Afghanistan: I am Farkhunda

ARTE Reportage - Samstag, 23. Mai 2015 - 17:05

Länder: Afghanistan

Tags: Afghanistan, Menschenrechtlerin

Farkhunda starb am Persischen Neujahrsfest, am 22.März 2015, unter einem Hagel von Steinen, Tritten und Schlägen mit Knüppeln: Lynchjustiz mitten in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans. Ein Mullah hatte Farkhunda beschuldigt, sie habe einen Koran verbrannt – das war eine Lüge, aber der Mob erschlug und verbrannte sie. 

Farkhunda Malekzada war 27 Jahre, ihr eigentliches „Verbrechen“ war es, dem Mullah widersprochen zu haben: Er verkaufte selbstgefertigte Talismane und Farkhunda sagte ihm offen ins Gesicht, das dies nur ein Aberglaube sei, an dem bloß die Mullahs verdienten, das alles hätte aber mit dem Islam gar nichts zu tun. Um sie loszuwerden, hetzte der fromme Mann die Menge auf die junge Frau. Unsere Reporter wollten verstehen, wie es zu diesem Gewaltausbruch hat kommen können.

Sie trafen drei afghanische Frauen, die sich entschlossen, auf den Tod Farkhundas zu reagieren: Eine Journalistin, die für die Freiheit der Presse kämpft, eine Menschenrechtlerin und eine, die sich um Frauen kümmert, die Opfer von Gewalt werden. Es scheint, als ob Farkhundas Tod die Menschen in Afghanistan aufgerüttelt hat – Konservative Männer und moderne Frauen scheinen sich einig, dass ihr Tod nicht umsonst gewesen sein darf, sondern trauriger Anlass sein muss, die „Traditionen aus der Steinzeit“ endlich zu begraben. 

 

Von Claire Billet, Sandra Calligaro, Mathias Lavergne und Romain Colonna d’Istria – ARTE GEIE / Hikari Films – Frankreich 2015

 

Claire Billet über die Lage der Frauen in Afghanistan

 

 

Aus unserem Archiv

2011, siebzig Jahre nach Kriegsausbruch hat ARTE Reportage Afghanistan eine umfassende Webdokumentation gewidmet: "Afghanistan, 10 Jahre, 100 Blicke". Einige der Reportagen befassen sich mit der Lage der Frauen. Folgen Sie den Links, um sie zu sehen. 

 

 - Die Stimme der FrauenIn der Stadt Jalalabad hört man Shahla zwar im Radio, aber sie hört dort vor allem zu. Die Journalistin hat einen Radiosender von Frauen für Frauen gegründet. In jeder Sendung rufen Hörerinnen an und vertrauen sich ihr an. Manchmal hört Shahla echte  Hilferufe. Sie ist den Frauen eine Stütze und setzt sich für deren Rechte  ein.

 - Wiedergeburt im eigenen LandAls Kind musst sie mit ansehen, wie  ihre Familie ermordet wurde, musste in Exil fliehen. Tahereh Hashimi, eine junge Hazara weiß, wie schwer das Leben als Flüchtling im Iran sein kann. Sie hatte gelernt mit der Verachtung im Alltag umzugehen und sich mit dem Studienverbot abgefunden. Nach dem Sturz der Taliban kehrte sie nach Afghanistan zurück und konnte endlich ihr lang ersehntes Studium aufnehmen. Heute ist sie Schauspielerin. 

- Die stille RevolteVerschleiert, aus ihren traditionellen Berufen verdrängt und an den Rand des öffentlichen Lebens verbannt suchen afghanische Frauen nach Auswegen aus Leid, Unterdrückung und Terror, der zu den wesentlichen  Herrschaftsprinzipien des Taliban-Regimes gehört. Kaum bekannt ist, dass die Organisation RAWA vielen mutigen Frauen Möglichkeiten gibt, Kinder zu erziehen, Mitmenschen zu pflegen und an staatsbürgerlichen Schulungsprogrammen teilzunehmen. Die Frauen, die sich für diese Form der stillen Revolte entschieden haben, arbeiten im Untergrund, täglich riskieren sie ihr Leben.

- Im Garten der Frauen. Für ihre erste große Reportage ist es den beiden Reporterinnen Claire Billet und Laure de Matos gelungen, in der Hauptstadt Kabul einige Wochen lang im "bagh-e-zanana", dem Garten der Frauen recherchieren und zu filmen.

 

 

Frauen und ihre Rechte in Afghanistan

 

Der Mord an Farkhunda Malekzada  ist nur ein Beispiel für die alltägliche Gewalt gegen afghanische Frauen. Neu ist allerdings, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Das Gericht verurteilte Mitte Mai vier der 49 Angeklagten zum Tode, acht erhielten jeweils 16 Jahre Haft. Auch elf Polizisten müssen wegen Mittäterschaft für ein Jahr ins Gefängnis.  

Sind diese Urteile die Wende? Auch nach dem Sturz der Taliban 2001 wurden Frauen weiterhin diskriminiert, zur Ehe gezwungen, verprügelt und für „Verbrechen gegen die Ehre“ hingerichtet.

