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Abtreibung in Irland: Das Ende eines Tabus?

Länder: Irland

Tags: Religion, Abtreibung

Irland steht vielleicht vor einer historischen Veränderung. Am 14. Juni hat der irische Regierungschef Leo Varadkar für 2018 ein Referendum über die Legalisierung der Abtreibung angekündigt. Das derzeitige irische Abtreibungsgesetz zählt zu den strengsten in Europa. Es erlaubt einen Schwangerschaftsabbruch nur dann, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Die Folge: Jedes Jahr treiben tausende Irinnen im Ausland ab. Eine teure und oft traumatische Erfahrung, gegen die Menschenrechtsaktivisten kämpfen. Obwohl sie als erzkatholisch gelten, haben die Iren vor zwei Jahren per Volksentscheid die gleichgeschlechtliche Ehe abgesegnet. Ihr neuer Premierminister stammt aus einer Immigrantenfamilie und steht zu seiner Homosexualität. Die Grüne Insel scheint sich also grundlegend verändert zu haben. Bricht sie bald auch mit dem Tabu der Abtreibung?

 

L’avortement toujours interdit en Irlande
Irland: Streit um Abtreibungsrecht Das Gesetz zu Abtreibungen in Irland zählt zu den strengsten in Europa. Eine Änderung ist in Sicht. Irland: Streit um Abtreibungsrecht

 

Noch am Tag seines Amtsantritts erklärte Leo Varadkar, er habe dem Gesundheitsminister Simon Harris den Auftrag erteilt, "den gesetzlichen Rahmen für eine Volksabstimmung über den 8. Zusatzartikel der Verfassung im Jahr 2018 vorzubereiten". Er erläuterte zwar weder den Wortlaut der Frage, die den Iren gestellt werden soll, noch die exakte rechtliche Natur der Abstimmung, doch die Grundabsicht ist klar: Der 8. Zusatzartikel, der das Leben des Fötus dem der Mutter gleichstellt und damit den Schwangerschaftsabbruch de facto verbietet, soll in Frage gestellt werden.

 

Uns wäre eine andere Veränderung willkommen: dass der Premierminister statt einer Volksabstimmung endlich Maßnahmen ankündigt, um zu erklären, warum Frauen sich zur Abtreibung genötigt fühlen."

Cora Sherlock, Pro-Life-Campaign - 23/08/2017

Pro und Kontra: Irland macht mobil

Die Pro-Choice-Aktivisten, "Anhänger der Freien Wahl" – so nennen sich die Mitglieder der "Coalition to Repeal the 8th" ("Koalition zur Abschaffung des 8. Zusatzartikels") - schwankten zwischen Freude und Misstrauen: "Wir rufen unseren neuen Premierminister Leo Varadkar vor allem dazu auf, dieses Versprechen auch einzulösen. [...] Die Entscheidung über diese Frage darf nicht weiter hinausgezögert werden", unterstrich etwa Ailbhe Smyth, Mitgründerin der Bewegung.

Cora Sherlock von der Anti-Abtreibungs-Bewegung Pro-Life-Campaign erklärte dagegen: "Uns wäre eine andere Veränderung willkommen: Dass der Premierminister statt einer Volksabstimmung endlich Maßnahmen ankündigt, um zu erklären, warum Frauen sich zur Abtreibung genötigt fühlen."

Unterdessen haben Pro-Choice und Pro-Life ihre Kampagnen intensiviert, mit Demonstrationen und Debatten. Diese – vielleicht letzte – Meinungsschlacht ist nur die jüngste in einem seit 35 Jahren dauernden Kampf. 

 

Unsere Timeline zeigt, wie sich Irland in den vergangenen Jahren zum Thema Schwangerschaftsabbruch positioniert hat. 

Was das Gesetz verbietet und was nicht

Abzutreiben war in Irland immer verboten, auch schon vor seiner Unabhängigkeit. In der Verfassung festgeschrieben wurde dieses Verbot 1983 nach einer heftigen Kampagne der Pro-Life-Bewegung, ausgelöst durch die Entscheidung des Obersten US-Gerichts im Fall "Roe versus Wade". Die amerikanische Letztinstanz erkannte darin die Abtreibung als ein von der Verfassung garantiertes Recht an. Um ein ähnliches Urteil in Irland zu vermeiden, setzten die Abtreibungsgegner die Verfassungsänderung durch. Seither wurde der gesetzliche Rahmen nur minimal angepasst, unter dem Druck von Einzelfällen mit großem Medienecho und der Kritik von internationalen Instanzen wie dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte oder dem UN-Menschenrechtsausschuss. Seit 2013 sind Schwangerschaftsabbrüche erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Die Strafe für die Vornahme einer illegalen Abtreibung wurde von lebenslänglich auf 14 Jahre Haft reduziert.

Die Zahl der legalen Schwangerschaftsabbrüche in Irland lag 2015 bei 26. Die Zahl der Irinnen, die trotz des Verbots abtreiben, geht jedoch in die Tausende. Manche tun es auf irischem Boden, durch Abtreibungspillen. Diese erhalten sie von Organisationen wie Women on Web - ein internationales Kollektiv, das Beratung und entsprechende Medikamente im Internet anbietet - oder ROSA Ireland – ein Verein, dessen Bus quer durchs Land Abtreibungspillen verteilt. Wie viele Irinnen diesen Weg wählen, ist schwer auszumachen. Die Zahl jener, die im Ausland – überwiegend im benachbarten Großbritannien – abtreiben, wird auf mindestens 3.500 geschätzt.

