mögliche Gräueltaten. Der Bürgermeister des zerstörten Ostteils lancierte am Donnerstag einen Appell an die EU: 50 000 Zivilisten seien weiterhin in Gefahr, Beobachter sollten sicherstellen, das sie die Stadt verlassen können. Wie ist die Lage in der umkämpften Stadt? ARTE Info konnte mit einem französischen Arzt sprechen, der noch im November in Syrien war.

Hilfsorganisationen wie die UOSSM (Union of Syrian Medical Relief) hatten wiederholt gefordert, dass Zivilisten Aleppo verlassen können. Der Kriegsmediziner Raphaël Pitti war für die Organisation noch letzten Monat in Syrien, ARTE interviewte ihn am Dienstag in Paris.

Interview mit dem französischen Arzt Raphaël Pitti
Interview mit dem französischen Arzt Raphaël Pitti Wie ist die Lage in Aleppo? Interview mit dem Arzt Raphaël Pitti, der bis vor Kurzem in Aleppo war. Interview mit dem französischen Arzt Raphaël Pitti

 

Zwischen #Aleppovictory und #Savealeppo

Ein letzter Appel an die Außenwelt - auf Twitter häuften sich seit Montag Bilder und Videos von Zivilisten, die angeblich im Osten der Stadt ausharren. So etwa diese junge Frau, die laut ihres Kontos Teil der syrischen Revolution ist. "Dies könnte mein letztes Video sein", sagt sie."Die Zivilisten stecken in einem Gebiet fest, nicht größer als zwei Quadratkilometer. Jede Bombe ist ein neues Massaker. Rettet Aleppo, rettet die Menschlichkeit."

 

Auch die syrischen Weißhelme, die jeden Tag Menschen aus den Trümmern Aleppos retten, wollten die Öffentlichkeit über ihren Twitteraccount wachrütteln. Bereits am Montag posteten sie einen Brief, in dem sie die internationale Gemeinschaft dazu aufforderten, den eingeschlossenen Bewohnern Aleppos sichereres Geleit aus der Stadt zu garantieren.

Syrien: Sechs Jahre Krieg

In sechs Kapitel blicken wir auf den Syrien-Konflikt zurück, der über 300.000 Menschenleben gefordert hat.

Auf der anderen Seite steht #aleppovictory: Unter diesem Hashtag findet man beispielsweise ein Video des russischen Senders Russia Today, der die Bewohner Aleppos in Siegeslaune zeigt - sie schwenken Nationalfahnen oder hupen lautstark mit ihren Autos. Aufgenommen wurde das Video im von der Regierung kontrollierten Westen der Stadt.

 

Berichte von Gräueltaten

Derweil schockierten der UN vorliegende Berichte über Gräueltaten. Regimetreue Truppen sollen in den Rebellengebieten in Häuser eingedrungen sein und Menschen getötet haben. "Der Preis, den die Zivilisten während dieses Konfliktes bezahlt haben, ist brutal hoch", so UN-Sprecher Colville am Dienstag in Genf. Mindestens 82 Menschen seien zu Beginn der Woche den Kämpfen zum Opfer gefallen, darunter elf Frauen und 13 Kinder. Beobachter gehen von noch mehr Opfern aus.

 

Bedeutet der Fall Aleppos Assads Sieg? 

Ziehen die Rebellen tatsächlich ab, wäre der Sieg über die Aufständischen in Aleppo sicherlich ein Wendepunkt in dem andauernden Krieg; dessen Ende bedeutet das aber noch lange nicht. Die Terrormiliz IS kontrolliert weiter größere Gebiete in Zentral- und Ostsyrien - während sich Assads Truppen auf die Rückeroberung Aleppos konzentrierten, konnte sie die historische Stadt Palmyra wieder einnehmen.

Außerdem halten verschiedene Rebellengruppen Gebiete in ländlicheren Regionen. Unter diesen Gruppen - von moderaten bis zu islamistischen Gruppierungen - könnten sich jetzt neue Bündnisse ergeben. Zudem könnten einzelne Gruppen dazu übergehen, gezielt Anschläge zu verüben. Zu viele unterschiedliche Interessen und Gruppen spielen in Syrien mittlerweile eine Rolle, als dass das Ende einer Schlacht auch das Ende des Krieges bedeuten würde.

Zuletzt geändert am 16. Dezember 2016