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70 Jahre "Nakba": Der Kampf gegen das Vergessen

Länder: Palästina

Tags: Israel, Besetzung, Architektur, Kulturerbe, Gedächtnis, Nahostkonflikt

Am 15. Mai erinnern die Palästinenser an die Flucht und Vertreibung hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung vor 70 Jahren. Heute haben die sogenannte "Nakba" sowie die Kolonisierung von Ost-Jerusalem und der palästinensischen Gebiete einen bedeutenden Einfluss auf den Alltag der Palästinenser, aber auch auf ihr kulturelles Erbe. Wie gelingt es der Bevölkerung, die Erinnerung zu konservieren, während die Spuren der Geschichte nach und nach verwischt werden? ARTE Info stellt drei unterschiedliche Bürgerinitiativen vor, die das kulturelle Erbe Palästinas zu erhalten versuchen.

Lifta ist eine Geisterstadt im Hinterland von Jerusalem. Steinruinen säumen die sanften Hügelzüge. Doch die Idylle ist trügerisch. 1947 sind ca. 750.000 Menschen vor dem Krieg und vor der israelischen Armee geflüchtet. Seither ist Lifta verlassen. Die Palästinenser nennen diese Ereignisse "Nakba", die "Katastrophe."

Die Steinruinen von Lifta sind ein Relikt der Nakba. Sie stehen als Symbol für den Kampf der Palästinenser um den Erhalt des kulturellen Erbes.

La lutte des Palestiniens face à une mémoire menacée
70 Jahre "Nakba": Der Kampf gegen das Vergessen ARTE Info beleuchtet drei Bürgerinitiativen, welche das kulturelle Erbe Palästinas zu erhalten versuchen. 70 Jahre

 

Yacoub Odeh war ein Kind, als er aus seinem Heimatort gejagt wurde. "Für uns bedeutet Lifta unser Gedächtnis, unsere Geschichte (…). Wir haben nicht vor, diese Erinnerung zu löschen," sagte er 2017 der AFP.

In Israel werden die Ereignisse von 1948 als "Unabhängigkeitskrieg" bezeichnet. Lifta steht als Symbol für eine dunkle Geschichte, die in der offiziellen Geschichtsschreibung keinen Platz findet, auch wenn diese einschlägige Narration der Geschichte verschiedentlich von israelischen Historikern hinterfragt wurde. Lifta steht auf der Liste bedrohter Stätten der amerikanischen Organisation World Monuments Fund. Heute wird Lifta von einem israelischen Immobilienprojekt bedroht.

 

1. Der Kampf von Riwaq um das architektonische Erbe

"Während der Nakba 1948 wurde die Hälfte der palästinensischen Architektur und Städte zerstört, die Hälfte der Bevölkerung wurde vertrieben. Dies war die erste große Zerstörung palästinensischer Erinnerung und kulturellem Erbe", erklärt Khaldun Bshara, Direktor einer NGO namens Riwaq. Riwaq spezialisiert sich auf die Erhaltung des architektonischen Erbes Palästinas.

Nach der Nakba haben die Kolonisierung von Ost-Jerusalem und vom Westjordanland sowie die Urbanisierung das Land mehr und mehr verändert und fragmentiert. Auf der Grundlage dieser Entwicklung wurde 1991 Riwaq gegründet. Die Organisation erstellt ein Register historischer Bauten, die noch bestehen oder deren Ruinen noch sichtbar sind.

"Wir sind uns bewusst, dass wir unseren Kindern nichts mehr erzählen können, wenn wir das verbleibende Erbe nicht schützen und registrieren", erinnert sich der Gründer von Riwaq, Khaldun Bshara, gegenüber ARTE Info.

Zu Beginn hatte die Organisation Bauten restauriert, später ganze Dörfer. Heute legt sie den Fokus auf größere Flächen, um dem zerstückelten Land einen Fortbestand zu gewährleisten.

"Es geht um die Fragmentierung des palästinensischen Raumes, um Enteignung und die Zerstückelung der Region. Ich denke, dass es wichtig ist, auf die Kolonisierung hinzuweisen und gleichzeitig eine neue Entwicklung zu starten", erklärt Bshara.

 

2. Grassroots Jerusalem kämpft gegen die Kolonisierung in Ost-Jerusalem

Eine andere Initiative, die darauf abzielt, historische Orte zu konservieren, ist Grassroots Jerusalem. Die Organisation wurde von Palästinensern gegründet, die in Jerusalem wohnhaft sind und gegen die Kolonisierung kämpfen. Die Organisation hat einen interaktiven Plan der Stadt entwickelt, die von Israel als Hauptstadt in Anspruch genommen wird.

Im Reiseführer werden die Viertel der Stadt vorgestellt. Einige dieser Viertel wurden schon verändert. Andere werden gerade "isrealisiert". Davon betroffen sind äußerliche Merkmale und auch Namen von Straßen und Plätzen.

 

Die palästinensische Diaspora

Von den insgesamt 12,3 Millionen Palästinensern weltweit, leben ca. 6,1 Millionen außerhalb der palästinensischen Gebiete. 5,4 Millionen leben in arabischen Ländern (hauptsächlich im Nahen Osten und in den Golfstaaten) und 685.000 im Rest der Welt. Quelle: Palästinensisches Amt für Statistiken, 2015.

3. Das palästinensische Museum - ein transnationales Projekt

Das palästinensische Museum wurde 2016 in Birzeit, Westjordanland, gegründet. Das Ziel: "eine offene, dynamische palästinensische Kultur unterstützen, national wie international." Im Moment läuft die Ausstellung "Labour of love" über die Geschichte der palästinensischen Stickerei.

Das Museum hat ebenfalls eine interaktive Plattform geschaffen, die Archivmaterial zum palästinensischen Alltag seit 1750 umfasst. Sie erlaubt es, von überall her auf die Geschichte der Palästinenser zuzugreifen, auch im Ausland. Das hat einen bestimmten Grund: Rund die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung lebt außerhalb der palästinensischen Gebiete.

Alle drei Projekte wurden durch Bürgerinitiativen ins Leben gerufen. Für Khaldoun Bshara sind gerade sie - neben den politischen Initiativen - so wichtig: "Die Politik hat eine Agenda, die gegenüber unserer komplementär sein kann. Wir sind "bottom up" und die sind "top down". Sie sprechen international und wir lokal."

Zuletzt geändert am 15. Mai 2018