 

Pro-avortement
© Artur Widak / NurPhoto
Abtreibungsbefürworter bei einer Demonstration in Dublin am 8. März 2017

 

 
Abtreiben im Ausland, ganz alleine 

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Hier, hier und hier erzählen Irinnen, wie sie ihre Abtreibung erlebt haben. X-ile Project ist ein Foto-Projekt, das den tausenden anonymen Frauen, die in Irland jedes Jahr abtreiben, ein Gesicht gibt.

Die Reise von Irland zu einem Schwangerschaftsabbruch in einer Klinik in London oder Manchester kostet mindestens 1.000 Euro. Viele Irinnen zahlen darüber hinaus einen hohen seelischen Preis. "Die Gesetzgeber dieses Landes sollten sich endlich klarmachen, dass diese Frauen irische Bürgerinnen sind und dass wir sie in dem Augenblick im Stich lassen, in dem sie am Verwundbarsten sind", empört sich die Abgeordnete Kate O’Connell in einem BBC-Artikel. Die Pro-Choice-Aktivisten beklagen die Bedingungen, unter denen irische Frauen aufgrund der restriktiven Gesetzgebung abtreiben müssen: im Ausland, oft allein und meistens zur Rückreise unmittelbar nach der Operation gezwungen. 

Frances beispielsweise brauchte nach ihrer Rückkehr von einem Schwangerschaftsabbruch in England medizinischen Beistand. Sie erzählt Amnesty International, wie brutal Ärzte und Pflegepersonal ihr begegneten, nur weil sei abgetrieben hatte: "Ich erinnere mich noch genau, wie mich diese Krankenschwester behandelt hat: voller Verachtung, entsetzlich grausam. Ich habe mich so schlecht gefühlt, dass ich danach gar nicht mehr um Hilfe gebeten habe". Hätte sie nicht nach England gehen müssen, so ihr Fazit, "wäre das Ganze viel weniger belastend gewesen und ich wäre medizinisch korrekt versorgt worden".

 

Anti-avortement
© PETER MUHLY / AFP
Proteste gegen das Gesetz, das Schwangerschaftsabbrüche in einer geringen Zahl von Fällen straffrei stellt, in Dublin am 10. Juli 2013 

 

 

 

Abtreibung, eine Schande

Frances Schicksal ist nur eines von vielen. Wie sie werden viele Abtreibende in Irland stigmatisiert. Allein der Begriff "Abtreibung" ist so negativ konnotiert, dass Ailbhe Smyth, wie sie selbst erklärt, ihn auf keinen Fall im Namen der von ihr gegründeten Bewegung haben wollte und sich für die abstrakte "Abschaffung des 8. Zusatzartikels" entschied.

Das Gefühl von Scham und Schande erklärt sich durch die starke katholische Tradition – die Kirche setzt sich für die Beibehaltung des Abtreibungsverbots in der Verfassung ein. Dazu kommt der große Einfluss der Pro-Life-Bewegung im Land. Sie ist bis heute in allen gesellschaftlichen Fragen aktiv. Die Spannweite dieses Engagements geht vom politischen Lobbying der Pro-Life-Campaign bis hin zu militanten Gruppen wie Youth Defense, die nicht davor zurückschrecken, mit Bildern von Föten aufzumarschieren. Manche abtreibungsfeindliche Organisationen sind auch – wie dieser Time-Artikel nachweist – direkt mit der katholischen Kirche verbunden. 
 

Irland, ein Land im Wandel 

Die sexuelle Repression ist noch nicht verschwunden, aber sie verschwindet langsam."

Ailbhe Smyth, Coalition to repeal the 8th 

Das Blatt könnte sich bald wenden. Immer mehr Irinnen sprechen offen über ihre Abtreibung. Das Land hat sich verändert seit 1983. Im April stimmte eine Bürgerversammlung zur Beratung der Regierung mit 64 Prozent für eine fast komplette Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. 

Auch verliert die Kirche seit Jahren an Einfluss – eine Auswirkung der wiederholten Pädophilie-Skandale. Die Iren sind insgesamt in Fragen der Sexualität liberaler geworden. "Die irische Gesellschaft hat die Sexualität unter der Autorität der katholischen Kirche lange Zeit unterdrückt. Ich glaube, davon entfernen wir uns inzwischen. Die sexuelle Repression ist noch nicht verschwunden, aber sie verschwindet langsam", erklärt Ailbhe Smyth. Davon zeugen auch zwei Gesetze aus dem Jahr 2015: Das eine erkennt die gleichgeschlechtliche Ehe an, das andere räumt Transsexuellen ein Recht auf Änderung ihres Personenstands ein.

Die gesellschaftliche Öffnung erklärt sich auch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in Irland, das über die Finanzkrise endgültig hinweg ist. Die Iren seien in ihrer Beurteilung der verschiedenen Formen der Sexualität individualistischer geworden und ordneten diese Frage der Privatsphäre zu. Die Säkularisierung Irlands schreite fort, auch wenn der Katholizismus weiterhin Gewicht hat. Mehrere Vereine und Bewegungen wollen den Einfluss der Kirche weiter beschnitten sehen, vor allem im Erziehungswesen. Ailbhe Smyth bringt es so auf den Punkt: "Früher ordneten sich die Iren der Autorität und den Vorschriften der Kirche unter, heute neigen sie zunehmend dazu, ihre Entscheidungen selbst zu treffen."
 

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Zuletzt geändert am 28. September 2017