3 Monate separatistische Herrschaft in Slawiansk

Länder: Russland, Ukraine

Tags: Slawiansk

Irina Belevol lebt in Slawiansk. Sie war dort, als die Separatisten kamen. Wie viele andere hat sie erst nicht verstanden, was vor sich ging. Als die ukrainische Armee anrückte, um die Stadt zurückzuerobern, wurden die Separatisten gewalttätig. Unsere Reporter Fanny Lépine und Cécil Thuillier haben mit ihr über drei Monate Besatzung gesprochen.

Die Separatisten übernehmen die Macht

 

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Es war am 12. April. Wir waren auf dem Markt und haben dort unsere Bürgermeisterin Nelly Shtepa gesehen. Sie hat etwas gekauft, was, haben wir nicht gesehen. Später haben wir dann gehört, dass bewaffnete Männer in die Stadt gekommen sind und das Polizeikommissariat besetzt haben. Alle sind hin und wollten sehen, was da los war. Es waren 15, höchstens 20 Männer in Tarnanzügen. Sie waren um sieben Uhr früh in Militärlastern angekommen. Sie haben die Gitter von den Fenstern abgerissen, um in das Gebäude reinzukommen. Von den Polizisten waren nur drei anwesend.

 

Dann kam die Bürgermeisterin Nelly Shtepa und sagte: "Das sind doch unsere Jungs, sie wollen nur ein bisschen demonstrieren.“

 

Dann sind sehr schnell auch die Fernsehleute aufgetaucht. Die Leute sagten den Bewaffneten: "Was wollt ihr hier? Niemand hat euch gerufen!" Dann kam die Bürgermeisterin Nelly Shtepa und sagte: "Das sind doch unsere Jungs, sie wollen nur ein bisschen demonstrieren. Ich habe ihnen am Markt Schals gekauft, damit ihnen nicht zu kalt wird." Inzwischen kamen immer mehr Bewaffnete an, es war klar, dass das alles gut organisiert war. Wir haben später erfahren, dass die Männer in der Villa Maria einquartiert waren. Das ist ein Gästehaus, gleich neben dem Museum. Und angemietet hatte es unser Pope.


Die Villa diente auch als Lager für die Waffen, die sie in Särgen in die Stadt geschmuggelt hatten. Die orthodoxe Kirche von Moskau hat alles gedeckt.

 

Dann haben sie die Waffen an Freiwillige verteilt, in aller Öffentlichkeit, das ist gefilmt worden. Dann hat Nelly Shtepa LKWs mit Sandsäcken kommen lassen. Die ganze Aktion war gründlich vorbereitet. Eine LKW-Ladung Sandsäcke, das kann man nicht in einer Stunde abfüllen, und länger hat das nicht gedauert! Im Handumdrehen haben sie Barrikaden vor dem Kommissariat aufgebaut. So war das, so haben sie sich eingenistet.

 

Die Separatisten am Ruder

 

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Am Anfang haben wir ihnen gesagt, sie sollen verschwinden. Aber sie haben geantwortet: "Wir sind zwar nur 15, aber wir sprengen hier alles in die Luft!" Nachher sind dann immer mehr gekommen. Sie haben Straßensperren eingerichtet, und dort haben wir viele Tschetschenen gesehen, mit schweren Waffen, die wir hier nicht kennen. Es heißt, die Aufständischen waren Ukrainer, aber solche Maschinenpistolen, wie die hatten, findet man hier in keinem Geschäft.   

 

Das waren russische Waffen und russische Soldaten. Wir können Russen und Ukrainer unterscheiden, an der Aussprache, an der Ausdrucksweise.
 

Natürlich waren auch einige Leute aus der Stadt dabei, aber das war eine bestimmte Art von Leuten, und zwar... Wie soll ich sagen? ... Außenseiter.
 

Ich habe bei den Separatisten viele gescheiterte Existenzen gesehen, Alkoholiker und Drogenabhängige. Ich kenne diese Leute.
 

​Der erste Monat war ein Fest für sie. Sie paradierten in ihren Tarnanzügen und mit ihren Maschinenpistolen. 

 

Der erste Monat war ein Fest für sie. Sie paradierten in ihren Tarnanzügen und mit ihren Maschinenpistolen. Sie waren zufrieden, die Stadt gehörte ihnen.

