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Mehr als 900.000 Brasilianer protestieren für den Rücktritt von Präsidentin Dilma Rousseff

Länder: Brasilien

Tags: Dilma Rousseff, Proteste, Öl, Korruption

In Brasilien sind am Wochenende über 900.000 Demonstranten in über 100 Städten auf die Straße gegangen. Sie protestieren gegen die ökonomische und politische Krise des Landes und gegen die extrem unbeliebte Präsidentin Dilma Rousseff, deren Arbeiterpartei in den größten Korruptionsskandal des Landes verstrickt ist. 

Wenn man die schlechtesten Zustimmungsraten in der demokratischen Geschichte seines Landes hat, sollte man sich Sorgen machen. Brasiliens Präsident Dilma Rousseff ist momentan in dieser wenig beineidbaren Lage. In einer Umfrage gaben ganze 71 Prozent der Brasilianer an, die Regierung unter Rousseff mache "schlechte oder schreckliche" Arbeit. Über zwei Drittel der befragten Bürger würden ihre Präsidentin gern ihres Amtes entheben und über 900.000 Demonstranten in 100 Städten, laut Organisatioren sogar zwei Millionen, haben diesem Wunsch vergangenes Wochenende lautstark Ausdruck verliehen. Die erst im Oktober 2014 wiedergewählte Rousseff steht damit unter enormen Druck.

Aecio Neves, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei Brasiliens (PSDB, Mitte-Rechts) war Dilma Rousseff bei der letzten Präsidenschaftswahl unterlegen. Dieses Wochenende rief er nun zum ersten Mal seine Unterstützer dazu auf, ihm bei den Protesten zu folgen. "Genug Korruption, meine Partei ist Brasilien!" war sein Protestruf bei der Demonstration in Belo Horizonte, in dem von ihm regierten Bundesstaat Minas im Südosten des Landes. Der Satz spielt insbesondere auf die tief im Korruptionssumpf versunkene Arbeiterpartei (PT) von Präsidentin Rousseff an.

 

Mit Hochdruck gegen Korruption

Die aktuellen Proteste begannen im März dieses Jahres, nachdem die brasilianische Bundespolizei bekanntgab, gegen hunderte führende Politiker wegen Korruption zu ermitteln. Damals gingen sogar bis zu drei Millionen Menschen auf die Straße.  Im Zuge der "Operation Lava Jato" (Operation Hochdruckreiniger) wird inzwischen (Stand August 2015) gegen 494 Politiker und Geschäftsleute ermittelt, die durch zwielichtige Verträge mit dem staatlichen Ölriesen Petrobras über zwei Milliarden Dollar veruntreut haben sollen (siehe unsere Grafik weiter unten).

Schon davor waren die Brasilianer aber unzufrieden mit der seit 2011 regierenden Rousseff. Die letzten fünf Jahre waren von niedrigem Wachstum, einer abstürzenden Währung - der Real wertete in diesem Zeitraum um über 40 Prozent zum Euro ab - und hoher Inflation von bis zu neun Prozent gekennzeichnet. In den Jahren 2013 und 2014 brachen bereits Proteste gegen soziale Ungerechtigkeit und Korruption im Umfeld der Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft im Land aus. Nun haben die Vorwürfe und Proteste gegen Rousseff jedoch eine neue Qualität erreicht – die Präsidentin selbst saß nämlich im Aufsichtsrat des skandalumwitterten Konzerns Petrobras, als die zwielichtigen Geschäfte vonstattengingen.  

 

 

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Grafik: Mikael Cuchard, Donatien Huet, Janina Schnoor

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016