Das war einmal ganz anders - ein Rückblick:

 

Afghanistan Sandra Calligaro

1959

 

 

Wahlrecht und Bildung

Ab 1959 durften afghanische Frauen an Universitäten studieren. 1964 erhielten sie mit der Verfassungsänderung das Wahlrecht und durften 1965 zum ersten Mal wählen. Einige Parteien gründeten aktive Frauenorganisationen:  Die RAWA, „Revolutionary Association of the Women of Afghanistan“, ist die älteste Organisation für Frauenrechte in Afghanistan.

Anfang der 70er waren Frauen auch in politischen Positionen vertreten. Die Verfassung von 1977 schrieb Frauen und Männern gleiche Rechte und Pflichten zu. Nach dem Militärputsch 1978, der sogenannten Saur-Revolution, übernahm die prosowjetische Demokratische Volkspartei Afghanistans DVPA die Macht. Sie setzte sich weiter für die Gleichstellung von Mann und Frau ein, ordnete ein umfassendes Alphabetisierungsprogramm an, verbat Zwangsehen, setzte die Höhe der Mitgift herab und das Heiratsalter der Frauen auf 16 Jahre hoch.

1979

 

 

Unter sowjetischer Besatzung

Gegen die kommunistische Regierung kämpfte die Opposition der Mudschahidin mit der   fundamentalistischen Guerilla. 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein, unter dem Vorwand, der kommunistischen Regierung helfen zu wollen. Die Sowjets förderten weiter die Alphabetisierung der Bevölkerung. Frauen durften in allen Berufen arbeiten und an den Universitäten studieren.

Allerdings wurde auch der Widerstand gegen die Besatzer immer stärker. Als Zeichen des Protests gegen die sowjetischen Machthaber legten viele Frauen und Mädchen den Schleier an und wandten sich wieder stärker der Religion und den alten Traditionen zu.

 

Afghanistan Sandra Calligaro

1989

 

 

Bürgerkrieg – gegen Frauen

Auf den Abzug der sowjetischen Truppen 1989 folgte der Bürgerkrieg. Damit verschlechterte sich die Situation der Frauen schlagartig. Verschiedene Gruppen der Mudschahidin rivalisierten um die Macht und stürzten damit das Land in Chaos und Gewalt. Opfer dieser  Machtkämpfe wurden auch Frauen: Entführungen, Zwangsehen, Vergewaltigung und Morde als Waffe im Krieg – als Demütigung und Beweis, dass die Gegner nicht in der Lage seien, die Frauen ihrer Familie zu schützen. Frauen wurden aus öffentlichen Ämtern und Universitäten entlassen, durften nicht mehr wählen und mussten außerhalb des Hauses wieder den Schleier tragen.

 

1994

 

 

Der Terror der Taliban

1994 gewannen die Taliban die Macht im Land. Die radikalen Kämpfer gegen die sowjetische Besatzung hatten lange die Unterstützung des Westens genossen. Mit der Machtübernahme schafften sie alle Grundrechte der Frauen ab. Sie durften keinen Beruf mehr ausüben, nicht zur Schule gehen und das Haus nur mit Ganzkörperschleier und in Begleitung männlicher Verwandter verlassen. Frauen, die dagegen verstießen, wurden geschlagen, ausgepeitscht oder zu Tode geprügelt.

 

Afghanistan Sandra Calligaro

2015

 

 

Frauenrechte heute: Kleine Schritte…

Seit dem Sturz der Taliban 2001 hat die internationale Gemeinschaft Milliarden Dollar ausgegeben, um die Lage der Frauen in Afghanistan zu verbessern.

2003 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, in der die Gleichstellung von Frauen und Männern verankert ist. Allerdings darf laut Artikel 3 der Verfassung kein Gesetz im Widerspruch zu den Grundlagen des Islam stehen – das lässt viel Spielraum für die Auslegungen des Obersten Gerichtshofs.

Über zehn Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft ist die Lage der Frauen in Afghanistan widersprüchlich. Sie hängt stark von den Lebensverhältnissen der Afghaninnen ab. Vor allem in der Stadt  besuchen Frauen Schulen und Universitäten und bekleiden öffentliche Ämter. 40 Prozent der Schüler sind Mädchen, im Parlament sind 27 Prozent der Abgeordneten Frauen. Auf dem Land kommen aber nur wenige Veränderungen an. Das liegt auch daran, dass viele Frauen nicht über ihre Rechte informiert sind. Das fundamentalistische Rollenbild hat sich in der Gesellschaft gehalten, mit der Folge von Zwangsehen, Entführungen, Zwangsprostitution und Ehrenmorden.

Seit September 2014 hat das Land mit Aschraf Ghani einen neuen Präsidenten. Er ernannte drei Frauen zu Ministerinnen in seinem Kabinett. Auch seine Frau Rula Ghani hatte nach dem Wahlsieg angekündigt, sich verstärkt für Frauen- und Kinderrechte einsetzen zu wollen. Die Verurteilung von Farkhundas Mördern lässt viele Frauen auf einen Wandel in der Gesellschaft hoffen. 

 

Afghanistan Sandra Calligaro

Die Fotos, die diese Chronologie illustrieren, stammen aus der Serie "Afghan Dream" von Sandra Calligaro. Bei der Reportage "I am Farkhunda" , ausgestrahlt auf ARTE Reportage, hat Calligaro Kamera geführt. 2011 hat sie in unserer Webdokumentation "Afghanistan, 10 Jahre, 100 Blicke" über ihre Arbeit als Fotografin gesprochen. 

 

EIn Internetdossier von Uwe-Lothar Müller und Judith Kormann.

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016