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Ab nach Großbritannien - und die anderen?

Länder: Frankreich

Tags: Calais, Flüchtlinge, Migration, Minderjährige

Der "Dschungel" von Calais ist Geschichte. Von den bis zu 8 000 Geflüchteten, die einst darin lebten, ist jeder Fünfte minderjährig. Großbritannien wird einen Teil von ihnen aufnehmen, doch die Mehrheit wird vorerst in Frankreich bleiben. Was langfristig mit ihnen passiert, weiß keiner so genau.

"Ich werde endlich ein bisschen schlafen können", sagt der junge Sudanese Abdou. Erschöpft ist er nach Monaten der Ungewissheit, die er in Calais verbrachte um nach Großbritannien zu kommen. Er könnte damit erfolgreich sein. Denn: Sein Bruder lebt seit fünf Jahren im Vereinigten Königreich. Vorher muss Abdou noch ausharren. Drei bis vier Wochen haben die englischen Behörden versprochen, mehr nicht. Solange steckt Abdou fest. In Cerdon-du-Loiret, einem 1000-Einwohner-großen Dorf im Department Cher, Frankreich.

 

Verstreut in ganz Frankreich

Gestern reisten insgesamt 1 616 Minderjährige in Bussen aus Calais ab, so ein Sprecher der örtlichen Präfektur. Hunderte Gleichaltrige blieben trotz der großen Aktion zurück. Sie zogen sich in Schiffscontainer unweit des ehemaligen "Dschungels" zurück. Bisher ging man nur von 1 500 ungebleiteten Minderjährigen in Calais aus. Die Jugendlichen, die in die Busse stiegen, wurden in ganz Frankreich verteilt – von den Pyrenäen über die Allier bis nach Savoyen. Die meisten wollen wie Abdou nach Großbritannien.

 
Großbritannien beachtet auch besondere Fälle

Das Vereinigte Königreich hat seit dem 10. Oktober gut 300 minderjährige Flüchtlinge aus Calais aufgenommen. Die britische Regierung versprach nun zusätzlich 300 bis 400 weitere aufzunehmen. Bevorzugt werden dabei die sogenannten Familiennachzügler. Doch auch besondere Fälle finden bei der Entscheidung des britischen Innenministeriums, wer nach Großbritannien kommt und wer nicht, Beachtung. Derzeit befinden sich in jedem CAOMI, also jeder Erstaufnahmeeinrichtung für minderjährige Flüchtlinge, zwei Mitarbeiter des britischen Home Office, die über die Einzelfälle entscheiden.

Doch der absolute Großteil der minderjährigen Geflüchteten wird – zumindest vorerst – nicht nach Großbritannien gelangen. Was mit ihnen geschieht ist noch unklar. Die engagierten Organisationen wie "L’Auberge des Migrants" raten den Jugendlichen dazu, in jedem Fall einen Asylantrag in Frankreich zu stellen. Premierminister Manuel Valls bekräftigte ein weiteres Mal, die Asylbewerber aus Calais "werden morgen Franzosen sein".

 

95 Prozent der Jugendlichen wollen nach Großbritannien

Allerdings wollen viele Minderjährige gar nicht in Frankreich bleiben. Schon einen Tag nachdem sie aus Calais abreisten, haben viele Jugendliche versucht, dorthin zurückzukehren. In Fouras, im Department Charente Maritime, zum Beispiel sind elf der 22 Geflüchteten bereits abgehauen. Gleicher Fall in Sion, Meurthe-et-Moselle, wo auch fast die Hälfte der 40 Flüchtlinge schon gegangen ist. Hilfsorganisationen befürchten, dass bald die Hälfte der abgereisten Geflüchteten nach Calais zurückkehren wird, um dort einen neuen "Dschungel" zu bauen.

 

Zuletzt geändert am 3. November 2016