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Abgeschoben nach Afghanistan: "Ich will hier nicht sterben!"

Länder: Afghanistan

Tags: Abschiebung, Kabul, Terrorismus

"Willkommenskultur" ade. Es ist Wahlkampf: Die Bundesregierung plant mit ihrem 15-Punkte-Plan die Abschiebungen von geduldeten Flüchtlingen drastisch zu erhöhen, auch nach Afghanistan. Mit den Sammelabschiebungen werden keineswegs nur sogenannte Gefährder ausgewiesen. Auch seit Jahren vorbildlich Integrierte, wie der Musiker Ahmad Shakib Pouya müssen gehen. Wir haben über seinen Fall berichtet. Der gelernte Zahnarzt arbeitete in einem französischen Krankenhaus in Herat, musste nach einem Anschlag durch die Taliban fliehen. Als Musiker, der sich öffentlich gegen die Taliban und die Terrormiliz "IS" in seinen Liedern wendet, ist er besonders gefährdet. Jetzt bangt er in Kabul täglich um sein Leben.

Schwelender Streit zwischen Bund und Ländern

In den vergangenen zwei Monaten sind so viele Menschen nach Afghanistan abgeschoben worden, wie in den vergangenen fünf Jahren nicht. Während Bayern sich bewusst als Musterschüler unter den abschiebenden Ländern präsentiert, lehnen mehrere mehrheitlich rot-grün geführten Länder Beteiligungen an den vom Bund initiierten Abschiebungen ab. Der schwelende Streit um die Abschiebungen nach Afghanistan durchzieht auch die Parteien selbst. ARTE Info hat die Hintergründe zu den "Sammelabschiebungen" zusammengefasst.

ARTE Info: Herr Pouya, wie geht es Ihnen aktuell in Afghanistan? Wo halten Sie sich derzeit auf?

Ahmad Shakib Pouya​: Ich kann nicht sagen, dass es mir gut geht. Jeden Tag wird es hier in Afghanistan schlimmer. Nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen. Immer wieder gibt es Anschläge. Man muss versuchen am Leben zu bleiben. Aber ich habe Angst. Ich will hier nicht sterben! Zurzeit bin ich in Kabul und versuche immer drinnen zu bleiben, gehe fast nicht raus aus dem Zimmer. Nur wenn ich einen Termin habe bei der Botschaft. Anfangs war ein Unterstützer, der Musiker Albert Ginthör, mit mir nach Kabul gekommen. Da haben wir in einem bewachten Hotel übernachtet und sind im gepanzerten Auto zur Botschaft gefahren worden. Aber dann ist im Hotel die Gefahr der Entführung schnell zu groß für uns geworden. Jetzt schlafe ich bei Bekannten auf einer Matratze. Ohne die Bekannten hätte ich nichts zu essen. Die kaufen auch für mich ein. Ich habe hier in Afghanistan keine Familie mehr. Mein Vater starb nach dem Anschlag der Taliban und meine Mutter floh nach Pakistan. Ich muss jetzt oft die Adresse wechseln. Das mache ich nur nachts, wenn es dunkel ist.

 

Können Sie sich überhaupt auf der Straße bewegen?

Ahmad Shakib Pouya​: Überhaupt nicht. Wenn du weißt, dass du auf die Straße gehst und jemand dich töten oder umbringen will, dann gehst du nicht raus. Wenn ich jetzt wegen eines neuen Termins zur Botschaft muss, ziehe ich immer traditionelle afghanische Kleidung an, damit ich nicht auffalle. Das mache ich sonst nie.

 

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Werden Sie bedroht, seit Sie wieder in Afghanistan sind?

Ahmad Shakib Pouya​: Seit ich hier bin, habe ich mehrere anonyme SMS bekommen, dass die Leute wissen, dass ich wieder da bin und warum ich wieder da bin. Freunde haben mir gesagt, dass ein Regionalfernsehen mein Video gegen die Taliban hier gespielt hat. Ich habe ja viele Songs und Videos gemacht, in denen ich gegen den Hass des "IS" und die menschenverachtende Ideologie der Taliban singe. Die Videos waren alle frei im Internet zugänglich. Wenn die mich erkennen als Sänger,... es ist sehr schwierig.