Wir sind Rentner, aber wir haben die ganze Zeit über unsere Rente nicht bekommen. Die Banken waren geschlossen, drei Geldtransporte der „Privatbank“ haben sie ausgeraubt. Sie haben in den Banken so viel Geld gestohlen, wie sie nur konnten. Auf dem Markt und in den Geschäften haben sie sich auch einfach bedient, ganz ungeniert.
 

Wir begriffen nicht wirklich, was da vorging. Wir hatten den Eindruck, dass uns die Ukraine im Stich gelassen hatte. In Wahrheit hatten die ukrainischen Truppen versucht, in die Stadt zu kommen, aber die Leute hatten sie nicht durchgelassen. Die Separatisten hatten die Leute bezahlt, damit sie die ukrainischen Soldaten blockierten. Sie hatten ihnen ein-, zwei-, dreihundert Hrywni gegeben und gesagt: „Lasst sie nicht durch!“ Viele haben das Geld genommen und sich auf die Straße gelegt, vor die Panzerfahrzeuge. 
 

Am Anfang ging es noch friedlich zu. Aber als die ukrainische Armee näher gekommen ist und auf dem Hügel von Karatschum oberhalb von Slawjansk Stellung bezogen hat, haben die Separatisten ihre Manöver begonnen. Sie haben einen Granatwerfer aufgefahren. Sie wollten die Leute davon überzeugen, dass die Regierung in Kiew uns nicht nur im Stich gelassen hatte, sondern gegen uns war. Und wie haben sie das angestllt? Sie haben einfach den Granatwerfer aufgestellt und in Richtung ukrainische Armee geschossen. Wir sind auf die Straße, um zu sehen, was los war. Wir hatten keinen Strom mehr, die Kabel waren alle abgerissen.
 

Und dann haben sie den Granatwerfer umgedreht und in die andere Richtung geschossen.
 

Ich erzähle Ihnen noch was: Am 24. Mai sind zwei Jungs nach der Schule am Kommissariat vorbeigelaufen, dem Hauptquartier der Separatisten. Die Jungs haben geschrien: „Die Ukraine lebe hoch!“ und sind weggelaufen. Wissen Sie, was die Separatisten getan haben? Sie haben sie verfolgt, vor einem Geschäft gestellt und ihnen in die Beine geschossen – zwei sechzehnjährigen Jungs!

 

Versöhnung?

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Als Putin seine Truppen geschickt hat, haben sie viele Gebiete zurückerobert, die wir befreit hatten. Zu dem Zeitpunkt hatten wir echte Angst. Ich habe immer einen gepackten Koffer bereitstehen, falls ich weg muss. Aber heute wissen wir, dass wir nicht mehr allein sind, das heißt, wir hoffen es. Wissen Sie, warum? Weil heute jeder Slawjansk kennt, jeder hat von uns gehört. Die Stadt, in der der Krieg angefangen hat, kann man nicht einfach aufgeben.


Wenn sie wiederkommen, überlassen wir ihnen die Stadt nicht mehr so einfach. Wir wollen sie hier nicht haben. Die Russen sollen in Russland leben. Das hier ist unser Land, unser Volk, und das darf man nicht spalten. Putin kann aufhören, uns gegeneinander aufzuhetzen, er wird es nicht schaffen. 

 

Putin hat etwas Schreckliches geschafft: Er hat die Ukrainer gegen die Russen aufgebracht. Jetzt hasse ich die Russen.

 

Etwas anderes hat er allerdings geschafft, etwas Schreckliches: Er hat die Ukrainer gegen die Russen aufgebracht. Meine Tochter lebt in Deutschland und sagt: “Ich hasse die Russen!“ Aber die Hälfte der Russen kann ja auch gar nichts dafür, sie sind nicht alle gleich. Und trotzdem hasse ich die Russen jetzt auch. Sie sind meine Feinde geworden, weil sie uns Böses tun. 
 

Ich sage heute allen: „Lasst bloß die Russen nicht in euer Land. Lasst keinen Russen rein, sonst kommt am Ende nämlich Putin. Und wisst ihr auch warum Putin in euer Land kommen wird? Weil es auf alle Fälle besser ist als seines.