Ägypten : die Rückkehr der Dschihadisten

Länder: Ägypten

Tags: Ägypten, Dschihadisten, Bombenanschlag

Bei einem Bombenanschlag auf einen Touristenbus in Ägypten sind an diesem Sonntag mindestens vier Menschen getötet worden, 14 weitere wurden verletzt. Der Anschlag ereignete sich im Badeort Taba auf der Sinai-Halbinsel ist unweit der Grenze zu Israel. Bislang hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Die Behörden vermuten al-Kaida nahe Islamisten hinter der Tat. Es ist der erste Terroranschlag auf Touristen seit fünf Jahren. Trotz der vom ägyptischen Militär erlassenen verschärften Sicherheitsbestimmungen droht der Terrorismus das Land zu destabilisieren. Immer mehr Dschihadisten kehren nach Ägypten zurück, und die Anschläge nehmen zu: der Mord an einen hohen Berater des Innenministers, der Abschuss eines Armeehubschraubers durch eine Rakete, das Bombenattentat auf das Polizeipräsidium in Kairo, die Explosion vor der Polizeizentrale in Mansura - all das sind nur die aufsehenerregendsten Terrorakte der letzten Monate.

In diesem auf Youtube veröffentlichten Video schießt ein Dschihadist von Ansar Beit al-Makdis einen Hubschrauber der ägyptischen Armee ab. Amerikanischen Militärexperten zufolge handelt es sich bei dem verwendeten Raketentyp um eine SA-16. Diese werden im Irak und in Syrien verwendet. Es ist das erste Mal, dass ein solcher Systemtyp in Ägypten auftaucht und ein deutliches Zeichen der Professionalisierung der ägyptischen Dschihadisten.

 

 


Ägypten ist zu einer neuen Front des Dschihad geworden


„Ägypten ist zu einer neuen Front des Dschihad geworden“, wird Brian Fishman, Experte für Terrorismusbekämpfung bei der ‚New America Foundation‘, von der New York Times zitiert. Seitdem das Mubarak-Regime die islamistischen Aufstände in den 90er Jahren niederschlagen konnte, verließen die örtlichen Dschihadisten das Land,  um in anderen Gefilden gegen den Unglauben zu kämpfen. Fast zwei Jahrzehnte lang blieb Ägypten weitgehend von terroristischer Gewalt verschont.
Bis es zum Bruch kam: die Absetzung von Präsident Mohammed Mursi im letzten Juli, gefolgt vom grausamen Blutbad gegen die Muslimbrüder. Dieses rücksichtslose Vorgehen gegen die Bruderschaft war Wasser auf die Mühlen der radikalsten Islamtheoretiker. Ihre Argumentation ist Folgende: die Muslimbrüder haben das demokratische Spiel mitgespielt und das ist nun das Ergebnis! Ihr legitim gewählter Präsident wurde gestürzt, was beweist, dass der demokratische Weg eine Sackgasse ist. Bleibt Gewalt als einziges Mittel den Islam zu überwinden.


Die Dschihadisten kehren in den Schoß der Familie zurück


Dennoch treibt die Regierung die Muslimbrüder mit jedem weiteren Anschlag mehr dieser Argumentation entgegen. Sie sind es, die man beschuldigt, hinter der Welle von Anschlägen zu stehen. Im Dezember ist das Ende besiegelt: die Bruderschaft steht nun offiziell auf der Liste der terroristischen Vereinigungen. Wenngleich sich zu einem Großteil der Anschläge voller Stolz eine andere Gruppierung bekennt: Ansar Beit al-Makdis. Unter der Fahne dieser vom Sinai aus operierenden Organisation, finden sich die meisten der erfahrenen, nun in den Schoß der Familie zurückgekehrten Dschihadisten.


Was weiß man über sie? Oder besser gesagt, was glaubt man zu wissen, denn die Informationen über die Bewegung sind lückenhaft, mitunter widersprüchlich. Sicher ist jedoch, Ansar Beit al-Makdis wurde 2011 gegründet, nach dem Sturz von Hosni Mubarak unmittelbar nach dem arabischen Frühling. Der Name bedeutet ‚Die Anhänger Jerusalems‘, und tatsächlich waren die ersten Aktionen gegen die israelischen Interessen gerichtet, bevor sie sich schließlich systematisch gegen die paramilitärischen Kräfte Ägyptens richteten. Ihr Aktionsradius hat sich geweitet: vom Sinai aus, wo auch die ersten Anschläge stattfanden, schlagen sie nun im ganzen Land zu. Es geht darum, die ägyptischen Muslime zu rächen, die vom Militär unterdrückt wurden.


Die ägyptische Al Kaida


Diese Gruppierung hat nun mit den Muslimbrüdern einen gemeinsamen Feind, so dass einige in ihr den verlängerten Arm der Bruderschaft sehen, der ihnen hilft, sich an der Regierung zu rächen. Die ägyptische Regierung unterstützt diese These und erinnert an die Freilassung einiger heute im Sinai aktiver Dschihadisten durch Mursi.
Sie scheint außerdem durch ein aktuelles Interview mit dem ehemaligen Anführer des islamischen Dschihad Ägyptens, Nabil Naeem, bestätigt zu werden: ihm zufolge hat die Bewegung ihren Ursprung in Gaza und werde teils von der Hamas und teils von den Muslimbrüdern finanziert und ausgerüstet. Doch diese Verbindungen konnten nie belegt werden, von der Hamas wurden sie immer dementiert.


Für andere ist Ansar Beit al-Makdis ‚die ägyptische Al-Kaida‘. Ayman al-Zawahiri, die ehemals rechte Hand von Bin Laden, heute Anführer des multinationalen Terrorismus, erscheint regelmäßig in Videos, die die Organisation auf Youtube einstellt. Doch scheint Ansar Beit al-Makdis dem ‚Islamischen Staat im Irak und der Levante‘(ISIL), dem radikalsten Zweig der Assad-Gegner, am nächsten zu stehen. Deren Anführer, ein Gewisser Oussama al-Masri, lobte mehrfach enthusiastisch die Leistungen der ‚Brüder‘ der ISIL.


Welche Verbindungen auch immer Ansar Beit al-Makdis haben mag, diese Gruppe droht heute das ganze Land zu destabilisieren. Das ist eine der wichtigsten Herausforderungen, denen sich der neue starke Mann im Land, Abdel Fattah al-Sisi, stellen muss. Und wie um ihn herauszufordern, haben die Dschihadisten von Ansar Beit ihn auch sofort bedroht: er steht an erster Stelle auf ihrer Abschussliste.

 

Barbara Lohr / ARTE Journal