 

 

Was machen Sie den ganzen Tag in Ihrem Versteck?

Letzte Woche ist einer, der aus Bayern abgeschoben wurde von einer Bombe getroffen worden. Das hätte auch ich oder ein anderer sein können."

Ahmad Shakib Pouya

Ahmad Shakib Pouya​: Ich versuche ein Webblog zu machen, "Afghanistan is not safe". Es geht mir darum, Nachrichten zu teilen, damit andere mitbekommen, was hier los ist und etwas zu machen, damit ich nicht depressiv werde. Ich kämpfe auch für meine Rechte und die Rechte von anderen Geflüchteten, die sie abschieben. Die Menschen in Europa wissen gar nicht, was gerade los ist in Afghanistan. Diese Woche fand erst wieder eine weitere Sammelabschiebung aus München nach Afghanistan statt. Auch ein Freund von mir aus Augsburg wurde mit abgeschoben. Das macht mich wütend. Ich kann es nicht beschreiben. Und die wissen, dass wir hier sterben können. Letzte Woche ist einer, der aus Bayern abgeschoben wurde von einer Bombe getroffen worden. Das hätte auch ich oder ein anderer sein können. Viele der abgeschobenen Flüchtlinge haben gar keinen Platz, wo sie in Afghanistan unterkommen können. Und die afghanische Regierung kümmert sich nicht darum. Die Menschen müssen dann auf der Straße schlafen, wie ein Bekannter von mir in Masar-i-Sharif.

 

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Was soll ein Flüchtling noch mehr machen als ich? Ich habe Deutsch gelernt, spreche sechs Sprachen, habe vor Gericht gedolmetscht, anderen Geflüchteten geholfen, so viele Musikprojekte initiiert. Ist ein Papier wichtiger als ein Mensch?"

Ahmad Shakib Pouya

Fühlen Sie sich von den deutschen Behörden ungerecht behandelt?

Ahmad Shakib Pouya​: Von den vielen Unterstützern nicht, aber von der Regierung fühle ich mich ungerecht behandelt. Was soll ein Flüchtling noch mehr machen als ich? Ich habe Deutsch gelernt, spreche sechs Sprachen, habe vor Gericht gedolmetscht, anderen Geflüchteten geholfen, so viele Musikprojekte initiiert. Ist ein Papier wichtiger als ein Mensch? Ich war ja auch ein Vorbild für andere. Wenn die so etwas mit mir machen, was passiert dann mit der deutschen Asylpolitik? Nur Syrer bekommen Schutz, Afghanen nicht mehr. Aber viele von uns sind auch in Gefahr. Das ist traurig.

 

Was hoffen Sie für Ihre nahe Zukunft?

Ahmad Shakib Pouya​: Ich habe jetzt einen neuen Antrag zur Wiedereinreise bei der deutschen Botschaft gestellt und hoffe, dass ich sobald wie möglich nach Deutschland zurück kann. Ich habe nun drei Arbeitsverträge für Deutschland. Einen bei der IG Metall, einen beim Gärtnerplatztheater in München und das Jugendtheater Schauburg will das Fassbinder-Stück "Angst essen Seele auf" mit mir in der Hauptrolle im März aufführen. Das ist alles nur möglich, weil ich der zweiten geplanten Abschiebung zuvorgekommen bin und mir kurz vorher ein Ticket zur Ausreise nach Kabul besorgt habe. Das war aber nicht freiwillig. Es war nicht möglich, für mich legal in Deutschland zu bleiben. Ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt um wieder einreisen zu können. Hätten die Polizisten mich bei der ersten Abschiebung mitgenommen, könnte ich jetzt jahrelang nicht nach Deutschland einreisen und meine Partnerin, meine Frau, nicht sehen. Das hätte ich nicht ausgehalten. Ich wünsche mir nur in Sicherheit mit meiner Familie zu leben und die Musikprojekte, die ich in Deutschland die letzten Jahre gemacht habe, weiterzuführen.

 

Zuletzt geändert am 28. Dezember 2017